Sorgsam abgezirkelt – Händels „Radamisto“ historisierend inszeniert in Karlsruhe


(nmz) -
Nun hat die historische Aufführungspraxis auch die szenische Gestaltung erreicht. Am Staatstheater Karlsruhe inszenierte Sigrid T’Hooft Händels „Radamisto“ auf der Basis des Soufflierbuchs der Uraufführung und einer zeitgenössischen Choreografie. Peter van Heyghen leitet in dieser Produktion die Deutschen Händel-Solisten. Über eine Aufführung im Kerzenschein berichtet Andreas Hauff.
12.03.2009 - Von Andreas Hauff

Händels „Radamisto“ war seine erste Oper für die 1719 gegründete „Royal Academy of Music“. Die Erstfassung wurde im April 1720 uraufgeführt. Eine zweite Version entstand noch im Herbst 1720 für eine teilweise veränderte, prominentere Sängerbesetzung. Für die 32. Händel-Festspiele hat das Badische Staatstheater Karlsruhe die Erstfassung ausgewählt, die auf dem europäischen Kontinent zuvor wohl noch nicht in Szene gesetzt wurde. Die Ausgrabung lohnte in musikalischer und szenischer Hinsicht, und sie wird auch im kommenden Jahr bei den Händel-Festspielen wieder zu sehen sein.

Die nach antiken Ereignissen sehr frei gestaltete Handlung verknüpft machtpolitische und dynastische Verwicklungen: In Thrakien regiert König Farasmane. Sein Sohn und Thronfolger Radamisto ist glücklich mit Zenobia verheiratet. Sein Schwiegersohn Tiridate herrscht in Armenien. Tiridate aber hat sich von seiner Frau Polissena abgewandt und will seine Schwägerin Zenobia erobern. Dazu mobilisiert er seinen jüngeren Bruder Fraarte und Tigrane, den Fürsten von Pontus. Es gelingt ihm zwar, mit den Verbündeten Thrakien zu erobern, doch sein persönlicher Plan geht nicht auf. Radamisto und Zenobia wollen lieber sterben als nachgeben, Radamistos Schwester Polissena kämpft um ihren Gatten, und die Koalition mit den beiden Verbündeten erweist sich als zerbrechlich. Als schließlich noch das eigene Heer rebelliert, gibt Tiridate auf. Radamisto reagiert großzügig. Er verzeiht seinem Schwager und gestattet ihm die Rückkehr mit Polissena nach Armenien. Die Oper endet mit einem allgemeinen versöhnlichen Schlussrondo – ähnlich wie später Mozarts „Entführung aus dem Serail“

Spannend wird „Radamisto“ besonders im 3. Akt, wo Händel eine musikalische Überraschung nach der andern folgen lässt. Polissenas leidenschaftliche Arie hebt an mit einer unbegleiteten Solokadenz und gibt der Singstimme dann eine Solovioline als Dialogpartner bei. Für Tiridate, der sich noch als erfolgreichen (Frauen-)Jäger sieht, wird die Besetzung durch zwei Hörner erweitert. Zenobia wiederholt nach dem Da-Capo des leidvollen A-Teils ihrer Arie überraschend auch den zornigen B-Teil und endet damit. Radamisto in seiner Verzweiflung singt eine Arie, deren unerwarteter idyllischer Tonfall das glückliche Ende geradezu heraufbeschwört. Was auch immer beim bloßen Lesen an der Handlung unwahrscheinlich erscheinen mag: Es wird durch Händels Musik beglaubigt. Reizvoll ist „Radamisto“ auch durch die Ballett-Einlagen an den drei Aktschlüssen. Sie waren bei der Londoner Uraufführung vermutlich gestrichen, weil die „Royal Academy of Music“ nicht mit „Radamisto“, sondern mit Giovanni Portas „Numitore“ eröffnet wurde.

Die musikalische Seite der Aufführung war erfreulich. Unter Leitung des niederländischen Dirigenten, Blockflötisten und Musikwissenschaftlers Peter van Heyghen spielten die Deutschen Händel-Solisten wie gewohnt überzeugend in Artikulation, Transparenz und Affektausdeutung. Allerdings wirkte das Tempo in einigen schnelleren Arien überzogen. Im Gegensatz zur differenzierten Tempowahl im langsamen und mittleren Bereich entwickelte sich ein Einheits-Presto, dem einige Feinheiten zum Opfer fielen. Beeindruckend stilsicher zeigte sich die Sängerbesetzung: Mit Tamara Gura (Radamisto), Kirsten Blaise (Polissena), Berit Barfred Jensen (Fraarte) und Ina Schlingensiepen (Tigrane) konnte das Badische Staatstheater auf vier Ensemblemitglieder zurückgreifen. Als Gäste kamen hinzu Mika Kares (Farasmane) und Patrick Henckens (Tiridate).

