Simon Mayr in Freiberg und Döbeln: „Lauter Verrückte!“ in einem Opernhit von 1798


(nmz) -
Das Mittelsächsische Theater suchte nach Corona-kompatiblen Stücken in einer Werkgruppe, die erstaunlicherweise neben Kammeropern des 20. Jahrhunderts und Offenbach-Einaktern als Repertoire-Ersatzlager bisher fast unbemerkt blieb: Die italienische Opera buffa zwischen Mozart und Rossini. Johann Simon Mayrs „Che originali!“ (Venedig 1798) kam im Theater Döbeln in kleiner Besetzung zu sehr guter Wirkung, gerade weil man nicht auf internationale Belcanto-Standards setzte und aus einer leichten Opera buffa keine Brachialkomödie machte.
24.01.2022 - Von Roland H. Dippel

Hinter dem Titel „Lauter Verrückte!“ verbirgt sich die Farsa „Che Originali!“ des schon um das Uraufführungsjahr 1798 in Venedig und bald darauf in Mailand, Neapel, Paris zu Ruhm kommenden Giovanni Simone alias Johann Simon Mayr aus dem bayerischen Altmannstein. Die Pandemie und Schutzmaßnahmen lösten auch beim Mittelsächsischen Theaters bei dieser seit fast zwei Jahren geplanten Produktion eine Verschiebungskette aus: Erstes Hemmnis war der zweite Lockdown im Spätherbst 2020. Dann musste Im erzgebirgischen Freiberg die Premiere im November 2021 entfallen. Die einzige stattgefundene Freiberger Vorstellung blieb weitgehend unbemerkt, weil im Freistaat Sachsen wegen hoher Ansteckungswerte der Spielbetrieb aller Theater und Kulturstätten bis Anfang Januar 2022 eingestellt wurde. So war die erfolgreiche und vom Publikum erfreut aufgenommene Premiere am 21. Januar in Döbeln der dritte Anlauf.

Auf der Suche nach guten Stücken in kleinerer Besetzung, die unter Corona-Bedingungen möglich waren, entdeckte man „Che originali!“ in einer Bearbeitung von Fabian Dobler für Mini-Ensemble mit Streichquartett, Flöte, Klarinette und Fagott – entstanden vor zehn Jahren für eine deutsche Spielfassung des Librettos von Gaetano Rossi an der Hamburger Kammeroper. Mayrs Komödie im musikalischen Dreieck von Mozart, Cimarosa und dem sich 10 Jahre später ins italienische und internationale Operngeschehen drängenden Rossini machte dort guten Eindruck. Es handelt sich um ein typisches Komödienprodukt der Zeit um 1800. Eine junge Frau setzt gegen ihren hier mehr spleenigen als polternden Vater erfolgreich ihre Liebes- und Heiratsinteressen durch. Mayrs musikalische Formen sind in den venezianischen komischen Opern noch nicht so ausladend wie die großen Finali in Mozarts Da-Ponte-Opern, seine Koloratur-Angebote für die Sänger nicht so exzessiv wie die Rossinis. Auch seine Instrumentationsfortschritte kommen noch nicht so zum Vorschein wie in Mayrs nach 1800 entstandenen Opern wie „Ginevra di Scozia“ oder der vor kurzem bei Naxos erschienenen Weltersteinspielung von „Elena“. Heutige Hörer bemerken in einem Arrangement wie dem von „Lauter Verrückte!“ mehr situativen Witz als Individualität, was die Zeitgenossen um 1800 sicher anders empfanden.

Die Produktion des Mittelsächsischen Theaters besticht durch Spielfreude, eine leichtfüßige Aktualisierung und die das Ensemble beflügelnde Ironie der Regisseurin Judica Semler. Sie verortet das Stück in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ohne es zu verniedlichen, ohne Millowitsch-Schwere und ohne allzu bemühtes Schielen auf Gegenwartsrelevanz. Eine Komödie demzufolge ohne Gender-Klamauk, Travestie, Queerness – und damit in dieser Spielzeit (fast) ein Ausnahmefall.

