Sympathy For The Devil mit dem Münchner Kammerorchester


(nmz) -
Nicht nur im aktuell-öffentlichen Angebotsdschungel der Musikvermarkter weltweit ergibt sich Unübersichtlichkeit im Megaformat. Das wird da wie in anderen Geschäftsfeldern ausgenutzt bis zum geht nicht mehr. Solche, die nicht nur die Kohle im Ohr und im Blick haben, getrauen sich dann schon mal und zuweilen ins Haifischbecken – auch der Klassik.
24.03.2018 - Von Wolf Loeckle

Die setzen dann jenseits von dem, was Umsatz und Rendite bringt, Musikalität und Intelligenz auf ihre Programme. Die Macher zum Beispiel von der Versicherungskammer Kulturstiftung kriegen die verfügbaren 300+x Karten für ihr Veranstaltungsfoyer in sieben (7) Minuten weg, bis auf den letzten Platz. Und das mit einem Programm, das nicht die immer wieder gern gehörten Highlights auf dem Silbertablett kredenzt. Wer ist George Crumb bitteschön? Was sucht das sechsstimmige Ricercare von Johann Sebastian Bach neben der d-Moll-Sinfonia la casa del diavolo. Und was zum Teufel, macht da das weltberühmte D-Dur-Violinkonzert opus 6 Nr. 1 von Niccolò Paganini.

Wer das Glück hat (oder die programmatische Gescheitheit), die Autorin und Kulturdurchblickerin Hannah Dübgen beschäftigen zu wollen und zu können, der kriegt zwar bildungsbürgerlich korrekt aber sprachlich schnörkelfrei und losgelöst von der kulturellen Erklärungsmanie Information, die das Konzert trägt und nicht überschüttet mit eitler Faktenhuberei. Hier liefert die gedankliche Kraft in musikalischer Faktur die Möglichkeit zum Öffnen aller Wahrnehmungsorgane. Und es erschließt sich sofort auch, was der virtuose Boccherini neben dem Quartett Black Angels von George Crumb sucht, warum der Bach vor dem Paganini steht. Zumal das visuelle Begleitprogramm mit ebenfalls intelligenten und sehr knappen Texten zusätzlich die Augen erfreut.

Platziert ist der Abend als Teil der in der Stadt München gerade grassierenden Faust-Orgie, Veranstaltungsreihen, hunderten, bis in den Sommer hinein, von unzähligen Kreativ-und-Pseudokreativköpfen zusammengetragen, vom Staatstheater bis zum Unteruntergrund, von der Hochkunst bis zur Subkunst. Hier galt es den Teufel zu hinterfragen, zu durchleuchten. Das gigantische kontrapunktische Meisterstück des sechsstimmigen Ricercare von teuflischem Perfektionswahn getrieben wie die Boccherini-Sinfonia mit ihrer aus heutiger urheberrechtlicher Sicht nicht unproblematischen Gluck-Don-Juan-Nähe und dem aberwitzigen, nur von Teufelskräften und erotischem Drive in seiner Entstehung und biographischen Verwurzelung zu erklärendem Wahnsinnswerk. Faust und die Ober-wie-die-Unterwelten von Hölle und Mephisto und Teufel lassen grüssen.

Das irrwitzige, aufstrebende Virtuosen-geschöpf llya Gringolts ließ die Leute toben. Bei Boccherinis exorbitant gespieltem Eröffnungsstück konnte noch der Eindruck entstehen, das MKO (Münchener Kammerorchester) habe sich neu gefunden, neu aufgestellt, unter der Leitung der amerikanischen Geigerin Meesun Hong Coleman (aktuell Konzertmeisterin der Kammerakademie Potsdam), die für den erkrankten Daniel Giglberger eingesprungen ist. Diese Stringenz ließ sich freilich nicht ganz durchhalten. Aber nicht umsonst ist das MKO mehrfach für seine herausragende Programmgestaltung weithin bewundert und ausgezeichnet worden. Hier kamen noch die ambitionierten musikalischen Köpfe der Kulturstiftung dazu. Solche besonderen Abende wie diesen gibt es zuweilen. Dass so etwas den Menschen gefällt, dass sie etwas damit anfangen können, belegt ein Abend wie dieser. Völlig unverkrampft. Jünger und älter.

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