Stasi und Jazz – Günter Baby Sommer in der Debatte


(nmz) -
Jetzt wirbelt der Jazz in deutscher Vergangenheit: Ein Offener Brief beschuldigt den Schlagzeuger Günter Baby Sommer, einst Zuträger der DDR-Staatssicherheit gewesen zu sein. Absender des Schreibens: Der Dresdner Saxofonist Dietmar Diesner. Nur eine Neiddebatte unter gut improvisierenden Kollegen?
17.02.2011 - Von Michael Ernst

Das klingt nach einem Paukenschlag, steht aber nicht in Noten geschrieben, sondern in einem Offenen Brief ans Oberbürgermeisterbüro der Stadt Dresden. Der Inhalt tönt brisant und dürfte noch einigen Nachhall bescheren. Punktgenau zur für Mitte März angekündigten Vergabe des Kunstpreises der Landeshauptstadt an den 1943 in Dresden geborenen Jazz-Musiker Günter Baby Sommer wird darauf hingewiesen, diese Ehrung würde „einem ehemaligen Stasi-Spitzel die Ehre erweisen.“ Dieser Vorwurf basiere auf „Recherchen eines BStU-Forschungsprojektes“ des ebenfalls in Dresden lebenden Saxofonisten Dietmar Diesner (Jg. 1955). Inhalte seines Berichtes könne er jedoch „aus rechtlichen Gründen“ nicht zur Verfügung stellen.

Einst haben Diesner und Sommer gemeinsam improvisiert. Damit dürfte es nun wohl vorbei sein. Diesner kreidet seinem Kollegen an, dass der „als studentischer Denunziant für die MfS-Bezirksverwaltung Dresden verpflichtet wurde“ und sich „1995 an derselben Hochschule“ zum Professor berufen ließ, wo er „zeitweilig sogar Prorektor“ war.

Dem heutigen Prorektor an Dresdens Musikhochschule Carl Maria von Weber, Professor Andreas Baumann, liegt Diesners Schreiben ebenfalls vor. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die Ernennungsformalitäten einer jeden Professur: „Wir sind alle mehrfach nach Strich und Faden durchgecheckt worden, es gab daraufhin die Bestätigung vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst, dass namentlich nichts vorliegt.“

Die juristischen Fakten werden von Annett Hofmann, der Pressesprecherin des Staatsministeriums, bestätigt: „Prof. Sommer ist bei seiner Übernahme in den Landesdienst, wie jeder andere Bewerber auch, einer entsprechenden Überprüfung nach § 75 Sächsisches Hochschulerneuerungsgesetz unterzogen worden. Eine erneute Überprüfung des Aktenbestandes der Hochschule im Jahr 2009 hat ebenfalls keine neuen Hinweise ergeben. Aus der Tatsache, dass Herr Prof. Sommer bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand an der HfM tätig war, kann der Schluss gezogen werden, dass keine belastenden Kontakte zur Staatssicherheit festgestellt werden konnten.“

Derartige Prüfungen in Zusammenarbeit mit der Bundesbehörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR sind gesetzlich vorgeschrieben. Die Dresdner Außenstelle dieser Behörde weiß zwar von einem früheren Interesse der Stasi an Sommer, dies sei aber einseitig gewesen. Der Musiker wurde demnach von 1962 bis 1968 als „geheimer Informant“ geführt, war aber nur „schwer zu kontrollieren“, so dass die Kontakte als „mangelhaft“ eingeschätzt worden sind. Zudem liegt keine Selbstverpflichtung, sondern allein eine Schweigeerklärung für den Anwerbeversuch vor.

Die Gründe für Diesners schwere Vorwürfe scheinen unklar, zumal der Verfasser des Offenen Briefs für Rückfragen bislang nicht zu erreichen war. Günter Baby Sommer selbst lässt die Sache allerdings eher kalt. Auch er weist auf die gesetzlichen Grundlagen hin: „Man muss doch nur mal nachdenken. In den Öffentlichen Dienst schlängelt sich heute niemand durch die Hintertür.“ Dokumente zu werten, aus denen sich weitere Konsequenzen ergeben könnten, sollte „hoheitliche Aufgabe“ bleiben und kein Gegenstand für „selbsternannte Stasi-Aufklärer auf Neidbasis.“ Er selbst sei nun mal schon in den 1980er Jahren international gefragt gewesen.

