Schwerin: Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ als Ost-West-Idylle


(nmz) -
Die Themen heute sind anders. Aber als Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ 1963 erschien, war das Werk von großem Belang. Der Mauerbau schuf kurz vorher eine Situation, die schockierte, wie es nun Putins Einmarsch in die Ukraine tut. Ist vergleichbar, was am Dnjepr geschieht und was einst Berlin und Deutschland zerriss? Die jüngste Inszenierung am Mecklenburgischen Theater in Schwerin mag darauf abzielen, wenn es 60 Jahre später das Literaturereignis noch einmal befragt. Als Form wurde das Musical gewählt.
25.01.2023 - Von Arndt Voß

Die Premiere am 20. Januar war im Vorlauf als Welturaufführung beworben worden. Bei der nächsten Aufführung zwei Tage später, über die hier berichtet wird, hatte sich das globale Premierenfieber gelegt. Die Zuschauer fühlten sich am Schluss gut unterhalten, applaudierten auch zwischendurch ab und zu, wenn die Musik zündete. Was sonst noch wissenswert oder einer Analyse würdig wäre, ist üblicherweise im Programmheft zu lesen. Hier musste ein gefaltetes Blatt mit einem einzigen Beitrag hinreichen, für den die Dramaturgin Judith Lebiez den Komponisten Wolfgang Böhmer befragt hatte. 1959 wurde er in Westfalen geborenen, kurz bevor das sich ereignete, was Christa Wolf in ihrem Werk verarbeitete.

Musical

„Das Musical kann alles“ steht in dicken Lettern selbstbewusst darüber. Ein Musical in ohrwurmträchtiger Manier wolle er nicht vorweisen, erfährt der Leser. Sein Ziel sei, „zeitgenössisch ohne Pop“ zu gestalten, eher in der „europäischen Tradition der musikalischen Komödie“. Manchmal klingt es daher nach rockiger Musik der 60iger, auch nach Bigband-Musik oder Kirmesgedudel, auch schrill nach AgitProp mit Blech und Pauken oder süß nach Sandmännchen oder sehr süß, wenn der ‚Alte Manfred‘ vom Bühnenhimmel herabschwebt, als könne er wie ein Gagarin alle Grenzen überwinden. Die Weltraumeroberung hatte 1961 das sozialistische Vormachtsgefühl gefüttert, als Gagarins Aufenthalt im All die Bedeutung des Mauerbaus verdeckte. In anderen Szenen swingt’s, um die Banalität westlichen Kaufrausches im KaDeWe zu untermalen, oder es klingt nach Marschmusik der Brigaden oder Maschinenmusik, wenn das Ballett arbeitende Werkarbeiter mimen muss. Nahezu  ständig begleitet die Musik das Geschehen, bleibt aber illustrierend, ist wenig eigenständig, dafür jedem Ohr verdaulich.

Mit an dem Projekt beteiligt war der 1987 in Berlin geborene Martin G. Berger, in der Spielzeit 21/22 noch Operndirektor des Mecklenburgischen Staatstheaters. Von gewissem Interesse ist sein Geburtsdatum schon, da weder der Komponist, schon gar nicht der Librettist die Zeit, die sie heraufbeschwören wollen, sinnlich oder bewusst erlebten. Sie können nicht wissen, wie die Luft roch, wie anders eine S-Bahn-Fahrt sich in West oder Ost anhörte, wie unsichtbare Augen im Osten das Verhalten der Menschen in der Öffentlichkeit prägten.

Der Text

Berger erarbeitete das Libretto aus dem, was Christa Wolf vor jetzt 60 Jahre in Kleinmachnow erzählt hatte. Mit Überzeugung war sie dem „Bitterfelder Weg“ gefolgt, hatte ihre Erlebnisse im Waggonbauwerk Ammendorf einbezogen und alles sehr geschickt mit der Liebesgeschichte von Rita und Manfred verquickt. Als Westler verschlang man die Erzählung, wollte begreifen, was da drüben vor sich ging, wollte verstehen, was sich politisch und künstlerisch vollzog, – und wollte das begreifen, was sich menschlich ereignet hatte. Besuche im Osten Berlins, Gespräche mit Schauspielern des Berliner Ensembles nach Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ ließen nur entfernt ahnen, was war. Ortega y Gassets  „Aufstand der Massen“ war im Kopf, wenn der Weg abends in den Westen zurück böse und pünktliche Pflicht war. Man litt mit dem Individuum, litt mit Rita, der Pädagogikstudentin, die sich nicht lösen wollte und doch voller Misstrauen war. Man litt auch mit Manfred, dem Chemiker, der das Überlaufen wagte, weil er die Befreiung suchte, sich dennoch zerriss: „Soll ich selbst kaputtmachen, was mir an dir am meisten gefällt?“

