Soap statt Messerschärfe: Cavallis „Giasone“ an der Vlaamse Opera Antwerpen


(nmz) -
In der venezianischen Oper „Giasone“ von 1648/49, entstanden also zur Zeit des Westfälischen Friedens, geht es um einen thessalischen Königssohn, der (ebenfalls) mehr oder minder freiwillig zu Abenteuern aufbricht: um einen Helden der Extraklasse an der Schwelle von Prähistorie und der historisch bereits in Schemen erfassbaren Völkerwanderungszeiten im vorderen Orient.
18.05.2010 - Von Frieder Reininghaus

Die antike Quellenlage zu Giasone (auf Deutsch: Iason oder Jason) ergibt kein einheitliches Bild der Figur. Aber allemal so viel: dass er draufgängerisch und so naiv wie der Germane Siegfried gewesen sein dürfte – und auch bezüglich der Inbetriebnahme von Frauen so unbedenklich wie dieser. Das hat ihm – und dies ist das Exemplarische an der Geschichte – nach den anfänglichen Vergnügungen einigen Ärger und heftige Malaisen eingebracht.

Denn auf dem Weg zur Eroberung des Goldenen Vlieses in Kolchis am Ostufer des Schwarzen Meers soll der Held erst einmal in Lemnos Station und der dortigen Königin Hypsiphile bei einem One-night-stand zwei Söhne (NB: Zwillinge) gemacht haben. Dann aber, kaum in Kolchis angekommen, ließ er sich wohl von der ihm allnächtlich inkognito erscheinenden Medea verwöhnen. Die verriet ihm nicht nur, wie er die ihm auferlegten Heldentaten siegreich bewältigen könnte und dann auch konnte (er hatte die feuerspeienden Stiere mit den ehernen Hufen zu bändigen und die Drachenzähne zu säen). Sie war ihm auch auf verräterische Weise bei der Beschaffung des Goldenen Vlieses behilflich. Er hat sie dafür mit sich in die griechische Heimat genommen, dort aber nicht gut behandelt, sondern zugunsten einer Jüngeren und im Sinne des Machtkalküls Interessanteren verlassen (die Folgen sind bekannt: Medea habe, so die vorherrschende Überlieferung, zwei ihrer vier Kinder und dann sich selbst getötet).

Die Bearbeitung des Stoffs durch den Librettisten Giacinto Cicognini hat die antiken Textvorlagen um alle Brutalitäten und Grausamkeiten gekürzt. Insbesondere machte sie aus der verräterischen Intrigantin und Mörderin eine zivilisierte Mitbürgerin, die Iason, den Mann ihres Lebens, großmütig der Vorgängerin Hypsiphyle (Isifile) überlässt und ins Happy End einstimmt, ohne ein paar der Kinder aus ihrer Verbindung mit Isaon zu liquidieren. So wurde aus einer im wörtlichen Sinn messerscharfen Verhandlung männlicher und weiblicher Selbstverwirklichung eine Soap: Iason folge deinem Herzen!

Die Musik stammt von Monteverdis Schüler Francesco Cavalli: Erhalten hat sich ein Notat der Singstimmen mit beziffertem Bass – der Rest ist Archäologie, das heißt: Rekonstruktion nach nicht sonderlich solide gesicherten Kriterien. Wie allemal in der Musikgeschichte verraten Bearbeitungen historischer Vorlagen wenigstens ebenso viel über Vorlieben und Geschmack der Bearbeiter wie über das historische Material – in diesem Fall über einen munteren Sportsgeist des sehr dynamischen Dirigenten Federico Maria Sardelli, der immer wieder selbst zur Blockflöte in C greift. Er hat seine Continuo-Gruppe mitgebracht, die sich mit ausgewählten Mitgliedern des Symfonisch Orkest van de Vlaamse Opera verbindet (eine sinnvolle Zusammenarbeit, das auch Aspekte der Weiterqualifikation für ein Dutzend Orchestermusiker berücksichtigt).

Drei vorzügliche Protagonisten: Der Counter Christophe Dumaux in der Titelpartie (sehr geschmeidig singend, aber dem Augenschein nach ganz und gar kein antiker Kriegsheld); Robin Johannsen als Amazonen-Königin mit stark ausgeprägtem Mutterinstinkt und Katarina Bradic als Medea.

Iasons Landschaft ist in Gent ein verkommenes Industrie-Areal (vielleicht in der Nähe eines Ufers und verwandt dem Zufluchtsort von Leif und Helena): Neben einem Stapel Paletten ein angerosteter Container, aus dem das Expeditionsschiff Argo herauskommt und in dem am Ende das gesamte Sängerensemble in eine vielleicht bessere Welt spediert wird. Dann gibt es noch Metall-Klappen und runde Türen, mit denen stillgelegte Riesenrohre, die in die Untergründe Belgiens führen, verschlossen wurden. In diesem nicht sonderlich gastlichen Ambiente sorgt Mariame Clement für eine heitere und witzige Inszenierung mit vielen Tiersymbolen und Tieren: Der eherne Stier erscheint als das majestätische Tier von der Osborne-Reklametafel – „gebändigt“, Held Herkules im Gefolge Iasons und wie ein Football-Spieler als Widder (also mit Schafsbockskopf). Der Renner ist der Diener Demo, dem gelegentlich übel mitgespielt wird und der dann die klappbaren Hasenohren anlegt oder, wenn er nassgespritzt wird, die Löffel auswindet.

Francesco Cavalli muss eine musikalische Rossnatur gewesen sein. Mit der Lebenszeit seiner Zeitgenossen ging er jedenfalls verschwenderisch um und seine heutigen Erben tun es ihm gleich. Vorschlag zur Güte: da ohnedies vorn und hinten bearbeitet wurde, ließe sich leicht und einfach eine halbe Stunde Musik herauskürzen. Aber das widerspräche der Selbstverliebtheit der Rekonstrukteure, die ihr Tun für „authentisch“ halten. Trotz der Längen freilich ein besonders lohnender Abend!

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