Tatsächlich zählt Sommer seit Jahrzehnten zur europäischen Avantgarde, hat in „Synopsis“, dem späteren „Zentralquartett“, nicht nur den ostdeutschen Free Jazz belebt und ist wiederholt genreüberschreitende Projekte mit Autoren wie Christoph Hein, Günter Grass und Christa Wolf eingegangen. Dieses Lebenswerk sollte mit dem Kunstpreis 2011 geehrt werden – und wird es auch, wie Dresdens Kulturbürgermeister Ralph Lunau am Mittwoch feststellte. Nach Diesners Hinweis, „seine Angaben dürften aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlicht werden“, werde sich die Stadt zu diesem Schreiben nicht äußern. Lunau hält fest: „Es gibt für uns keine Anhaltspunkte für Mutmaßungen einer solchen Tätigkeit für die Staatssicherheit, da Herr Sommer als Professor an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden tätig war und den üblichen Überprüfungen unterzogen wurde.“

 

(nmz-bl) - Zu diesem Beitrag erreichte uns folgender Text von Dietmar Diesner, in dem der Dresdner Musiker seine Sicht auf die Dinge darstellt.

 

GEGENDARSTELLUNG von Dietmar Diesner (www.saxophon-actor.de) zum NMZ-online-Artikel "Stasi und Jazz - Günter Baby Sommer in der Debatte" (17.02.2011):
Der Autor Michael Ernst setzt mit der Frage "Nur eine Neiddebatte unter gut improvisierenden Kollegen?" eine Behauptung in die Welt, die sich lediglich auf ein diffamierendes Zitat von Prof.Sommer stützt. Das nenne ich unseriösen Journalismus. Nach Rückfrage beteuert Herr Ernst, seine Texte seien "sauber recherchiert" gewesen. Unter umfassend "sauberer Recherche" verstehe ich, daß ein Journalist zunächst meine Stellungnahme abwartet und im weiteren die Stasi-Akten bei der BStU angefordert. Beides wäre ihm möglich gewesen. Statt dessen erwähnt er, daß ihm meine Gründe (des Offenen Briefes) unklar erscheinen und ich für Rückfragen "bislang nicht erreichbar war". Herr Ernst bat am 16.02.11, 13.55 Uhr (T-Net-Box) um Rückruf; seine Nachricht konnte ich erst am 17.02.11 zur Kenntnis nehmen. Bereits am Morgen, also wenige Stunden später, war ein ähnlicher Artikel in den Dresdner Neuesten Nachrichten (DNN) erschienen und dieser hier ab 14 Uhr auf NMZ-online.

    Der Offene Brief an die OB, Frau Helma Orosz, enthielt in der Anlage den "1.vorläufigen Forschungsbericht zur Stasi-Aufarbeitung" (von 2009). Diese vollständige Version enthielt Fakten auch über Dritte bzw. Namen, die nicht Personen der Zeitgeschichte sind sowie weitere Verdachtsaspekte, die aufgrund der geringen Aktendichte (noch) nicht eindeutig nachgewiesen werden konnten. Deshalb gab es meinerseits den rechtlichen Hinweis einer nur vertraulichen Kenntnisnahme. Ein inzwischen modifizierter Forschungsbericht ist nun unter Berücksichtigung der genannten rechtlichen Aspekte der Öffentlichkeit zugänglich.

    Die Behauptung der Pressesprecherin des SMWK:(Zitat) "Eine erneute Überprüfung des Aktenbestandes der Hochschule im Jahr 2009 hat ebenfalls keine neuen Hinweise ergeben" (Zitat Ende) bzw. ähnliche Aussagen wurden meinerseits damals schon hinterfragt, weil sie mir widersprüchlich erschienen. Denn aus dem Antwortschreiben des ehem. Rektors der HfM, Herr Prof.Dr. Gies, geht hervor, daß anscheinend nur eine hochschulinterne Überprüfung ohne erneute Anfrage bei der BStU erfolgte. Ein MfS-Aktendokument aus dem Jahr 1979 wäre nach meiner Einschätzung für eine Neubewertung relevant gewesen. Fraglich ist also, ob dieses Dokument überhaupt schon bei der ersten Überprüfung 1995 vorlag. Herr Prof.Dr. Gies konstatiert in seinem Brief vom 30.09.09: "In den mir zugänglichen Unterlagen ist lediglich das Ergebnis der Prüfung dokumentiert, nicht jedoch die Gründe, die zu dieser Einschätzung geführt haben" (Zitat Ende) und verweist auf die BStU Außenstelle Dresden. 