Christa Wolf hat alles komplex und mit starker Charakterzeichnung erfasst. Von allem blieb wenig, teils so verkürzt, dass die Arbeiter und ihre Probleme nicht plastisch werden, schon gar nicht die Personen, die zeittypisch für die Ideologie stehen, die Propagandisten und Normerfüller. Das Libretto versuchte eher, das Persönliche in schönen und bunten Bildern herauszustellen. Das ist sicher dem Musical auch angemessener. Die Liebe des etwa 10 Jahre älteren Chemikers zu Rita, der angehenden jungen Lehrerin, steht im Zentrum, vielleicht noch der Zwiespalt, in den das Paar stürzt. Als Manfred das Innere des politischen Systems erkennt, nutzt er die erste Gelegenheit zur Flucht. Nur ein paar wenige Personen aus der figurenreichen Vorlage gewinnen Raum. Manfreds Eltern gehören dazu, bei denen das Paar in einer Dachkammer wohnt. Sie erhalten viel Bedeutung, wird doch an dem Vater noch das Verhältnis zur NS-Zeit demonstriert. Die übersteigerten familiären Essensszenen werden allerdings zu einer Art Running Gag, bei dem das Lachen jäh erstirbt.

Figuren im Doppelpack

Ein guter Einfall ist, Figuren zu verdoppeln. Der Alte Manfred trifft dabei auf Emma, in der er Doris erkennt. Es ist aber deren Enkelin, ein Mädchen der Fridays for Future-Generation und ebenso rhetorisch begabt wie der Alte Manfred, der seine zurückhaltende Ironie bewahrt hatte. Ihre Begegnungen rahmen, sind im Laufe des Stückes immer mal wieder eingestreut, verweisen ins Hier und jetzt, auch darauf, dass die Themen anders geworden sind. Hier ist die Sprache nicht mehr die von Christa Wolf, die sonst den Charakteren im Original in den Mund oder die Kehle gelegt ist.

Knut Hetzers Bühnenkonstruktion ist mehrteilig und lässt sich auf der Drehbühne für ständig neue Aktion und Szenerien sehr schnell umstellen. Das gibt dem Optischen Tempo, weniger Atmosphäre. Für die müssen die Kostüme von Aleksandra Kica sorgen und die Videos von Roman Rehor. Als Dirigent hat Martin Schelhaas vieles gut im Griff, nur die Lautstärke nicht. Der Orchestergraben scheint sich einen Überbietungswettkampf mit den überdrehten Mikrofonen der Darsteller zu befinden. Es sind gute Musicaldarsteller, vor allem der ausdruckstarke Gast Sophia Euskirchen, an der Universität der Künste Berlin ausgebildet und schon in der letzten Spielzeit in Schwerin zu erleben. Den jungen Manfred hat Martin Gerke übernommen, sein älteres Alter Ego David Schroeder, ein wunderbar agierender Gast. Von den vielen Rollen wurden die Eltern bereits genannt. Den Vater sang Brian Davis mit luxuriös großem Ton, während Karen Leiber die im Musical merkwürdigen Koloraturen der Mutter zu bewältigen hatte. Zudem musste sie in verunstaltender Kleidung agieren, als wenn der Zuschauer noch durch diese Zutaten darauf gestoßen werden müsste, dass das Verhältnis Manfreds zu den Eltern belastet war.

Chor (Leitung Aki Schmitt) und Ballett füllten den Bühnenraum bei Massenszenen, wobei viel Schau vorherrschte, wenig Erhellendes, aber das bedient wohl die Erwartung eines Musical-Publikums. Dass der Chor allerdings Probleme hatte, dem Tempo des Dirigenten präzise zu folgen, wäre bei besserer Klangabstimmung vermeidbar gewesen.

Fazit

Erfolgreich ist das Ergebnis zu nennen, weil es das Theater füllt. Dass es nicht in allem überzeugt, liegt an der Komplexität der Vorlage, die ein Musical nicht packt. Beim Wiederlesen nach 60 Jahren staunt man über die Dichte der Erzählung, von der die Musical-Kurzfassung nur wenig transportiert.     

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