Tanzende Polyphonie – Die Symphonia Momentum in der Musikhochschule München


(nmz) -
Vor wenigen Wochen erst wurde das Orchester Symphonia Momentum gegründet; es handelt sich um ein Projekt des auch als Autor und Musiker-Coach bekannten Celibidache-Schülers Christoph Schlüren. Ziel ist es, Musiker aus aller Welt zusammenzuführen, Brücken zwischen Ost und West zu schlagen.
01.12.2010 - Von Thomas Schulz

Derzeit spielen 20 Musiker aus 12 Ländern und fünf Kontinenten in dem Ensemble. Im Großen Saal der Musikhochschule München gab die Symphonia Momentum am 20. November ihr zweites Konzert. Das Motto des Abends, "Orient & Occident", gibt bereits über die Absicht der Musiker Aufschluss, sowohl Kontraste zu schaffen als auch den Bezug zwischen den kontrastierenden Elementen herzustellen. So stand einerseits die polyphone deutsche Tradition im Vordergrund: Von Bach über Mozart und Beethoven bis hin zu Reinhard Schwarz-Schillings tief beeindruckendem frühen Streichquartett f-Moll, von der Symphonia Momentum erstmals in einer Fassung für Streichorchester dargeboten. Dazwischen erklang Arvo Pärts mottosstiftende Komposition "Orient & Occident", eine Uraufführung von Peter Michael Hamel und Anders Eliassons Solo-Violinstück "In medias".

Gleich in Bachs einleitender Fuge BWV 578 beeindruckte die klangliche Homogenität und der vorbildliche Ensemblegeist des jungen Ensembles. Man spürt einerseits den Enthusiasmus, andererseits die entspannte Stimmung unter den Musikern, die sich unmittelbar auf die von ihnen gespielte Musik übertrug. Bachs Polyphonie eröffnete unter Schlürens souveränem Dirigat ihre natürlich fließende, leichtfüßige Qualität. Die vorbildliche Phrasierung des Ensembles ließ die Musik förmlich tanzen. Der Eindruck eines unaufgeregten und dennoch temperamentvollen Bach-Spiels setzte sich im E-Dur-Violinkonzert fort, dessen Solopart Rebekka Hartmann mit glasklarer Intonation und ebenso schlankem wie beherztem Ton gestaltete. Die Geigerin beeindruckte im zweiten Teil des Abends mindestens ebenso mit ihrer beseelten, konzentrierten und mitreißenden Interpretation von Eliassons "In medias" von 1971 – dem frühesten Werk, das der schwedische Komponist aus seinem Œuvre gelten lässt.

In Beethovens "Cavatina" aus dem Quartett op. 130 gelang es dem Ensemble, ein geradezu ätherisches Pianissimo zu kultivieren – keine geringe Leistung angesichts der gnadenlosen Akustik des Großen Saals der Musikhochschule. Pärts Komposition bildet in ihrem steten Wechsel von einstimmiger, mit Glissandi durchsetzter, orientalischer Melodik und "westlicher" Akkordik einen Prüfstein für jedes Streichorchester. Die Symphonia Momentum bestand diese Prüfung mit Bravour; die Intonation der Unisono-Partien kaann man nur als maßstabsetzend bezeichnen. Auch Peter Michael Hamels "Ulisono" kombiniert westliche und östliche Elemente. Das Stück ist eine berührende Hommage an Hamels verstorbenen Freund und Kollegen Ulrich Stranz, mit dem er vor langer Zeit im Ensemble Between gemeinsam musizierte. Stranz spielte die Bratsche, und so findet sich in dem Werk sowohl thematisches Material von Stranz aus jenen Jahren als auch ein prominenter Bratschenpart, bei der Münchener Uraufführung gespielt von Helmut Nicolai.