Schon lange überfällig war die Bemühung um eine historische Aufführungspraxis auch in szenischer Hinsicht. Schließlich lebt die Gattung Oper seit ihrer Entstehung vom Zusammenspiel von Musik und Drama, und die Musik wurde im Hinblick auf die Szene komponiert. Bei ihrem Versuch einer szenischen Rekonstruktion fand die belgische Regisseurin, Choroegrafin und Barocktheater-Expertin Sigrid T’Hooft bei „Radamisto“ besonders gute Voraussetzungen. Für die Inszenierung konnte sie sich auf das Soufflierbuch der Uraufführung stützen und für die Ballette auf Choreografien von Antoine L’Abbé, die um 1720 herum in London zu sehen waren. Kostümbildner Stephan Dietrich lehnte sich an passende zeitgenössische Kostüme des Wiener Ausstatters Daniele Antoine Bertoli an. Das Bühnenbild von Christian Floeren schließlich folgte bekannten barocken Vorbildern. Sehr instruktiv erwies sich in diesem Zusammenhang die im Theaterfoyer präsentierte Ausstellung „Barocke Bühnentechnik“, die 2005 von der „Geschichtswerkstatt“ des Gymnasiums Christian-Ernestinum in Bayreuth entwickelt wurde.

Das Historische dieser „Radamisto“-Aufführung war von Anfang an zu spüren. Kronleuchter mit brennenden Kerzen erleuchteten Rampe und Orchestergraben. Auch die Bühne mit ihren perspektivisch in der Tiefe gestaffelten Kulissen war durch gut verborgene Kerzen erhellt, die ein Halbdunkel in verschiedenen Dosierungen erzeugten. Entsprechend markant waren die Kostüme: In Farbe und Form ließen sie Herkunft und Position der Akteure gut erkennen. Diese bewegten sich in klar erkennbaren Hierarchien auf sorgsam abgezirkelten Wegen und verfügten zum Ausdruck des jeweiligen Affekts über ein spezielles Repertoire von Gesten der Arme und Hände. Vor allem letzteres erscheint dem heutigen Betrachter gewöhnungsbedürftig, und es muss auch von den Darstellern regelrecht gelernt werden, bis sie es dann mit einer organisch wirkenden Selbstverständlichkeit anwenden. Der über die Internetseite auffindbare Theater-Blog des Badischen Staatstheaters enthält unter dem Stichwort „Radamisto“ neben zahlreichen lesenswerten Hintergrundinformationen zur Probenarbeit auch ein von der Regisseurin zusammengestelltes „Kompendium der barocken Bühnengestik“. Letzteres hätte unbedingt ins Programmbuch gehört. Darüber hinaus wäre eine Veranschaulichung durch Personenskizzen wünschenswert. Damit hätte sich auch die Ausstellung sinnvoll ergänzen lassen.

Sigrid T’Hooft gibt im Programmheft zu Protokoll, dass sie die barocken Regeln im zweiten Akt an einigen Stellen auch gebrochen hat. Nicht immer ist das so offensichtlich wie an der Stelle, wo zwei Arme sich zu einer (eigentlich verbotenen) Berührung entgegenstrecken. Und auch wenn Radamisto und Zenobia während eines Ballettes einfach „privat“ miteinander abgehen, dürfte es sich um eine Regelverletzung handeln. Fremd wirkten aber vor allem die vom Genfer Corpo Barocco getanzten Balletteinlagen. Wenn man ihre Bewegungssprache nicht zu deuten vermag, wirken sie in ihrer starken Stilisierung wie harmloses Gehüpfe. Leichter begreiflich wird der Tanz dort, wo die Regisseurin ihn in die Handlung integriert. So stößt die szenisch-historische Aufführungspraxis derzeit durchaus an Grenzen der Verständlichkeit. Was man an diesem Karlsruher „Radamisto“ aber mit Sicherheit lernen kann, ist das grundlegende Gespür für die Ästhetik des barocken Theaters. Damit lassen sich, wie die Regisseurin im Programmheft anmerkt, auch moderne Inszenierungen sinnvoll gestalten.
 

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