Schwarze Schafe und rote Nasen – „Die Nase“ an der Semperoper und die Schostakowitsch-Tage in Gohrisch


(nmz) -
Als letzte Neuproduktion dieser Saison brachte die Dresdner Semperoper Dmitri Schostakowitschs Frühwerk „Die Nase“ heraus. Wie passend, dass dies zeitgleich zu den 13. Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch geschah.
05.07.2022 - Von Michael Ernst

Alle Welt trägt rote Nasen. Nur im Himmel sind die Nasen goldig. Der liebe Gott und sein eingeborener Sohn, bei dem sogar Dornenkrone und das riesige Kreuz, das er geschultert hat, gülden glänzen, sind da sehr eigen.

Ein Mensch jedoch, der gar keine Nase hat, ist nochmal was ganz besonderes. Ein Außenseiter, der prima abgestempelt werden kann. Aber wer sind die schwarzen Schafe, die Mitläufer oder die Widerständigen in der Menschheitsfamilie? In Dmitri Schostakowitschs Oper „Die Nase“ werden vielerlei Fragen gestellt. Wo ist die Nase, die dem russischen Beamten Kowaljow über Nacht abhanden gekommen ist? Wie soll er nun leben? Wer sind dieser Gott und sein Sohn just in einem Musiktheater aus den Anfangszeiten kommunistisch verheißener Paradiese? Und wo ist die Brezelverkäuferin, die in dem frei nach Nikolai Gogols gleichnamiger Novelle entstandenen Dreiakter von einer Horde Polizisten heftig gepiesackt werden sollte? In dieser Neuproduktion fehlt sie.

Regisseur Peter Konwitschny sowie sein Ausstatter Helmut Brade haben sich ein paar künstlerische Freiheiten erlaubt und die 1930 uraufgeführte Vorlage kräftig gegen den Strich gebürstet. Herausgekommen ist dabei allerdings keine Neudeutung in Zeiten des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine (das wäre denn auch zu plakativ), sondern ein absurdes Stück zeitloser Gültigkeit.

Mit Anfang Zwanzig hatte Schostakowitsch all diese Absurditäten in eine herrlich freche Groteske gesteckt. Seine musikalisch äußerst vielfältigen Mittel konterkarieren die Un-Handlung mit orchestraler Opulenz und solistischen Überraschungen, mit Balalaika-Klängen und dem vermeintlich ersten Stück für ein Schlagzeugensemble. Eine druckvolle Entsprechung für das Handwerkszeug der Polizei, den preschenden Schlagstock. Um auch das geistige Potential dieser Hau-Drauf-Meute zu schildern, singen die mit schwarzen Mänteln und Hüten versehenen Hüter der Macht schrill und grell in höchsten Tönen wie aus hohlen Köpfen.

Als Dirigent im Graben der Semperoper debütierte der Tscheche Petr Popelka, der dort jahrelang Kontrabass spielte, dann die Kapelle 21 ins Leben rief, Kammeropern an Semper Zwei leitete und inzwischen Chefdirigent am Norwegischen Rundfunk-Orchester Oslo ist, ab Herbst das Radio-Sinfonieorchester Prag übernimmt, am Prager Nationaltheater und anderswo gastiert – eine Blitzkarriere. Wie er das flirrende Zusammenspiel der Instrumentengruppen, Schostakowitschs vertrackte Rhythmen, das Miteinander von Bühne und Graben in teils wahnwitzigen Tempi einschließlich zahlreicher Kontraste und Brüche koordiniert hat – und dabei unübersehbar auch noch viel Freude gehabt hat, die sich auf Orchester und Publikum übertrug –, das verdient höchsten Respekt.

