Unübersehbar #24 – nmz-Streaming-Empfehlungen vom 23.10. bis zum 29.10.2020


(nmz) -
Während sich in Augsburg eine neue Bürgerinitiative formiert, die die Sanierung des Staatstheaters in der geplanten Form in Frage stellt (siehe diesen SZ-Artikel), hat sich dort die Selbsthilfegruppe „Die anonymen Opernsänger“ formiert. Außerdem in Folge 24 unserer Streaming-Hinweise: Festivals auf durch-lässigen Abwegen, ein detektivisches Kinderkonzert und ein medial vorbildlich aufbereitetes neues Chorwerk. Sind wir nicht alle reif für die Inseln?


24. Oktober


Impuls Festival: Orbiting – Enter the Void
Live-Videostream, 24. Oktober, 19:00 Uhr auf der Facebook-Seite des Festivals

„Enter the Void“ lautet das Motto des diesjährigen IMPULS-Festivals, das in diversen Projekten angestammte Orte der Neuen Musik hinter sich lässt und sogar dem Land der Frühaufsteher gelegentlich den Rücken kehrt, damit aus pandemischer Leere kein Vakuum wird. In der Reihe „IMPULS im Club!“ gastiert das Münchener Verworner-Krause-Kammerorchester (VKKO) an mehreren Terminen in leidgeplagten Techno-Locations, um popkulturelle Ästhetik mit zeitgenössischer Komposition zu verschmelzen. Es hat sich dazu der Stimmkünste von Salome Kammer versichert. Nachdem bereits am 22. Oktober der Münchener Blitz Club seine Pforten dem Crossover öffnete, ist die livegestreamte „Konzertarchitektur“ am 24. im Berliner Prince Charles (Prinzenstraße 85f) zu bewundern und verspricht einige Uraufführungen. Das im Raum verteile Orchester wird dann technoide Grooves, massives Ambient und ziselierte Frickelei mit Kammers chamäleonhafter Vokalakrobatik verbinden: in Novitäten von Christopher Verworner, Class Krause, Vasiliki Krimitza und Gene Pritsker. Für erweiterte Raumerfahrung sorgt die Klanginstallation „Orbit“ von Clemens K. Thomas, die auf der morbiden Poesie verstaubter Gerätschaften längst vergangener Science-Fiction basieren wird. Das After-Show DJ-Set bestreitet Juliana Huxtable.  
[Dirk Wieschollek]


24. und 25. Oktober


blurred edges – Festival für aktuelle Musik Hamburg
Liveübertragungen und im Archiv auf der Facebook-Seite des Festivals

Der Verband für aktuelle Musik Hamburg zieht seit 2006 dieses Festival auf. Auch in diesem Jahr stehen an 20 Orten über 15 Tage 33 Veranstaltungen auf dem Programm. Ein bisschen anders läuft es unter den aktuellen Bedingungen aber schon. Viele Veranstaltungen sind kostenlos zu besuchen oder es wird um eine Spende gebeten, um die Grenzen durchlässiger zu machen. Zunächst waren dabei nur wenige „Streams“ ins Netz dabei. „Um noch mehr Menschen am Festival ‚blurred edges‘ teilhaben lassen zu können, haben die Organisator*innen in Kooperation mit dem Künstlerhaus FAKTOR spontan entschieden, ausgewählte Veranstaltungen im Livestream zu übertragen. Durch den Livestream können mehr Menschen aktuelle Musik ausprobieren, kennenlernen und direkt von Zuhause genießen. So verschwimmen noch mehr Grenzen, denn das Wohnzimmer wird zum Veranstaltungsort – und ‚blurred edges‘ kann über die Stadtgrenzen hinaus erlebt werden. Gestreamt wird auf der Facebook-Seite von blurred edges. Die Streams bleiben auf Facebook verfügbar und können auch nachträglich noch angesehen werden“ schreiben die Macher*innen in einer Infomail. Wer ein bisschen den Charakter des Festivals erspüren möchte, kann das über die bisherigen Aufzeichnungen machen. Live zur Sache geht es dann an folgenden Terminen:
• 24.10., 20.00 Uhr: Frequenzgänge #91 – Kurzwellen: Improvisationen: Isabelle Duthoit (voice, clarinet), Heather Frasch (electronics, flute), Birgit Ulher (trumpet, radio, speaker, objects), Dieb13 (turntables), Guilherme Rodrigues (cello), Joker Nies (electronics) Gunnar Lettow (prep. el. bass, electronics, objects) und
• 25.10., 18.00 Uhr: Kollision von Welten subtiler Schönheit: Andreas Schickentanz (Posaune, Elektronik), Björn Lücker (Schlagzeug, Perkussion)
[Martin Hufner]


