Tuchfühlung bewirkt Wunder – Neue Musik im Münchner Umland, eine Bestandsaufnahme


(nmz) -
Zeitgenössische Musik ist – letztendlich traditionell – eine Domäne der Großstädte, von ein paar abgelegenen Festivals abgesehen. Zumindest was die lokale Musikszene der jeweiligen Stadt betrifft, bedeutet dies jedoch in der Regel auch eine Nischenbildung. Die Komponisten stehen im Grunde abseits des großen Konzertbetriebs, haben zwar die Möglichkeit, ihre Werke aufzuführen und sich dabei untereinander auszutauschen, doch das breite Publikum nimmt es kaum wahr. In München ist dies nicht anders, trotz internationaler Festivals und Konzertreihen wie musica viva, Münchener Biennale oder Paradisi gloria.
17.12.2014 - Von Reinhard Palmer

Die Neue Musikszene ist letztendlich nur in eher subkulturellen Lokalitäten zu finden. Vielleicht ist dies mit der Grund, warum die Neue Musik immer mehr ins weite Umland diffundiert, wo sie mehr Freiraum findet – und zunehmend ein interessiertes Publikum.

Den Veranstaltern außerhalb Münchens wird bisweilen eine konservative Haltung in musikalischen Belangen nachgesagt. Dem kann nur bedingt zugestimmt werden. Das Interesse an Neuer Musik ist vielerorts durchaus vorhanden. Doch in den Regionen findet eine sehr begrenzte Kulturförderung statt, was die Konzertveranstalter dazu nötigt, risikofrei zu konzipieren, zumal der erhöhte Mittelbedarf aufgrund von GEMA-Kosten und expliziter Einstudierung von Werken von einem reduzierten Publikumskreis nicht aufgefangen werden kann. Dennoch gibt es immer wieder Veranstalter vor allem südlich und südwestlich von München, die Konzerte zumindest mit international anerkannten Komponisten wie etwa Heinz Holliger – bei den Iffeldorfer Meisterkonzerten im Oberland –, Moritz Eggert – bei den Holzhauser Musiktagen – oder Jörg Widmann – im Gautinger bosco (Kulturbühne der Gemeinde) unter der Führung des dortigen Theaterforums – schon unter Mitwirkung derselben gewidmet haben.

Gerade letzterer Veranstalter schließt in seiner hochrangigen Konzertreihe „Klassikforum“ zeitgenössische Musik keinesfalls aus. So spielte das Pacifica Quartet Elliott Carter, das Meccorre String Quartet Krzysztof Penderecki, das Duo Antoine Tamestit und Markus Hadulla Zusanne Farrin, das Belcea Quartet Mark-Anthony Turnage, Anna Gourari Rodion Schtschedrin etc. Die Musik von heute ist also durchaus auch im Münchner Umland angekommen und erntet schon lange keine Buh-Rufe mehr.

Die Tätigkeit des Klangmueller Musikverlags

Komponist Johannes X. Schachtner, aus Gauting stammend, widmet sich dort bereits seit ein paar Jahren der erweiterten Passionsthematik kurz vor Ostern in Kirchenkonzerten des Evangelischen Kirchenmusikvereins in der Gegenüberstellung von Alter und Neuer Musik bis hin zu Uraufführungen. 2015 wird dieses Konzert in Herrsching (St. Nikolaus) stattfinden, u.a. mit Werken von Markus Schmitt und Enjott Schneider. Im Gautinger bosco wagte Schachtner indes schon 2012 ein Kammerkonzert mit Werken von Rudi Spring, Markus Schmitt, Hans-Jürgen von Bose und eigenen Kompositionen. Ein erster Versuch, der zum Weitermachen ermunterte, zumal auch Fachpublikum aus München rausgefahren war. So widmete sich dort der in Starnberg angesiedelte Klangmueller Musikverlag in einem Gesprächskonzert mit dem Pelaar-Quartett dem Thema Streichquartett mit Werken von Komponisten, die zum Teil in der Region ihr künstlerisches Refugium gefunden haben. So Dorothee Eberhardt in Gilching, Graham Waterhouse in Weßling und Helga Pogatschar in Starnberg. Vierter im Bunde war Bernhard Weidner, der ebenfalls seine Werke neuerdings bei Klangmueller verlegen lässt.

