Lauwarm – In Düsseldorf misslingt Camille Saint-Saëns' „Samson et Dalila“ gründlich


(nmz) -
Joan Anton Rechi inszeniert an der Düsseldorfer Rheinoper Camille Saint-Saëns' ursprünglich als Oratorium konzipiertes Werk „Samson et Dalila“ als lauwarme Pseudo-Aktualisierung und pappt eine unbeholfen formulierte Kapitalismus-Kritik als Feigenblatt auf ein mit abgestandenen Klischees hantierendes Rampentheater, meint Regine Müller in ihrem Premierenbericht.
20.10.2019 - Von Regine Müller

Wie sich die Zeiten ändern: Vor zehn Jahren sorgte an der Kölner Oper Camille Saint-Saëns' „Samson et Dalila“ schon vor der Premiere für Furore, denn die Probenarbeit des zu radikalen politischen Lesarten neigenden Tilman Knabe trieb die Chorsänger scharenweise in die Krankschreibung und ließ auch Solisten rebellieren. Die vorab betriebene Kritik an den Risiken und Nebenwirkungen des Regietheaters und an diesem speziellen Fall der Aktualisierung eines biblischen Stoffs verpuffte dann bei der verschobenen Premiere im Nichts. Knabe hatte nämlich nichts anderes getan, als die dem Stoff innewohnende und sich in der Tat aufdrängende Steilvorlage zu nutzen, den blutrünstigen Stoff, der die uralte Gewaltspirale zwischen Palästinensern (hier Philister genannt) und Israelis thematisiert schlüssig ins Heute zu verlängern. Diese Brisanz erregte vorab die Gemüter. Es ging aber offenbar noch um etwas auf der Opernbühne.

Zehn Jahre später inszeniert nun nebenan Joan Anton Rechi in der Düsseldorfer Rheinoper Camille Saint-Saëns' ursprünglich als Oratorium konzipiertes Werk als lauwarme Pseudo-Aktualisierung und pappt eine unbeholfen formulierte Kapitalismus-Kritik als Feigenblatt auf ein mit abgestandenen Klischees hantierendes Rampentheater.

Es beginnt in finsterer Bühnennacht mit unsicher klappernden Bläserakkorden – die Düsseldorfer Symphoniker haben unter GMD Axel Kobers oft fahriger Stabführung keinen guten Abend – dann arbeitet sich langsam die Versenkung mit dem Chor hoch, dessen Grubenlampen ins Publikum strahlen. Die ersten Piano-Einsätze des Kollektivs klingen matt und glanzlos, stark vibrierende Einzelstimmen stechen unangenehm hervor, die Intonation hängt auffallend durch, was sich durch alle leiseren und weniger bewegten Passagen des Abends zieht. Nur im Forte klingt der Chor vital und treffsicher.

Die Grubenlampen gehören zu Minenarbeitern mit Schaufeln, Spitzhacken und Leuchtwesten, zu denen Rechi die unterjochten Hebräer umfunktioniert hat. Die Philister – sprich Palästinenser – sind dagegen Anzugträger mit Aktentaschen, also heutige Kapitalisten-Heuschrecken, die das arbeitende unterjochte Volk ausbeuten. Was das mit der Gaza-Problematik zu tun hat? Richtig, gar nichts. Aber es kommt noch schlimmer.

Die Geschichte vom bärenstarken Hebräer Samson und der aufreizend schönen Philisterin Dalila handelt nicht nur vom erbitterten Krieg zwischen Hebräern und Philistern, sondern stellt die grausame Liebes-Intrige der Dalila in den Fokus des Geschehens, einer rätselhaft schillernden Figur, die ihre politische Hass-Mission unter verführerischen Sirenengesängen echter Liebe verbirgt, Samson schließlich erobert und kaltblütig opfert. Also eine der grausamen biblischen Frauen, die in einer Reihe mit Judith und Salome steht und der die Regie zumindest eine gewisse Mata-Hari-Raffinesse gönnen sollte.

Aber was macht Rechi? Er macht Ramona Zaharia zu einer drittklassigen Puffmutter osteuropäischer Couleur mit Leopardenmini und halsbrecherischen Glitzer-Plateau-Stilettos, die mit ihren knallrot lackierten Krallen ständig nach Zigaretten fingert. Puffmutter Dalila gebietet über in silberne Lederanzüge gewandete Sexual-Dienstleisterinnen und sammelt deren sauer verdiente Kohle ein. Später taucht sie im weißen Schwanenfeder-Mantel à la Marlene Dietrich auf, nach der Pause räkelt sie sich im geschlitzten Pailletten-Kleid, wirft mit demonstrativ aufgeworfenen Lippen lasziv die schwarze Haar-Mähne und bedient überhaupt alle verfügbaren Kleinbürger-Klischees der Verworfenheit.

Zu ihrem Gegenüber Samson ist Rechi nicht viel mehr eingefallen. Kostümbildnerin Mercè Paloma steckt den massigen, an der Rheinoper bestens bewährten Siegfried-Tenor Michael Weinius in öden Schlabberlook, die ominöse Haar-Mähne, in der das Geheimnis der Kraft des biblischen Helden ruht, schrumpft hier zum mickrigen Altrocker-Pferdeschwänzchen.

Die großen Chortableaus sucht Rechi vergeblich mit leerem Aktionismus zu beleben, auch die langen Orchesterzwischenspiele ziehen sich quälend in die Länge, weil Rechi nichts zu erzählen weiß. Am Ende verfällt der Chor aus nicht recht ersichtlichen Gründen in kollektive Zuckungen, Dalila nähert sich dem Geblendeten ein letztes Mal, doch der erdrosselt sie. Mit letztmals wiederkehrenden Kräften reißt Samson dann aber nicht den Tempel ein, sondern die Versenkung fährt einfach wieder herunter. Klappe zu, Oper aus.

Auch musikalisch lässt der Abend weitgehend ratlos zurück, da er insgesamt fahrig wirkt und fragwürdig besetzt ist. Einzig Simon Neal als Oberpriester des Dagon kann mit Intensität und glaubwürdigem Spiel – vermutlich Marke Eigenbau - überzeugen. Michael Weinius als Samson singt seine hoch anspruchsvolle Tenorpartie kernig und kraftvoll, mit sicheren Höhen aber wenig französischer Farbe, insgesamt zu hell und heldisch-deutsch timbriert. Ramona Zaharia als Dalila besitzt einen angenehm dunkel timbrierten Mezzo, kann sich aber – auch dank der banalen, hölzernen Regie – nicht freisingen und klingt in der Mittellage fest und gaumig. Luke Stoker ist ein markanter Abimélech, Sami Luttinen als alter Hebräer lässt als einziger ein idiomatisches Französisch hören. Enden wollender Applaus, keinerlei Proteste für das Regie-Desaster.

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