Bis auf weiteres verfügbar


Staatstheater Augsburg „Die anonymen Opernsänger“ – ein Ausblick auf die kommenden Musiktheater-Premieren
Video on demand auf der Webseite des Staatstheaters Augsburg

Der Digital-Pionier unter den deutschen Subventionstheatern erweitert sein „Repertoire der digitalen Theaterwelten“ ständig. Das gefällt nicht allen. Aber dieser 25-Minuten-Trailer hat es in sich. Denn darin erlebt man, was in manchen Inszenierungen viel zu blumig und parfümiert zur Darstellung gelangt: Proben im Ur-Stadium des professionellen Herantastens vor mehr oder weniger gut markierter Dekoration mit Therapielabor. Dabei sind in dieser Promo-Aktion für gleich fünf Premieren mit Rahmenhandlung die frisch gekürte Kunstförderpreis-Empfängerin Jihyun Cecilia Lee, die wunderbare Sally du Randt als Elektra mit blutbeflecktem Laken, ein fröhlich widerspenstiger Alejandro Marco-Buhrmester und alle anderen Mitglieder des Musiktheater-Ensembles. In diesem Trailer mit Überlänge gibt es neben Infos Schnurren und Schrullen sogar schräge Töne – also wie im echten Theater, wo die Übergänge zwischen poetischem und physischem Leben bekanntermaßen fließend sind. Das neue digitale Augsburger Promo-Format begrenzt sich nicht auf die Effizienzen von Image- oder Produktwerbung und zeigt das Leben der anderen hinter den Kulissen um einiges authentischer als „Der nackte Wahnsinn“ oder „Viva la mamma“. Nicht Theater auf dem Theater, sondern Werbung auf dem Theater.
[Roland H. Dippel]

MDR-Rundfunkchor: Michael Langemann – „Inseln – Gesang von ferner Nähe“
Videostream on demand via YouTube und virtuelle Einführung auf der MDR Homepage

Michael Langemanns gut zehnminütiges Chorwerk „Inseln – Gesang von ferner Nähe“ ist als Auftragswerk des MDR-Rundfunkchors explizit für die Proben- und Aufführungsbedingungen in Pandemiezeiten entstanden. Über die musikalische Substanz des aus sphärischen Summ-Abschnitten, Hölderlin- und Boccaccio-Textfragmenten sowie einem Nachklang zum Chorfinale aus Beethovens Neunter gekonnt und klangvoll-raffiniert gebauten Stücks kann man diskutieren. Ein Wurf ist aber zweifellos die Präsentation: Der Mitschnitt selbst aus der Leipziger Peterskirche ist schon hervorragend gefilmt, die Konzentration und das Aufeinander-Hören der Sänger*innen packend nachvollziehbar. Der endgültige Clou ist dann aber die multimediale Aufbereitung, die auf einer geschmeidig programmierten, intuitiv nutzbaren Webseite die abschnittsweise Einführung durch Chefdirigent Philipp Ahmann mit der Möglichkeit verbindet, sich zunächst die Aufnahmen der  einzelnen Stimmgruppen und dann das Gesamtergebnis anzusehen und anzuhören. Besser kann man so etwas kaum machen – ein digitales Vermittlungsformat mit Zukunftspotenzial!
[Juan Martin Koch]

NDR Radiophilharmonie: Orchester-Detektive – Das verlorene Menuett
Video on demand auf der NDR-Homepage

Malte Arkona ist derzeit einer der beliebtesten Erzähler*innen in Kinderkonzerten. In der aktuellen Folge „Orchester-Detektive“ der NDR Radiophilharmonie beweist er wieder einmal, warum. Regelmäßig mimt er in Hannover einen Chef-Detektiven und nimmt Ermittlungen in die Musikgeschichte auf. In dieser Folge geht es quasi nach Prag, genauer gesagt zu Mozarts Prager Sinfonie. Während des knapp einstündigen Konzertes wird die Sinfonie ganz genau unter die Lupe genommen. Das Orchester wird daraufhin geprüft, welche Instrumente da sind und ob welche fehlen, anhand der Noten wird untersucht, warum pizz. nicht für Pizza steht und es wird festgestellt, dass man zur 38. Sinfonie Mozarts durchaus ein wenig tanzen kann, obwohl sie nur drei Sätze hat. Dem Publikum wird kindgerecht und zugleich auf Augenhöhe begegnet und deshalb ist das Konzert nicht nur für Kinder zu empfehlen.
[Juana Zimmermann]

Mit freundlicher Unterstützung der

ernst von siemens musikstiftung

 

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