Den Höhepunkt des Abends bildete aber zweifelsohne das Schwarz-Schilling-Quartett, von Schlüren persönlich für Orchester bearbeitet. Die polyphone Tradition Bach-Beethoven-Bruckner findet sich in diesem Werk in die Gegenwart übertragen – unter Umgehung der Moderne. Es ist eine Musik ohne Moden, faszinierend allein durch die unmitttelbar ansprechende, sinnfällige Architektur und die tief ernste Intensität ihres Ausdrucks. Spieltechnisch und gestalterisch fordert Schwarz-Schillings’ Opus die Ausführenden bis an die Grenzen – was aber in der Interpretation der Symphonia Momentum kaum je spürbar wurde. Bereits zu Beginn der Introduktion entstand eine atemlose Spannung, die über die gut 40 Minuten Spieldauer aufrecht erhalten wurde. Christoph Schlüren hat betont, wie sehr ihm gerade dieses Werk am Herzen liegt, und sein persönliches Engagement teilte sich dem Publikum unmittelbar mit. Nicht nur angesichts der zahlreichen anvisierten zukünftigen Projekte der Symphonia Momentum ist zu hoffen, dass man von diesem viel versprechenden Orchester in Zukunft noch oft hören wird.

Neues Orchester, ein Team als wären sie schon immer zusammen

Ich hatte die Möglichkeit und Freude, beim Konzert des Orchesters Symphonia Momentum in München dabei zu sein. Zum Glück muss ich sagen, denn die Vorankündigung war in letzter Minute veröffentlicht worden!

Der Abend war ein musikalischer Hochgenuss, so viel steht fest. Nicht nur die Auswahl der Stücke war sehr gekonnt abgestimmt.

Es entstand ein frei zuhörender, frei schwebender Geist, der von Schlüren fein gelenkt wurde, so hatte ich den Eindruck. Dieser Geist, in den ich ganz versunken war durchlief viele verschiendene Zustände, gerade so als ob ich mich besinnen würde auf die Tage der Kindheit, mit freudigem Geist und dann allmählich älter werdend, etwas schwerer und tiefer, getragener. Fast vergleichbar als hätte ich Drogen konsumiert und dennoch hellwach.

Ich will beschreiben, dass dieses Konzert ein ausgesprochenes Erlebnis war, die Stimmung im Saal war freudig und leicht, und dennoch mucksmäuschen still, gebannt hörend, so als ob alle zusammen sich auf eine Reise begeben hätten.
In den Momenten, in denen ich den Dirigenten, Herrn Christoph Schlüren beobachtete, bemerkte ich, dass er seine Musiker tatsächlich auf dieser Reise begleitete in ständigem sehr sehr freudigem Kontakt und musikalischem Gespräch untereinander.

Im Beethoven Stück, ich meine es war das dritte, war das Spiel der Violinen so fein, so leise und zart, dass das Gehör gezogen wurde und immer mehr hinhörte - nie verloren ging, sondern sich immer weiter ausdehnte. Mir war, als würde die Zeit stehen bleiben, so gebannt war ich auf den Moment der Stille - lauernd auf den nächsten Ton.

Mein großes Kompliment an dieses junge Orchester. Weltklasse würde ich meinen.
hochachtungsvoll
 A.Kempe


Symphonia Momentum

Ich hatte das Vergnügen Symphonia Momentum in München zu sehen, was in diesem Fall hören und spüren bedeutet. Ehrlich, ich bin kein enger Freund von Mozart oder zeitgenössischer Musik. Doch was ich an diesem Abend zu hören bekam war die Filigranität pur. So etwas habe ich noch nie erlebt, so viel Feuer und Fein-Stil gepaart in einer Auswahl von Stücken die sich ergänzen und auch nicht, dennoch im Momentum stimmig sind. Eine Zeitreise war es für mich. Wunderbar, ich kann hoffen und wünschen, dass ich noch einige Aufführungen von Symphonia Momentum erleben darf. Mein Bild - gerade von zeitgenössischer Musik - hat sich gewandelt. Danke für dieses Erleben.


Symphonia Momentum

Das Konzert in der Münchener Arcisstraße war rundum gelungen.
Unvorstellbar die perfekte klangliche Balance dieses neuen Ensembles - hinreißend die Vorstellung von Rebekka Hartmann als Solistin.
Herausfordend das Programm: Bach, Beethoven, Mozart, Pärt, Hamel, Eliasson und: (kein Widerspruch in sich) das monumentale Kammermusikwerk von Schwarz-Schilling.
Hier gelang den Musikern unter der unprätentiösen und konzentrierten Leitung des Dirigenten vorallem im Adagio wunderbarste Momente.
Musizieren auf solchem Niveau gelingt seltenst und machte den Abend unvergesslich.
Es bleibt allein zu hoffen, von diesem Ensemble in Bälde mehr zu hören.


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