Die für dieses Konzert entstandene Komposition von Graham Waterhouse – „Alcatraz“ – finanzierte die Christoph und Stephan Kaske Stiftung, die in Berg am Starnberger See angesiedelt ist. Joachim Kaske vom Stiftungsrat ist dort Kulturreferent und Vorstand des örtlichen Kulturvereins. Es ist geradezu selbstverständlich, dass es in Berg daher auch Neue Musik zu hören gibt. So kürzlich ebenfalls mit dem Pelaar-Quartett im Schloss Kempfenhausen sowie zuvor in der vom Cellisten Sebastian Hess kuratierten Konzertreihe Marstall-Classics in Berg, etwa 2009 mit Werken von Hans Werner Henze, Wilhelm Killmayer (in Anwesenheit des Komponisten) und Rodion Schtschedrin.

Es ist gewiss keine leichte Aufgabe, das Publikum zu mobilisieren, zumal dafür die Medienpräsenz in der Münchner Dichte notwendig wäre, um ausreichend potenzielle Konzertbesucher zu erreichen. Doch ist die Neue Musik in immer mehr Veranstaltungsreihen vertreten. Und bei Weitem nicht in starren Konzepten, wie so oft angenommen. Gerade das Unternehmen „Kunsträume am See“ von Elisabeth Carr in Starnberg geht mit innovativen Ideen voran und hatte auch schon die Performerin Ruth Geiersberger oder das Trio Coriolis mit zeitgenössischer Musik zu Gast.

Tutzing

Leichter haben es Veranstalter, denen von Haus aus Vertrauen entgegen gebracht wird. Während sich mancherorts die Sitzreihen schon etwas lichten, wenn Werke Neuer Musik im Programm auftauchen, ernten Kammerkonzerte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in der Evangelischen Akademie Tutzing stets begeisterte Ovationen. Kompositionen etwa von George Crumb, Ladislav Kupkovič oder Nicolaus Richter de Vroe sind geradezu enthusiastisch angenommen worden. Das hat wohl die Musikfreunde Tutzing dazu ermuntert, Werke des in Tutzing beheimateten Cellisten und Kompositionsstudenten Hans-Henning Ginzel ins Programm zu nehmen.

Es ist generell ein interessantes Phänomen: So sehr manche Veranstalter und Konzertbesucher gegenüber Neuer Musik Vorbehalte hegen, sind sie doch überraschend aufgeschlossen, wenn ein Komponist in ihrer Nachbarschaft zu Hause ist. Tuchfühlung bewirkt Wunder. Sowohl das Kunstforum wie auch der Kulturkreis in Gilching scheuen denn auch nicht, etwa Dorothee Eberhardt oder Graham Waterhouse Porträtkonzerte zu widmen. Markt Schwaben hatte einst mit Georg Haider einen engagierten Komponisten, der zudem als Fagottist – genauso wie der Cellist Waterhouse – auch eigene Werke interpretierte, bis er vor wenigen Jahren umzog.

Zorneding und Fürstenfeldbruck

Dennoch gibt es im Osten Münchens weiterhin erfolgreiche Bemühungen, Neue Musik zu etablieren. Dass in Glonn Günter Bialas gelebt hatte, sorgt vielleicht für ein gewisses Gefühl der Verantwortung. Im unweit gelegenen Zorneding setzt sich zumindest der seit 2003 amtierende künstlerische Leiter des örtlichen Kulturvereins, der Pianist Oliver Triendl, dafür ein, dass Komponisten wie etwa in der laufenden Saison der Franzose Olivier Greif, der Finne Jaakko Kuusisto, der Israeli Tzvi Avni oder der Kanadier Marc-André Hamelin dem Publikum bekannt gemacht werden.

Auch im Landkreis Fürstenfeldbruck, westlich von München, gibt es mittlerweile eine gewisse Tradition der Konzerte Neuer Musik. Hier lebte und starb vor zwei Jahren der Komponist und Bialas-Schüler Peter Kiesewetter, der in der Region durchaus präsent war und ist. Gegenwärtig vor allem dank der Aktivitäten seiner Frau, der Sopranistin Adelheid Maria Thanner-Kiesewetter, sowie der Publikationen vordringlich des Klangmueller Musikverlags in Starnberg, des Musikverlags Elisabeth Thomi-Berg in Planegg sowie des Verlags Edition Zither in Waging am See.