    Auf der Grundlage meiner Aktenrecherchen stellt sich der Fall GI "Günter Sanders" wesentlich anders dar, als die von Herrn Ernst zitierte Aussage der BStU Dresden. Es heißt dazu, "dass die Kontakte als ‘mangelhaft’ eingeschätzt worden sind." . Nach Aktenlage ist erkennbar, daß die Schweigeverpflichtung per 5.12.62 datiert ist und die Anwerbung am 5.3.1963 in einem nachfolgenden Bericht des Führungsoffiziers dokumentiert worden ist - u.a. (Zitat) "Der Kandidat hat sich bereits schriftlich verpflichtet". (Zitat Ende).

Bei allem Respekt vor den Verantwortlichen der BStU-Außenstelle Dresden sei erlaubt anzumerken, daß diese kurze Information über den GI "Günter Sander" und die Einschätzung, er sei "schwer zu kontrollieren" gewesen, keinesfalls ausreichend ist, um ihn zu entlasten. Nicht erwähnt wurde - wie aus der Akte hervorgeht - , daß er finanzielle Zuwendungen (insgesamt 80 DM) handschriftlich mit vollem Klarnamen Günter Sommer quittierte und zu Aufträgen in Berlin außerhalb der HfM Dresden eingesetzt wurde. (Auftragsbeleg und Fahrkarte). An min. zwei Stellen der Akte erwähnt der Stasi-Offizier in zusammenfassenden "Einschätzung(en)", daß GI "Günter Sander" Berichte geschrieben haben soll. Eine solche Akte der Berichte (AIM - Arbeitsakte) wurde allerdings am 27.9.1989 von der Stasi selbst vernichtet. Noch 1965 bestätigt der Stasi-Offizier (Zitat:) "Der GI zeigte bisher gute Mitarbeit, besonders gut ist seine Eigeninitiative." (Zitat Ende), ferner wird erwähnt, daß Treffs in Abständen von 14 Tagen bis 3 Wochen in einer KW (=Konspirativen Wohnung) anscheinend geplant bzw. auch stattgefunden haben sollen.
In der vierseitigen Abschlußbeurteilung (vom 17.06.1968) konstatiert der Führungsoffizier, daß der Geheime Informator "operative Fähigkeiten" gezeigt haben soll und sogar "Eigeninitiative" entwickele.

    Es kann hier nicht alles genannt sein, ich verweise auf die Akten und auf meinen Forschungsbericht, der auch ein eigenes Fazit zu diesem Stasi-Fall "Günter Sander" enthält. Aus den Erkenntnissen der Aktenlage komme ich zu einem anderen Ergebnis als alle, die den Fall als weniger bedeutend einstufen und bedauerlicherweise eine neue, gewissenhafte Prüfung des Falls nicht für notwendig erachten, statt dessen immer wieder auf die damalige Personalprüfungskommission der HfM Dresden verweisen. Ich empfinde es als absurd, wenn das übergeordnete Organ, ein Staatsministerium, rückwärts auf die Hochschule verweist, die Hochschule heute auf eine interne Kommission von 1995 und die Stadt Dresden im aktuellen Fall der Kunstpreisverleihung 2011 ebenso. Der Kulturbürgermeister, Herr Dr. Lunau, ließ am 17.2.11 sogar verlauten, daß es "keine Anhaltspunkte für Mutmaßungen" gäbe, als habe er meinen Forschungsbericht nicht gelesen und verweist auf meinen Hinweis der Vertraulichkeit. Daß letztendlich nur die Akten von der BStU als verbindlich anzusehen wären, sollte er eigentlich wissen. Ob diese jemals von der Stadt angefordert werden, wage ich zu bezweifeln.

