„Sounds No Walls“ – Jazz zum Geschichtsforum 1989/2009 in Berlin


(nmz) -
Vom 28. bis zum 31. Mai steigt im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums Berlin ein deutsch-polnisches Jazzfest. Improvisierte Musik vor einem politischen Hintergrund – der Kurator und Jazzexperte Bert Noglik informiert in folgendem Gespräch mit Michael Ernst über den Anlass und dessen künstlerische Umsetzung.
28.05.2009 - Von Michael Ernst

Zwanzig Jahre nach dem Herbst ‘89 wird allenorts lautstark der Ereignisse von damals gedacht. Sie aber machen Musik, feiern drei Tage lang ein Jazzfest namens „Sounds No Walls“ in Berlin. Ein künstlerischer Gegenpol zu den steifen Politikerreden?
Bert Noglik: „Sounds No Walls – Friends & Neighbours in Jazz“ ist eingebettet in das Geschichtsforum 1989 | 2009 als eine von zahlreichen, auch disziplinübergreifenden Veranstaltungen. Natürlich trägt Jazz auch zur Auflockerung dieses mannigfaltigen und überwiegend aus Wortbeiträgen bestehenden Forums bei. Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, gab den Anstoß dazu, auch den Jazz zu integrieren. Er fragte Uli Blobel und mich, ob wir Lust hätten, ein Programm zu kuratieren, und ließ uns dabei freie Hand. Wir entwickelten mehrere konzeptionelle Ansätze und entschlossen und dann für ein Thema, das sich inhaltlich gut in die Gesamtkonzeption des Geschichtsforums einfügt: ein deutsch-polnisches Jazzfestival.

„Sounds No Walls“ öffnet den Blick auf polnischen Jazz. Für Sie ist das nicht neu, als langjähriger Künstlerischer Leiter der Leipziger Jazztage hatten Sie sich beizeiten beim östlichen Nachbarn umgehört und dem hiesigen Publikum beweisen können, wie interessant Jazz aus Polen ist. Gibt es da heute noch Nachholbedarf?
BN: Obwohl es viele engagierte Unternehmungen gibt, besteht immer noch ein großer Nachholbedarf. Als unmittelbare Nachbarn wissen wir viel zu wenig voneinander. Das betrifft alle Gebiete, nicht nur den Jazz. 2005 hatte ich die Leipziger Jazztage mit dem Fokus auf die polnische Jazzszene konzipiert. Schauen Sie sich die deutsche Festivallandschaft an: Da und dort spielen polnische Musiker, aber ein erkennbares Anliegen, Jazz aus Polen vorzustellen, bleibt bislang die Ausnahme.

Der Situation des Aufbruchs vom Herbst 1989 liegt eine vage Entsprechung im widerständigen Jazz nahe. Waren die Musiker in Polen damals besonders kratzbürstig? Sind sie es heute noch?
BN: Ich würde weiter zurückschauen und die Kontinuität betonen. In kaum einem anderen europäischen Land wurde Jazz in solchem Maße als Synonym für Freiheit verstanden wie in Polen. Das beginnt in den fünfziger Jahren mit der „Katakombenära“, in der Jazz nur halblegal in Kellern und Privatwohnungen gespielt wurde, führte dann zu den polnischen Jazzfestivals von 1956 und 1975 in Sopot, die ein erstes „Tauwetter“ signalisierten und setzt sich dann bis in die Gegenwart fort. Als ich zur „Solidarność“-Zeit in Warschau beim „Jazz-Forum“ arbeitete, war es selbstverständlich, dass die freien Gewerkschaften am Wochenende ihre Flugblätter in den Räumen der Redaktion druckten. Also es gibt diese Verbindung, auch wenn man sie nicht zu vordergründig darstellen sollte. Wenn heute bei vielen engagierten Musikern das Ringen um musikalische Qualität und Authentizität vor dem politischen Engagement rangiert, so ist doch oft noch etwas vom widerständigen Geist

Wie beargwöhnt oder aber geduldet war der Jazz in den letzten Jahren der DDR? Mit Ernst-Ludwig Petrowsky und Ulrich Gumpert haben Sie zwei namhafte Protagonisten ins Programm geholt, beide mit bewegten Biografien. Soll neben den Konzerten auch über die gemachten Erfahrungen im Umgang mit Jazz gesprochen werden?
BN: In den letzten Jahren der DDR wurde Jazz nicht mehr beargwöhnt, sondern sogar gefördert. Aber vergessen wir nicht die lange Vorgeschichte, in der es immer wieder restriktive Eingriffe gab. Im Rahmen des Geschichtsforums wird es eine Podiumsdiskussion geben, die Gertrud Pickhan von der Freien Universität Berlin leitet: „’Body and Soul’ – Wie und warum erzählt man die Geschichte des Jazz im Ostblock?“ am Freitag, den 29. Mai, 18 Uhr.

Wonach haben Sie für „Sounds! No Walls“ ausgewählt und was wird in den drei Museumsnächten zu erwarten sein?
BN: Es ging darum, unterschiedliche Facetten des polnischen Jazz und der deutsch-polnischen Jazzbeziehungen aufzuzeigen. Wegbereiter des polnischen Jazz wie Zbigniew Namysłowski finden sich ebenso im Programm wie der junge Pianist Mateusz Kołakowski. Präsentiert werden bestehende Kooperationsbeziehungen wie das Trio des Klarinettisten Theo Jörgensmann mit Marcin und Bartolomej Oles, aber auch neue Begegnungen wie das Zusammentreffen von Silke Eberhard mit Adam Pieronczyk. Die junge Band „Kattorna“, die sich nach einer Komposition des legendären Krzyzstof Komeda benannt hat, wird gemeinsam mit Ernst-Ludwig Petrowsky auftreten, der in den fünfziger Jahren mit Komeda befreundet war. Schließlich öffnet sich die Thematik international: im gemeinsamen Spiel des polnischen Trompeters Piotr Wojtasik mit Billy Harper, einem der großen Saxofonisten in der Tradition von John Coltrane.

Gibt es eine Fortsetzung dieser Ambitionen oder muss bis zum nächsten Geschichtsforum, etwa 25 Jahre nach 1989, gewartet werden?
BN: Nein, Uli Blobel und ich wollen das Anliegen weiterführen und „Sounds No Walls“ an diesem prächtigen Ort, dem Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums, als jährliches Jazzfestival etablieren, freilich mit jeweils anderen inhaltlichen Schwerpunkten.

 

Profunder Jazzkenner Bert Noglik

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