Tod auf halber Treppe – Verdis „Aida“ geht auch ohne Elefanten: Premiere in Erfurt


(nmz) -
Opern-Äthiopien ist auch nicht mehr was es mal war. Da marschieren sie in Ägypten ein, werden von Radames und seinen Truppen besiegt und Verdi komponiert ihnen einen Superhit, der das seit der Uraufführung bis heute geblieben ist, und dann ist in der Oper Erfurt nicht mal ein klitzekleiner Elefant unter der Beute. Nur eine Trage voll Gerümpel. Afrikanische Masken, ein Schild und solches Zeug, was sich in jedem Theaterfundus finden lässt und irgendwie nach Nordafrika aussieht. Der Beutehaufen ist so mickrig, dass man sich fragt, ob der König auf dem Thron hoch oben und mit der Krone aus dem Märchenbuch das überhaupt richtig wahrnehmen kann.
28.04.2019 - Von Joachim Lange

Der hat zwar die Bläser mit den königlich auftrumpfenden, speziell für diese Oper kreierten Instrumenten auf der Treppe postieren lassen und die walten ihres Bläseramtes mit schöner Präzision. Bei dem, was zu seinen Füßen passiert, hat sein Hofamt allerdings komplett versagt. Hier wuseln einfach alle durcheinander. Auch von den gefangenen Äthiopiern, um deren komplette Ermordung es laut gesungenem und in den Übertiteln zu lesendem Text ja gleich gehen soll, sind die Frauen schon mal da. Irgendwie haben sie sich unters heimische Volk gemischt, obwohl sie in ihrer bunten Sinti- und Roma Volkstanztruppentracht sofort zu erkennen wären. Das ägyptische Militär, für das sich Sofia Di Nunzio die Kostümidee aus dem „Dieb von Bagdad" oder einer Uralt-„Entführung aus dem Serail“ geborgt haben mag, führt die gefangenen Männer herein. Wie gesagt, der ganze schöne Triumphmarsch – ohne den klitzekleinsten Elefanten oder eine klirrende Kette. Dass die Gefangenen jeden Moment ihr Todesurteil hören könnten? Wen juckts? Bei der schönen Musik! Das Regieteam jedenfalls nicht.

Melange

Was der Brasilianer André Heller-Lopes und sein Bühnenbildner Renato Theobaldo in Erfurt abgeliefert haben, ist – wenn man es positiv ausdrücken wollte – eine Melange aus „Nachts im Museum“ und „Wir parodieren eine Oper“. Die Personenregie im Sinne hiesigen Musiktheaters ist durch eine Art Choreografie der Gesten ersetzt. Wenn dahinter eine subversive Absicht stecken würde, um etwas über ein Opernverständnis der Vergangenheit oder in anderen Weltgegenden zu erzählen, dann könnte man sagen, die wunderbare Michelle Bradley hat in der Titelpartie die Aufgabe, die majestätischen Operngesten und den charismatischen Ausdruck einer Jessye Norman nachzuahmen. Eliska Weissová als Amneris spielt die Rolle einer Operndiva alten Stils. Mit ausgestreckten Armen, kühnem Schwung ihrer wehenden Gewänder beim Umdrehen. Oder wenn sei einen Auftritt an der Rampe mit einer pointierten Geste abschließt, mit der man eine Fliege in der Luft fangen könnte. Sie fängt sehr zurückhaltend an, spart klug. Dass sie schon beklatscht wird, bevor sie überhaupt den Mund aufgemacht hat, wäre als subversive Inszenierungszugabe gar nicht schlecht. Da waren wohl Superfans im Saal, für die es egal ist, was von der Bühne kommt, wenn nur ihr Liebling draufsteht.

Dekor

Mikhail Agafonov übernimmt als Radames auch noch die Rolle eines russischen Tenors, der so tut, als müsse er aus dem Stand die Arena in Verona beschallen. Das Programm weist ihn als Mitglied des Bolshoi-Ensembles in Moskau aus. Man glaubt es aufs Wort. Immerhin gelingt es ihm, seine Stimme aus der anfänglich störenden Gaumigkeit zu befreien. Wirklich restlos überzeugend ist seiner felsenfesten Unerschütterlichkeit ist der Georgier Kakhaber Shavidze als Ramphis und der längst zu einer Allzweckwaffe des Erfurter Ensembles avancierte Südafrikaner Siyabulela Ntlale (als Amonasro) mit seinem durch Gefühl belebten Verdi-Gesang. Schön ist es, dass es die beiden „Erfurter“ sind, die ein Ensemble anführen, das sich hören lassen kann. Wenn der (durch die Mitglieder des Philharmonischen Chors Erfurt) verstärkte Opernchor singt und nicht seine albernen Volkstanzübungen oder die Wie-verführe-ich-einen-Wächter-mit-Bart-und-Turban-Mätzchen aufführt, ist er dank der Einstudierung durch Andreas Ketelhut in Topform. Das gilt auch für das Philharmonische Orchester Erfurt unter seinem Chef Myron Michailidis. Ganz erstaunlich wie die Streicher aus dem Nichts beginnen und das Orchester dann den ganzen Aida-Pomp entfaltet. 

Der Rest ist Dekor. Ägyptenfolklore in goldene Wandvorhänge wie aus dem Papyrus-Shop. Ein paar fahrbare Elemente. Eine Dosis Video-Nilwasser. Aber eben kein Elefant und keine Palme. Aida und Radames sterben übrigens auf halber Treppe. Genau wenn sie mit dem Gesang fertig sind, geht ihnen die Luft aus. Wenigstens etwas.

Das Premierenpublikum war zufrieden damit. Zum Trost für die, die es möglicherweise nicht waren: selbst bei den Salzburger Festspielen und einer Aida namens Netrebko ging es ähnlich lähmend dekorativ zu. Dass man Verdis „Aida“ jenseits einer bewussten (oder unbewussten) Parodie auf die große Oper auch als Musiktheater ernstnehmen kann, war in den 90er Jahren gleich nebenan in Meiningen zu erleben. Peter Konwitschnys Aida – ist in der Rückschau ein Meilenstein der Rezeptionsgeschichte! Erfurt liefert jetzt das Exempel für das andere Ende der Skala möglicher Spielarten nach. Auch mal interessant.

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