An einem Komponisten festzumachen, ist auch der Erfolg einer Konzertreihe in Fürstenfeldbruck. Der im Landkreis lebende Komponist und einst Kiesewetter-Schüler Nikolaus Brass hat im Klosterkarree des Veranstaltungsforums Fürstenfeld die Möglichkeit, in der Kunsthalle „Haus 10“ mit Neuer Musik in interdisziplinären Konzepten und in Verbindung mit bildender Kunst regelmäßig zu experimentieren.

Nach Carl Orff

Eine wichtige Persönlichkeit im musikalischen Leben der ausgedehnten Region München ist weit über seinen Tod hinaus Carl Orff. Da er in Andechs begraben ist, fühlt sich das Kloster mit den Carl Orff-Festspielen unter der aktuellen künstlerischen Leitung von Marcus Everding für die Pflege seines Lebenswerks verantwortlich. Dass seit Everdings Führung auch das Bayerische Rundfunkorchester mit im Boot ist, eröffnete die Möglichkeiten für Neue Musik in anspruchsvollen Interpretationen. Uraufführungen, wie etwa eines Werkes von Minas Borbudakis, finden allerdings eher selten statt. Jahrelang stand hier aber Wilfried Hillers „Der Goggolori“ auf dem Spielplan. Hiller als Orffs einstiger Schüler ist denn auch im Andechser Unternehmen involviert. Als Vorsitzender der Carl Orff-Stiftung in Nachfolge von Liselotte Orff setzt sich Wilfried Hiller auch in Raisting für Neue Musik ein. Als künstlerischer Berater der Ammerseerenaden (westliches Ufer des Ammersees), die 2014 an verschiedenen Orten erstmals stattfanden, brachte er einen Ansatz zur Einbeziehung zeitgenössischer Musikproduktion ein. Während das Münchner Ensemble Zeitsprung unter der Leitung von Markus Elsner ein Werk von Rodion Schtschedrin interpretierte, kamen im Konzert des Bach-Trompetenensembles München mit dem Organisten Edgar Krapp Kompositionen von Wilfried Hiller und Zsolt Gardonyí zur Aufführung.

Wer meint, ländlicher ginge es nicht mehr, hätte vor wenigen Wochen den „Hof am Mühlbach“ in Wilzhofen (Wielenbach) besuchen können, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Neben Alter Musik in historischer Aufführungspraxis und Jazz bringt hier das Musikerehepaar Anne Voit-Isenberg und Helge Voit auch Neue Musik ins dörfliche Leben. So eben zum 100. Geburtstag von Georg Trakl mit Gedichtvertonungen von Walter Killmayer, Rudi Spring und Johannes X. Schachtner. Dass auch Laurence Traigers „According to Juliet“ im Barocksaal des Klosters Bernried 2013 zu hören war, grenzte indes geradezu an eine Sensation.

Keine schlechte Bilanz

In der Gesamtheit – und die Beispiele erheben keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit – ist es keine schlechte Bilanz in der kulturellen Entwicklung der ländlichen Regionen um München herum. Jedenfalls ist die Neue Musik für Konzertbesucher in der Region kein unbekanntes Thema mehr und die Kenntnis von lebenden Komponisten wächst kontinuierlich. Dass die Infrastruktur auf dem Land Wünsche offen lässt, hat dabei nicht nur Nachteile, denn die Neue Musik findet dadurch eben mitten im örtlichen Kulturleben statt und läuft nicht Gefahr, in eine Nische gedrängt zu werden. Nicht selten wirkt sich auch die Notwendigkeit zur Improvisation recht erfrischend aus. Inwieweit die Aufgeschlossenheit des Publikums den Ambitionen der Veranstalter folgen kann, wird letztendlich längerfristig entscheiden, ob den Komponisten und Interpreten Neuer Musik dieses Betätigungsfeld zur Verfügung stehen wird. Mehr Beachtung könnte jedenfalls der Entwicklung förderlich sein.

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