Schon im Sommerloch? Ein Streit um die deutsche Nationalhymne


(nmz) -
Da hat Bodo Ramelow ja was losgetreten. Der habe eine Systemfrage gestellt, so Wenke Husmann in der Zeit. Und womit? Etwa mit Recht? Nein, indem er die gute Funktion der aktuellen Nationalhymne Deutschlands, kulminierend in dem Gefühl: „Ich singe die dritte Strophe unserer Nationalhymne mit, aber ich kann das Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden“ kritisiert. Lässt man das spezielle Gefühl mal außer Acht, denn es reichen ja die Aufmärsche, die aktuell durch Deutschland ziehen leider ja aus, was bleibt da übrig? Sommerloch kommt ja erst noch.
10.05.2019 - Von Martin Hufner

Davon abgesehen, die gerade praktizierte Nationalhymne Deutschlands hat gar keine drei Strophen, sondern nur eine – er verwechselt das mit der „Nazi“onalhymne zwischen 1933-45. Das ist keine Spitzfindigkeit, aber bestätigt das, was Bodo Ramelow ergänzt: „Die Geschichte unserer Nationalhymne, des Liedes der Deutschen, ist eine Geschichte von Brüchen“, sagt Bodo Ramelow, Ja, das ist wahr. Es spricht aber weder für noch gegen die Verwendung eines solchen Stücks. Mir wäre es auch lieber, wir würden eine schöne Melodie von Paul Hindemith, Wolfgang Rihm oder Carola Bauckholt zur neuen Grundlage einer Hymne machen. Aber das hat Ramelow ja nicht vorrangig im Visier seiner Kritik. Es geht um den Text und es geht um seine Verbreitung seit den 50er Jahren.

Aber zunächst ein paar Bemerkungen zur Verbreitung der Nationalhymne in Deutschland. Zwei Umfragen dazu waren in der Kürze auffindbar. Beide angeblich einigermaßen repräsentativ:

2008: „Wie das Meinungsforschungsinstitut Emnid für DAHEIM in Deutschland in einer repräsentativen Umfrage herausfand, kennen in den westlichen Bundesländern 51 Prozent den Text der Hymne, in den östlichen Bundesländern ist es nur ein Drittel. Auffallend sind die Altersunterschiede. Je jünger die Befragten waren, desto besser kannten sie den Text. Demnach waren es 62 Prozent bei den 14- bis 29-Jährigen, aber nur 35 Prozent bei den 50- bis 59-Jährigen und 41 Prozent der über 60-Jährigen.“ Quelle Presseportal

Die zweite Umfrage ist noch einmal 20 Jahre älter, von vor der „Wende“.

1988: „Indes ergab unlängst eine vom ZDF bestellte Umfrage, daß drei Viertel der Bundesbürger den Text der offiziell bevorzugten dritten Strophe gar nicht oder nur unvollständig kennen – bei den Jugendlichen unter 19 waren es nur acht Prozent.“ Quelle ZEIT

Die Ergebnisse sind erstaunlich: Man kann daraus durchaus den Schluss ziehen, dass Deutschland vor allem ein Land der zunehmenden Vergesslichkeit ist. Wer hätte also eigentlich gedacht, dass es immer wieder die jungen Leute sind, die sich diesen Text merken können. Die zunehmende Vergesslichkeit zeigt aber meines Erachtens auch an, welchen Stellenwert man dem Stück in seinem Leben zuweist. Er wird, je älter, offenbar immer geringer. Und zwar nicht nur, weil man eben älter und gebrechlicher wird. Über die Gründe mag man spekulieren, frei und wild. Aber ich komm‘ nicht drauf.

Zurück zu Bodo Ramelow: „Ich finde nichts anrüchiges daran, fast 30 Jahre später zu fragen, ob es nicht doch sinnvoll zu sein, die Einheit in Freiheit auch dadurch zu vollenden, dass wir den Mut zu einer neuen Hymne finden, die deutlich sinnstiftender in das jetzige Deutschland passt.“

Sinnstiftender …

Das meint er schon ernst. Da wäre es sicher im sinnstiftendsten, auf Sinnstiftung zu verzichten. Denn alles was Sinn stiftet, wirkt auf Dauer auch ein bisschen abstumpfend. Es käme ja vor allem darauf an, die Sinne zu schärfen und die Wahrnehmung zu ertüchtigen. Und das „jetzige“ Deutschland ist für eine Hymne ein sehr kurzfristiger Zeitraum. Geschichte ist in Bewegung, und geht sie in die falsche Richtung, wird das „jetzige“ eine unangenehme Sache werden. Traditionen, Konventionen könnten auch einmal anzeigen, dass Dauerhaftigkeit sowie Nachhaltigkeit bei bestimmten Grundwerten ja weder ein Fehler sein mögen, noch zu tadeln.

Gewiss ist sein Vorschlag, die Kinderhymne von Brecht zu wählen, abgesehen von rechtlichen Problemen und damit verbundenen Kosten, ein netter Versuch, weil er den Auf- und den Zusammenbruch vieler bürgerinnenbewegter erinnern lässt. Dass aber ein 70 Jahre altes Stück nun als „Jetzig“ gelten soll, wirkt zumindest eigenartig. Die Brecht‘sche Kinderhymne ist mir persönlich ja sehr sympathisch, aber andererseits: Als offizielles, als patriotisches Stück bei Anlässen wie Internationales Dopingspielen zu hören, das täte sehr weh. Da ist die aktuelle Hymne robust genug, um das auszuhalten.

Wo bleibt die deutsche Rationalhymne

Die Diskussion jetzt loszutreten, zeugt von wenig politischem Instinkt. Denn so wenig sich Einigung über die Aufstellung der Deutschen Nationalfrauschaft sich erzielen ließe, so wenig wäre dies für diese national-repräsentative Institution zu schaffen. Dabei böte sich zur Aufmunterung der Deutschen Fussballnationalmannschaft ein „Auferstanden aus Ruinen“ auf die Melodie von Weill’s Mackie Messer gewiss an.

Die im Osten, sagt Ramelow, könnten mit der Westhymne ja nix anfangen. Und da haben wir das nächste Problem. Es scheint in Deutschland eine große Freude auszubrechen und Verzweiflung zugleich, wenn man auf Dauer Ost und West – statt sinnvollerweise, Bayern und den Rest – gegeneinander auszuspielen und damit zu verstetigen. Ramelow reißt hier die Wunde erneut auf und streut Salz hinein. Sinnstiftender wird es dadurch allerdings nicht. Da hatte Alexander Kluge schon mehr recht, wenn er einmal sinngemäß sagte: „Die Wunden der Geschichte würden nur dann ‚heilen‘, wenn man in ihnen herumwühle.“

„Ich bin ein Adler und ich fliege, | Die Ewigkeit ist mein Gewand, | Das Herz der Welt ist meine Wiege, | Die Menschheit ist mein Vaterland!“ Arno Holz

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