Teuer erkaufte Freiheit: Gioacchino Rossinis „Guillaume Tell“ am Staatstheater Nürnberg


(nmz) -
Es ist schon merkwürdig: Während man bei einem Werk Richard Wagners eine Aufführungsdauer von über vier Stunden ganz selbstverständlich akzeptiert und sie mit nachmittäglichem Beginn und langen Pausen entsprechend zelebriert, glaubt man dem Publikum eine gut vierstündige französische Oper nicht zumuten zu können.
04.03.2012 - Von Juan Martin Koch

So präsentierte man nun auch am Staatstheater Nürnberg Gioacchino Rossinis „Guillaume Tell“, diesen grandiosen Wegbereiter der Grand Opéra, in einer deutlich gekürzten Form, die wenig von der fein austarierten Balance aus (wenigen) Soloszenen, Ensembles, Chören und Tänzen erkennen ließ. Vor allem blieb Rossinis subtiler Umgang mit Erinnerungsklängen, also wiederkehrenden harmonischen und instrumentalen Charakterisierungen bestimmter Milieus schmerzhaft unterbelichtet. Diesen Eingriffen in die musikalische Substanz galt denn wohl auch ein vereinzelter Buhruf für Kapellmeister Guido Johannes Rumstadt, während er und die fabelhaft aufspielende Staatsphilharmonie für eine packende, in den Klangfarben herrlich zugespitzte Darstellung vor allem verdienten Jubel ernteten.

Die Eingriffe in Rossinis Meisterwerk dürften ohnehin zuallererst auf die rigorose Interpretation Elisabeth Stöpplers zurückgehen. Die Regisseurin, die unter anderem bei Götz Friedrich und (deutlich erkennbar) bei Peter Konwitschny ihr Handwerk gelernt hat, verortet den Schweizer Nationalmythos konsequent im Hier und Jetzt. Was sie interessiert, ist der Preis, der für die Freiheit zu zahlen ist, und die Frage, welche Freiheit diesen Preis wert ist.

Als Introduktion in ihr Thema hat sie zusammen mit Bühnenbildner Hermann Feuchter ein grandioses Bild ersonnen, das unmittelbar der Musik entspringt: In einer Fabrikhalle nehmen nach und nach fünf Cellisten mit explodierten Barockperücken auf einem Podium Platz. Verzückt lauschen die Hereinkommenden dem Quintett, das Rossinis Ouvertüre eröffnet (von Solocellist Christoph Spehr und Studierenden der Nürnberger Musikhochschule exquisit gespielt), als das Podium mit den Musikern langsam nach oben wegzuschweben beginnt. Die Utopie einer Freiheit in Frieden wird vom anschließenden Sturm hinweggefegt. Die Wände der Halle schließen sich, das Volk ist eingesperrt. Den berühmten Schlussgalopp der Ouvertüre reicht die Regisseurin erst später nach.

Um den Diktator, der sich in Videoeinspielungen unter anderem im Gewand Fidel Castros und Napoleons zeigt, loszuwerden, reicht es nicht, Hymnen ans Vaterland und die Liebe zu singen, per Overhead projizierte Vierwaldstättersee-Landschaften mit Herzchen zu versehen oder – Tells Part als Volkserzieher – Parolen wie „Freiheit spielend lernen“ an die Tafel zu schreiben. Das merken die Schweizer recht schnell und entdecken im zweiten Akt ihre revolutionäre Vergangenheit. Aus dem Keller werden verstaubte Mittelalterkostüme und Armbrüste hervorgekramt, aus den Schiller-Reclam-Heftchen liest man sich gegenseitig die aufständischen Parolen und den Rütlischwur vor.

Doch die Befreiung ist teuer erkauft: Tell trifft beim Apfelschuss Jemmy (in der Nürnberger Inszenierung seine Tochter) in den Rücken, die folglich beim Finale im Rollstuhl sitzend ihren Vater in die Arme schließt. Weil dieser von Gesslers Schergen geblendet wurde, muss Gattin Hedwig den tödlichen Schuss auf den Tyrannen abgeben.

Arnold Melchthal ist von den Ereignissen traumatisiert und erwürgt seine Habsburger Prinzessin Mathilde, die auf dem Leichnam seines Vaters zu liegen kommt. Diesen hatte Arnold – eine gewagte, ergreifende, am Ende in lange Stille mündenden Szene – in seiner Arie im vierten Akt gewaschen. Uwe Stickert (als einziger Gast) machte die mörderische Tenorpartie mit heller, zu intimen Ausdrucksvaleurs fähiger Stimme und frappierenden Spitzentönen zum vokalen Ereignis des Abends. Sein Duett im zweiten Akt mit der gleichfalls brillanten, warm timbrierten Mathilde Leah Gordons (köstlich ihr Spiel mit dem riesigen Reifrock) war pures Belcanto-Glück.

Ausgezeichnet auch das übrige Ensemble, in dem einzig Martin Berner in der Titelpartie etwas blass blieb. Die Jemmy sang Claudia Braun als hervorragende Einspringerin vom Graben aus, Michaela Maria Mayer agierte szenisch. Die üblicherweise gestrichene Arie im dritten Akt – Elisabeth Stöppler hatte sie ihrem Regiekonzept klug eingepasst und an den Moment nach dem tragischen Apfelschuss gesetzt – musste bei der Premiere leider vom Band erklingen. Dieser unfreiwillige Verfremdungseffekt korrespondierte mit der am Beginn der Szene eingeschobenen, traumähnlichen Sequenz, in der aus Lautsprechern eine Collage aus Schweizer Nationalhymne und Rütlischwur tönt.

Hatte schon dieser etwas längliche Einschub ein energisches „Basta“ aus dem Publikum provoziert, so überwogen auch am Ende die Buhrufe für diese nicht in allen Details überzeugende, immer wieder aber anregende und nachdenkenswerte Regiearbeit. Enthusiastische Zustimmung gab es indes für Musiker, Sänger und den überwältigenden Chor (Tarmo Vaask) – ein weiteres Indiz dafür, dass man das Publikum auch in Sachen französischer Oper nicht zu unterfordern braucht.

Weitere Aufführungen: 10.03., 12.03., 18.03., 24.03., 04.04., 15.04., 06.05., 31.05., 26.06.

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