„Turandot“ in Chemnitz: Keine Schneekönigin – eine Eisprinzessin vielleicht?


(nmz) -
Italienischer Spielzeitauftakt in Chemnitz: Hinrich Horstkotte deutet Puccini, Felix Bender gibt seinen Einstand als kommissarischer Musikchef des Hauses. Maraike Schröder als Liù ist überwältigend
28.09.2016 - Von Michael Ernst

Es ist die letzte Oper des Italieners Giacomo Puccini, und es sollte seine Unvollendete bleiben: „Turandot“, die Geschichte von der grausamen Prinzessin aus Peking. Die ursprünglich auf eine Romanze aus dem Persischen zurückgehende „Märchenoper“ wurde 1926 unter Arturo Toscanini an der Mailänder Scala uraufgeführt und trat seitdem einen Siegeszug rund um die Welt an.

Und eben weil sie unvollendet geblieben ist, tat sie dies mit verschiedenen finalen Möglichkeiten. In Chemnitz setzte man auf das den Entwürfen Puccinis am ehesten nahekommende Ende von Franco Alfano.

Die Liebe zur italienischen Oper füllte am Premierenabend verlässlich das Opernhaus, in dem die besondere Erwartungshaltung aber einerseits der Wiederkehr von Regisseur Hinrich Horstkotte an dieses Theater, vor allem aber dem Einstand von Felix Bender als Generalmusikdirektor galt. Bisher war er als 1. Kapellmeister verpflichtet, nun tritt er – vorerst kommissarisch – die Nachfolge von Frank Beermann an und erwies sich, dies gleich vorweg, als überaus prädestiniert für Amt und Oper.

Von Vorteil für ihn dürfte es dabei sein, dass die Robert-Schumann-Philharmonie musikalisch derzeit bestens aufgestellt ist. Sie glänzt mit ausgewogener Stimmkraft, verfügt über einen sauber agierenden Streicherton und spritzig-satte Bläserensembles. Felix Bender geht mit einer sehr jugendlichen Ausstrahlung ans Werk, agiert frisch, dennoch umsichtig, koordiniert gut, hält die Balance zwischen Bühne und Graben, ist geschickt im dynamischen Ausdruck, den er spannend gestaltet. Premierenpatzer bekam er rasch in den Griff und fügte nach kleineren Wacklern wieder zusammen, was zusammen gehört.

Der glückliche Umstand einer durchweg achtbaren Sängerbesetzung ist dabei ganz auf seiner Seite, und auch die von Stefan Bilz präparierten Chöre (Opern- und Extrachor sowie Kinder- und Jugendchor) fügen sich in diese klangvolle Brillanz.

Die Titelpartie ist mit der Koreanerin Jee Hye Han sehr authentisch besetzt. Sie gibt eine ebenso stimmgewaltige wie schier uneinnehmbare Prinzessin, die ja bekanntlich all ihre Verehrer umbringen lässt, wenn sie die drei berühmten Rätsel nicht lösen.

Einzig Calaf, der fremde Prinz, ist so von ihr angetan, dass er die Fragen richtig beantwortet und die ihn liebende Liù ignoriert. Rein moralisch ist das natürlich schon in der Vorlage mächtig verwerflich. Aus offenherziger Liebe unterstützt diese gütige Sklavin den blinden Vater Calafs, den einstigen Tartarenkönig Timur. Der wird von Magnus Piontek grundanständig als altersschwacher Verlierer gesungen. Maraike Schröder aber als Liù ist überwältigend. Sie spielt voll ergreifender Demut und singt geradezu göttlich.

Jeffrey Hartman als von Turandot besessener Calaf hatte zur Premiere an exponierten Stellen mitunter ein wenig zu ringen, gab insgesamt aber einen starken, strahlkräftigen Tenor. Turandots Vater, dem Kaiser von China, wurde es von der Regie her schon schwer gemacht, Edward Randall musste diesen Part mit dem Rücken zum Publikum singen und obendrein gülden verpackt über dem ganzen Geschehen geradezu schweben. Eine Metapher über das Unten und Oben, über die Hierarchie im alten China.

Davon sollten wohl auch die Chorbewegungen zeugen: Zunächst noch wirkliche Personenführung, dann aber eine nur mehr willfährige, ängstliche Masse. Freilich wirkten derartige Volksszenen aus meiner Sicht etwas verunglimpfend, so dämlich, wie einige Figuren als plumper Teletubbies-Abklatsch dargestellt waren. Ein entindividualisiertes Volk wie zur Staffage.

Insgesamt aber wirkten Inszenierung und Ausstattung von Hinrich Horstkotte grundsolide. Er hat die Geschichte geradlinig erzählt und ein paar schöne Metaphern gefunden: Turandot kommt aus einer Art „magischem Auge“ ins Bild. Ein Eiskanal wie aus anderer Welt. Und sie selbst ist in silbrige Kühle gekleidet. Was freilich nicht ganz konsequent gedacht ist, denn welcher Mann würde sich dieser Frostgestalt annähern wollen?

Wesentlich witziger sind die Figuren Ping, Pang und Pong gelungen. Auch sie sind als Kanzler, Marschall und Küchenmeister nicht angstfrei, köcheln aber in den Tiefen des Palastes ihr eigenes Süppchen – einschließlich alberner bis peinlicher Regieeinfälle. Da gelangen Körperteile aus Gummi in den Kochtopf, um an die vielen hingemeuchelten Turandot-Verehrer zu erinnern, da krabbeln aber auch nackte Frauen über den Tresen, um Calaf zu betören. Beides sind Einfälle, die wohl entbehrlich gewesen wären.

Interessanter sind bühnenbildnerische Details wie eine Rätsel-Treppe, deren Stufen mit jeder gelösten Frage wegbrechen. Der Hintergrund ist beklemmend. Ebenso wie das Ende dieser unvollendeten Oper.

  • Termine: 30. September, 8. und 27. Oktober sowie 6., 13. und 30. November 2016

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