Songs ohne Bilder, ohne Tanz und ohne Worte: René Aubry in der Essener Zeche Zollverein


(nmz) -
„Es ist bereits 7 Jahre her, dass Pina Bausch zum ersten Mal Musik von mir eingesetzt hat. Dass sie nun im Wim Wenders Film präsent ist, macht mich ganz besonders glücklich. Ich habe das Gefühl, dass dadurch eine Verbindung zwischen unseren Welten entstanden ist. Und ich bin völlig überrascht, welche Bilder zu meinen Klängen entstanden sind. Sie hat ganz andere Bilder gefunden, als jene, die ich selber im Kopf hatte.“
13.03.2011 - Von Stefan Pieper

Es ist das Titelstück aus René Aubrys vorletztem Album „Memoires du Futur“, das zwei der ganz großen Choreographien in dem aktuellen Film von Wim Wenders über Pina Bausch musikalisch lebendig macht. Jetzt hat dieser französische Gitarrist ein weiteres neues Album vorgelegt, das wiederum stark der cineastischen Geste, dem atmosphärisch verdichtenden epischen Fluß huldigt. Und er kehrte soeben an jenen Ort zurück, wo einige der Szenen von „Pina“ gedreht wurden, in das Essener Industriedenkmal Zeche Zollverein. Um – selten genug – vom introvertierten, perfektionistischen Studioproduzenten und Arrangeur in die Rolle des Live-Musikers und Bandleaders zu schlüpfen.

Und auch hier überlässt Monsieur Aubry nichts dem Zufall. Da sind in Essen sieben Musiker, die wohl das „akustischste“ Konzert musizieren, das überhaupt denkbar ist. Mehr unplugged, mehr empfindsame, kunstvolle Handarbeit geht wohl kaum noch. Am Ende waren stehende Ovationen und viele weitere Zugaben die Folge. Dabei leisteten es sich die sieben Musiker auch, mal unperfekt zu sein – als sie für eine Nummer sämtliche Instrumente untereinander tauschten. Im Zentrum waltete der französische Autodidakt und Saitenlyriker, der erst spät zum Livespiel auf der Bühne fand, nachdem er schon jahrzehntelang Platten aufgenommen sowie Choreografien und Filme vertont hatte.

Tief versunken in sein Spiel, schöpft er ein riesiges Reservoir an Spieltechniken aus. Vereint perlende Arpeggien mit den Läufen des Pianos, formt Lyrismen, die zuweilen an Michael Nyman und Co. erinnern, lässt hyperaktiv das Banjo scheppern und zeigt sich als Meister des Fingerpicking. All dies wirkt bei aller Kunstfertigkeit so intim und persönlich, dass man diesem Musiker ohne weiteres abnimmt, dass er sich all dies selbst beigebracht hat. „Ich habe viel Gitarrenmusik gehört klar, so ziemlich alles von Klassik bis Frank Zappa. Unterricht habe ich nie genommen. Bis auf ein paar wenige Stunden Flamencogitarre - aber das ist lange her.“

Musikantisch ist sie, diese Band! Sie breitet Farben aus, die nie fremd erscheinen. Musiktraditionen aus dem mediterranen Raum scheinen als wichtige Quelle zu fungieren, neben so vielen anderen Spurenelementen, zu denen Folk, Minimal Music oder auch klassische Ästhethik gehören. „Meine Kompositionen wollen Songs ohne Worte sein“ lautet das Credo von Rene Aubry. Wenn Aubry alleine spielt, lässt er seine sanften Läufe zu Sternstunden der Verinnerlichung werden. Egal ob er alleine spielt, oder seine Mitmusiker das Spiel zu einem fein gewebten Teppich ausgestalten – diese Musiker verstanden sich beim Konzert auf Zollverein darauf, einfach nur den Moment freundvoll zu feiern.

Und als kurzweiliger Gesprächspartner hatte Aubry, der aus dem Elsass stammt und heute in Paris lebt, noch viele weitere Innenansichten geboten.

So war das Tanztheater seine wichtigste Inspirationsquelle, um ihn auf diesen erstaunlichen Weg zu bringen. Das hatte einst vor allem private Gründe: „Ich war ja sehr lange mit der Choreografin Carolin Carlson verheiratet. Vor allem sie hat mich zum Komponieren gebracht.“

So intensiv Aubry mit seiner Band auf der Bühne agiert, so zeigt sich seine wahre Genialität vor allem auf seinen Tonträgern, wo er in der hohen Kunst des Arrangierens Maßstäbe setzt – auf mittlerweile 18 Tonträgern, die in Deutschland über den NRW-Vertrieb erhältlich sind. Das Studio ist eben seine ganz besondere Welt: „Nun, das Schaffen von Musik ist für mich etwas sehr innerliches. Wenn ich in meinem kleinen Studio bei mir zu Hause an den Stücken feile, dann fühle ich mich wie ein Maler.“

Aufnehmen als Pflicht und live spielen als Kür? „Live spielen bedeutet für mich ein großes Vergnügen. Es ist eine ganz andere Erfahrung, als im Studio an den Arrangements zu feilen. Auf der Bühne das zu spielen, was man fühlt, ist ein viel direkterer Weg.“

Im Begleittext zur neuen CD formuliert Rene Aubry eine Art künstlerisches Credo und charakterisiert sein musikalisches Schaffen als „Sanctuary“, als eine Art Heiligtum. Also gilt es zur schwierigen Frage auszuholen, welche persönliche Bedeutung denn Musik für René Aubry habe: „Je erwachsener ich werde, desto mehr begreife ich Musik als etwas heiliges, kostbares. Um dies zu erfahren, ist auch die Erfahrung von Stille wichtig.“

Diskographie

* René Aubry (1983)
* Airs dans l’air (1987)
* Libre parcours (1988)
* Dérives (musique pour un spectacle de Philippe Genty, 1989)
* Steppe (1990)
* La révolte des enfants (1991)
* Après la pluie (1993)
* Killer Kid (1994)
* Ne m’oublie pas (1995)
* Signes (1997)
* Plaisirs d’amour (1998)
* Invités sur la terre (2001)
* Seuls au monde (2003)
* Projection privée (2004)
* Mémoires du futur (2006)
* Play time (2008)
* Le roi penché (2009)
* Refuges (2011)

Bezugsquelle: www.nrwvertrieb.de/

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