Abschließend möchte ich Herrn Prof. Sommer bitten, seine diffamierenden Aussagen gegen mich in Zukunft zu unterlassen. Die Formulierung ich sei ein "selbsternannter Stasi-Aufklärer auf Neidbasis" weise ich als unwahr zurück. Mein Forschungsthema "Der Einfluß des MfS auf den Jazz in der DDR" wurde Ende der 90er Jahre vom damaligen BStU, Herrn Joachim Gauck, bestätigt. Seit dem habe ich viele Akten gelesen und faktisch ehrenamtlich eine intensive Arbeit zur Aufarbeitung der SED-Stasi-Diktatur geleistet.

    Zu Prof. Sommers erfundener "Neiddebatte" ist mir unerklärbar wie er zu der Behauptung kommt, daß nur er "in den 1980er Jahren international gefragt gewesen" sei. Ich durfte ein paar Jahre später als er, erstmalig 1982 zu Gastspielen in den Westen reisen und war auf vielen internationalen Festivals in Europa und Nordamerika präsent. Allerdings habe ich nicht für die Stasi gespitzelt und ich war weder Mitglied der SED noch sonst irgend ein Funktionär.(Ende der Gegendarstellung)

    Dietmar Diesner, Dresden am 28.Februar 2011

 

 

 

Dies ist eine Reaktion auf

Dies ist eine Reaktion auf denArtikel in der Dresdner Morgenpost vom 22.02.2011:
Jetzt redet „Baby“ Sommer

Jeder, der sich mit der Geschichte der DDR, und somit der Geschichte der Stasi, beschäftigt hat, dürfte bemerkt haben, dass die Stasi sehr leicht unbequemen Leuten das Leben sehr schwer machen konnte. Erstaunlich, dass Herr Günter “Baby” Sommer es offensichtlich unbeschadet umgekehrt praktizieren konnte und sogar noch obendrein Privilegien als “Exportartikel” genießen durfte. Er schreibt in der Presse, er habe sich kritisch zur Kulturpolitik der DDR und zum Einmarsch der Roten Armee geäußert. Nachdem die Stasi mit Exmatrikulation gedroht und eine Zusammenarbeit gewünscht habe, habe er, Günter „Baby“ Sommer, seinerseits die Stasi drei Jahre mit einem „Katz-und-Maus-Spiel“ und „unbrauchbarem Material“ genarrt, bis diese, offensichtlich ohne Konsequenzen, aufgegeben habe. Das ganze Spiel dauerte demnach wohl lediglich von Beginn des Studiums an bis zum dritten Studienjahr. Was war die Stasi auf einmal nachsichtig mit dem Studenten Günter Sommer, was die Exmatrikulationsdrohung betraf. Fast zum liebhaben. Sie legte ihm keine Steine in den Weg, im Gegenteil. In den 80er Jahren, einer Zeit, in der eine große Zahl heute ebenfalls international geschätzter Künstler wie z.B. Wolf Biermann, A.R.Penck oder der heutige Dresdner Professor Ralf Kerbach unter den Repressionen der Stasi leidend, die DDR verlassen haben oder schon verlassen hatten, durfte Günter „Baby“ Sommer als „Exportartikel“ die DDR „sommers wie winters“ und teilweise wohl gar mit Ehefrau im westlichen Ausland repräsentieren und Kontakte knüpfen, von denen viele seiner Musikerkollegen ohne Privilegien nur träumen durften. Es war allem Anschein nach nicht alles schlecht bei der Stasi, vorausgesetzt es handelt sich nicht wieder um unbrauchbares Material und ein Katz-und-Maus-Spiel von Günther „Baby“ Sommer.

Henry Rademacher,
Maler und Grafiker


Brief an Herrn Prof. em. Günter Baby Sommer

Lieber Herr Günter Baby Sommer,

herzlichen Glückwunsch! Nun bekommen Sie also nach dem DDR-Kunstpreis (1985) auch noch den Kunstpreis der Landeshauptstadt Sachsen. Leider ist die Gestaltung des Preises, ein Bronzeapfel, nicht wirklich schön und die Preisgeldhöhe ist auch entsprechend der Wertung, die Kunst in der Kunststadt Dresden hat (5.000 €).
Sie brauchen also gar nicht Ihren Musikerkollegen Dietmar Diesner diffamieren. Stehen Sie doch einfach zu Ihrer Vergangenheit. Die Mitglieder der Preisjury tun dies scheinbar auch.

Jean Kirsten