Die kleine Orchesterbesetzung passt für das turbulente Geschehen und sitzt auf der Bühne. Trotz der Weltersteinspielung unter Franz Hauk mit dem Georgischen Kammerorchester von 1998 und einem Mitschnitt mit der Accademia Teatro della Scala nach der Edition der Fondazione Donizetti Bergamo konnte „Che originali!“ im 21.Jahrhundert noch nicht an die Beliebtheit anknüpfen, die das Werk in ganz Europa und sogar in Amerika bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts erlangt hatte. Zudem ging es dem Mittelsächsischen Theater und den Mitgliedern der Mittelsächsischen Philharmonie nicht um historisch informierte Aufführungspraxis. Dort nahm man sich wie in der Entstehungszeit, als je nach Spielort Nummern gestrichen und durch berühmte Stücke des Tages ersetzt wurden, die Freiheit zum lockeren Umgang und einer fast eleganten Ent-Italianisierung. Die angespielten Gershwin-Melodien „I've Got Rhythm“ und aus „Rhapsody in Blue“ führten solche Usancen fort.

Mayrs Oper wurde in Döbeln am Freitagabend eine Farce zum Schmunzeln über Wesen, die man auch als „Intelligenzbestien“ oder „Einfaltspinsel“, also echte Originale, bezeichnen könnte. Hauptfigur ist der Musikenthusiast Don Febeo in Verkörperung durch den Bass Sergio Raonic Lukovic, ab 2022/23 Intendant des mittelsächsischen Dreisparten-Theaters und des Sommertheaters an der Kriebstein-Talsperre. Lukovic macht aus dieser Partie keine Knallcharge und ist eher ein eleganter Vertreter aus gutbürgerlichen Kreisen. Febeo hat zwei Töchter, von denen Aristea sich anders verheiraten will als es dem Vater passt. Ein noch größeres Problem ist für Febeo, dass sein Opus „Don Quichotte und Dulcinea“ mit Pauken und Trompeten durchfällt, obwohl er als Sänger und Komponist die Erfordernisse der Kunstform Oper doch so genau beherrscht. Febeos erste große Solonummer ist ein Schnellkurs über Arien-Gestaltungen anno 1798. Die Liebenden kommen zusammen, während das Dienerpaar zankt und flirtet. Die dritte Dienerfigur wurde in der Hamburg-Freiberg-Döbelner Einrichtung gestrichen.

Das tut der gewitzten Musik Mayrs keinen Abbruch, für die sich in dem Interieur mit grüner Tapete, roten Türrahmen, rotem Cembalo und weißen Komponisten-Masken an den Wänden (Annabel von Berlichingen) ein guter Spiel- und Entfaltungsraum ergibt. Der mexikanische Kapellmeister José Luis Gutiérrez mag mehr die weichen, filigranen Instrumentalfarben und mixt diese zu einer für das Ensemble passenden Grundlage. Einige Ensembles und die von Dimitra Kalaitzi-Tilikidou mit Kraft und Wärme durchmessene Bravourarie der verliebten Aristea machen Eindruck und Effekt. Wie viele andere bietet auch diese Musikkomödie aus der Zeit um 1800 einen für heutige Ohren recht entspannten Melodien-Fundus mit Varianten- und Überraschungsvielfalt. Zumal, wenn der Tenor Frank Unger als Carolino den zukünftigen Schwiegervater und alle derzeit maximal zugelassenen 100 Zuschauer im Saal von seinen optimalen Qualitäten zum Bräutigam mit Intelligenz, Charme und einem kerngesunden lyrischen Tenor überzeugt. Lindsay Funchal (Rosina), Gregor Rozkwitalski (Diener Biscroma) und Rea Alaburić (Celestina) wahren wie die Hauptfiguren eine gute Ebene zwischen Scherz und Leichtigkeit.

  • Weitere Vorstellung: Sa 29.01., 19:30 (Theater Döbeln) – Sa 05. und So 06.02., 19:30 (Theater Freiberg) 

 

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