Nicht minder eindrucksvoll der Däne Bo Skovhus mit seiner Umsetzung des nasenlosen Kowaljow. Wie der sich über die Bühne und durch die Szenen schinden ließ, mal nobel und eitel agierte, ängstlich und verzweifelt gestikulierte, trotz allem auch noch mit baritonaler Brillanz überzeugte, das ist enorm. In einer Gesellschaft roter Nasen scheint er nackt – was soll er bloß tun? Da niemand helfen kann, erschießt er sich und kommt in den Himmel, wo statt Wachtmeister und Doktor die geldgierige Goldnase Gott und dessen selbstloser Sohn auftreten. Gleich darauf gehts mit dem Teufel zu. Die Nase bekommt er zwar zurück, doch die will am angestammten Platz nicht wieder halten. Zum Schluss ist er die einzige Figur mit Kunstkolben im Gesicht, die nun aber nicht mehr rot ist, sondern teuflisch schwarz. Ist er das schwarze Schaf, das auf der Kurtine zu Beginn des Stückes als Einzelfall und nach der Pause massenhaft gezeigt wird?

Gebt uns ein Theater, wir wollen spielen!

Konwitschny und Brade entlarven das Eitle dieses verlorenen Gewinnlers in größtmöglicher Spielfreude. Noch hochnäsiger als dieser Kowaljow ist nur dessen menschengroß gewachsenes Riechorgan, das als Staatsrat durch die Straßen flaniert. Diese Inszenierung ist so zeitlos wie die bunten Farben auf der bewegungsreichen Bühne mit ihren zahlreichen Hubpodien und Versenkungen. Eine klitzekleine Prise Erotik, plakative Konsumkritik sowie – in köstlichen Chorszenen – Persiflagen auf die Verführbarkeit des Volkes würzen das Ganze.

Alles in allem eine bissige Oper, in der es viel zu lachen gibt, die aber auch künstlerisch hohe Maßstäbe setzt und erfüllt. Neben Skovhus und dem Staatsopernchor müssten rund drei Dutzend weitere Partien erwähnt werden. Vom Barbier Iwan Jakowlewitsch, der die titelgebende Nase morgens im Brot findet (Jukka Rasilainen herrlich schrill), und seiner keifenden Gattin (Roxana Incontrera mit dem Organ einer Xanthippe), die das Corpus Delicti rasch aus dem Haus haben will, bis hin zu Timothy Oliver als eilfertigen Diener, Aaron Pegram und Martin-Jan Nijhof als weißgoldenes Himmelspersonal sowie Jürgen Müller als keifender Teufel. Nicht zu vergessen das wie einem Tschechow-Drama entsprungene Gespann Sabine Brohm und Alice Rossi, L’udovít Ludha als Nasen-Staatsrat sowie Gerald Hupach, Tilmann Rönnebeck und Matthias Henneberg in weiteren Rollen. Das schlagkräftige Agentenpaar Katerina von Bennigsen und James Kryshak wirkt trotz kopfiger Spitzentöne nie überfordert, hätte wohl aber das Zeug dazu, jeglichen Pazifismus rund um den Roten Platz nach Sibirien zu schicken.

Schostakowitsch wird statt Stroh gesponnen

So viel Schostakowitsch war nie. „Die Nase“ sowie ein Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle in der Semperoper mit der 1. und der 9. Sinfonie unter Leitung von Omer Meir Wellber haben die 13. Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch großartig ergänzt. Doch sie glänzten auch selbst, sogar mit unerhörten Werken, also Uraufführungen des 1975 verstorbenen Komponisten.

Dass dies selbst in den vom Kreml verordneten Kriegszeiten möglich ist, klingt erstaunlich. Doch wie schon in den vergangenen Jahren findet das Schostakowitsch-Archiv immer mal wieder Rares oder gar Verschollenes. Auch wenn das Chorlied „Ruhm den Schiffbauern“ 1964 wohl eher ein Gelegenheitsstück gewesen sein dürfte, dessen Noten in alten ukrainischen Zeitungen gefunden wurden – just nach Putins Überfall stand diese Würdigung der Werft von Mykolajiw (wo u.a. das seit Mitte April den Grund des Schwarzen Meeres verseuchende Flaggschiff „Moskwa" gebaut wurde) in einem besonderen Licht.

