Spoliansky-Revue an der Komischen Oper Berlin: zahnlos


(nmz) -
„Heute Nacht oder nie“: Vermutlich unfreiwillig knüpft gleich die erste Nummer an eine im Oktober vergangenen Jahres erarbeitete Spoliansky-Revue der Staatsoper an, „Es liegt in der Luft“. Basierte die mit Kinder-Darstellern besetzte Staatsopern-Produktion auf der gleichnamigen Kaufhaus-Revue Mischa Spolianskys, so ist die Neuinszenierung an der Komischen Oper eine von Regisseur Stefan Huber zusammengestellte neue Kabarett-Revue.
02.04.2016 - Von Peter P. Pachl

Hier feiern nun all jene Zweideutigkeiten und aktuellen Bezüge zu den Zwanzigerjahren, welche im Hinblick auf die kindlichen Darsteller in der Staatsoper eliminiert waren, fröhliche Urständ.

Allerdings erschöpft sich der Abend weitgehend in der Betonung, wie freizügig die Zwanzigerjahre waren. Doch weder die richtig gut singenden Tänzerinnen als „Girls und ‚Boys’“ (Mehri Ahmaniemi, Anke Merz, Maja Sikora und Mariane Souzs, choreographiert von Danny Costello), noch Christoph Marti als „Lesbe“ mit teilweise freiem Oberkörper (der „bisexuellen Erotik-Tänzerin Anita Berber“ nachempfunden) oder die ihre Brüste schüttelnde Andreja Schneider als „Hure“ machen wirklich einen Theaterabend. Nach 83 pausenlosen Minuten ist die neue Show am Ende, ohne dass sie irgendwelche neuen Erkenntnisse oder Gedankenanstöße vermittelt hätte.

Die als „Vorbühnenproduktion“ angekündigte Inszenierung spielt auf einem Quer- und Längs-Steg inmitten des auf der Bühne, fünf Stufen hoch, platzierten Orchesters. An dem spielerisch behaupteten Topos einer Berliner Kneipe lassen sich die von Heike Siedler kostümierten Typen bedienen, nur der Dirigent Kai Tietje im graugestreiften Anzug als Mann am Klavier bestellt sein Bier immer wieder vergeblich. Mirka Wagner als abenteuerlustiges „Fräulein“ aus Spandau, genannt Constanze („Finden Sie, dass Constanze sich richtig verhält?“) bändelt mit dem „Provinzler“ Johannes Dunz (ein hoffnungsstarker junger Tenor) an, entflieht dann im Taxi des rot bemützten Chauffeurs Christoph Späth (Quartett: „Sie geht nach Spandau“). Tobias Bonn mimt einen gewichtigen Bonzen, der Schauspieler Stefan Kurt einen jüdischen Beamten. Zu den Höhepunkten gehören die Nummern „Ich möchte einmal auf der Avus Tango tanzen“ und „Wenn die beste Freundin“ (aus „Es liegt in der Luft“, 1928 uraufgeführt mit Marlene Dietrich und Margo Lion in der Komödie am Kurfürstendamm). Eindrucksvoller als jetzt in der Kabarett-Revue war diese Nummer allerdings in Maria Husmanns Collage „Fälle“, der vierten Folge von „Lust auf Neues“, zu erleben.

Die musikalische Mixtur von 21 Nummern aus diversen Revuen, Burlesken und Tonfilmen sowie Spolianskys Oper „Rufen Sie Herrn Plim!“ hat Kai Tietje in ein luftig changierendes Orchestergewand gehüllt, arrangiert für zweifaches Holz und Blech, Schlagzeug, Gitarre und kleine Streicherbesetzung, sowie Tuba und Akkordeon als Bühnenmusik.

Nach der Titel- und offiziellen Schlussnummer „Heute Nacht oder nie“ (aus dem Tonfilm „Das Lied einer Nacht“, 1932) folgt die Applausordnung. Dann gibt es noch einmal diverse Stuhl-Gänge für die Zugabe, wo der Pianist endlich das ersehnte Bier erhält. Diese (zweite) Abschlussnummer, „Auf Wiedersehn“ hat Stefan Huber als szenische Paraphrase auf Haydns Abschiedssymphonie inszeniert: nacheinander verlassen zunächst die Blech-, dann die Holzbläser und zuletzt auch die Streicher die Bühne, die finalen Klänge spielt der Dirigent am Klavier ganz allein. Das hat Witz – auch unfreiwilligen Witz, zumal es einigen Orchestermusikern offensichtlich peinlich ist, auf diese Weise die Blicke auf sich zu ziehen. Aber es hat nichts von jener Traurigkeit, die Mischa Spoliansky in der von ihm selbst gesungenen Einspielung dieses Liedes vermittelt.

Die „Geschwister Pfister“ – Christoph Marti, Tobias Bonn und Andreja Schneider – plus der Schauspieler Stefan Kurt, haben seit der Produktion von Nico Dostals „Clivia“ ihr Berliner Fanpublikum von der „Bar Jeder Vernunft“ um jenes der Komischen Oper erweitert. Wer Amüsement ohne Tiefgang und Biss sucht, wird diesen Abend mit dem Arrangement berühmter Nummern des jüdisch-russischen Komponisten Mischa Spoliansky ebenso genießen wie der lautstark applaudierende Großteil des Publikums am Premierenabend.

Dass ein Zeitstück aber auch bissig, witzig und aktuell zugleich sein und bleiben kann, beweist eine Inszenierung von Barrie Kosky, die kommende Spielzeit in der dritten Saison auf dem Programm stehen wird, die im Jahre 1932 an diesem Haus uraufgeführte Musikalische Komödie „Eine Frau, die weiß, was sie will“ von Oscar Straus.

  • Weitere Aufführungen: 9. April, 23. Juni, 4. Juli 2016.