Neben bekannten Werken wie der Cello-Sonate op. 40 und dem 2. Klaviertrio op. 67 sowie vor allem dem 9. Streichquartett op. 117 erklangen in der Gohrischer Konzertscheune Präludien und Fugen für Klavier solo sowie beachtenswerte Neufassungen aus Schostakowitschs Schaffen. Den auf Texten von Marina Zwetajewa fußenden Gedichtzyklus für Alt und Kammerorchester transponierte der Dirigent Dmitri Jurowski für den wunderbaren Sopran von Evelina Dobraceva. In bewegendem Gedenken an seinen im März verstorbenen Vater Michail Jurowski brachte er zudem dessen Orchesterfassung von Schostakowitschs Satire „Die menschliche Komödie“ heraus; ein klingendes Wechselspiel aus Opulenz und Elegie, Marschmusik und Tanz, garniert mit süffisanten Kommentaren.

Beide Uraufführungen wurden von Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle mit vorgetragen, um die enge Verbindung Michail Jurowskis sowohl zum Orchester als auch zu den Schostakowitsch-Tagen zu würdigen.

Dass die Musik des Namensgebers auch dieses Jahr, zumal nach zweijähriger Corona-Absenz wieder in Gohrisch erklingen sollte, war für die Veranstalter um den Künstlerischen Leiter Tobias Niederschlag keine Frage. Schließlich habe Schostakowitsch selbst unter früheren Kreml-Herrschern gelitten und insbesondere die Repressionen des Stalinismus in seiner Musik reflektiert. Doch auf die bis vor kurzem noch unvorstellbare Situation dieses brutalen Überfalls der russischen Armee sollte reagiert werden.

So wurde der 1937 geborene Komponist Valentin Silvestrov, der die Ukraine nach dem Kriegsbeginn mit Tochter und Enkeltochter gen Deutschland verlassen hat, eine Art Ehrengast in Gohrisch. In sämtlichen Konzerten (bis auf den parallel zur „Nasen“-Premiere stattfindenden Klavierabend mit der phänomenablen Yulianna Avdeeva) standen Arbeiten Silvestrovs mit auf dem Programm. Neben Ausschnitten aus Zyklen mit sprechenden Titeln wie „Kitschmusik“, „Naive Musik“ und „Melodien der Augenblicke“ gab es – vorgetragen vom Eliot Quartett – die Deutsche Erstaufführung seines 2011 entstandenen 3. Streichquartetts sowie solistische Darbietungen des komponierenden Pianisten, der für sein Lebenswerk den Internationalen Schostakowitsch-Preis Gohrisch erhielt.

Zum Politikum wurde der 84-Jährige jüngst, als die Moskauer Polizei unter dem Vorwand einer Bombendrohung ein Konzert des Pianisten Alexi Lubinov mit Musik von Silvestrov und Schubert abgebrochen hat. Gemeinsam mit der Sopranistin Viktoriia Vitrenko ist dieses Konzert in Gohrisch nachgeholt worden. Allerdings in umgekehrter Reihenfolge: Dem Vokalzyklus „Stufen“ gingen Impromptus und Lieder von Franz Schubert voran. In polizeilichem Unwissen war das Programm in Moskau wohl wegen Silvestrovs Musik, aber erst bei Schubert beendet worden.

Mit zwei Uraufführungen des 1962 geborenen Yuri Povolotsky stand ein weiterer Komponist aus der Ukraine auf dem Programm, das – wie schon im Sonderkonzert mit dem Violinkonzert „Offertorium“ – der inzwischen 90jährigen Sofia Gubaidulina und Schostakowitsch-Preisträgerin von 2017 eine besondere Reverenz erwies.

www.schostakowitsch-tage.de

  • 14. Internationale Schostakowitsch-Tage Gohrisch: 22.-25. Juni 2023
  • Termine „Die Nase“: 7., 10. und 13. Juli sowie 18., 21. und 30. September

Das könnte Sie auch interessieren: