Unübersehbar #31 – nmz-Streaming-Empfehlungen vom 11.12. bis zum 17.12.2020


(nmz) -
Zwei Mal Bieito plus drei Mal Oper plus drei Mal neue Musik ist gleich einundreißig Mal „unübersehbar“ – wenn wir uns da mal nicht verrechnet haben… Purcell, Telemann, Mozart, Wagner und Cage helfen beim Zählen, ansonsten hilft nur schauen und lauschen, bis einem hören und sehen vergeht. Wann, bitt’schön, geht der nächste Schwan? [jmk]


10. bis 12. Dezember


KNM Contemporariers: Music in the Making 2020
Donnerstag, 10., Freitag, 11. und Samstag, 12.12.2020, jweils ab 19:00 Uhr
Live-Videostreams über die Ensemblewebseite, via Vimeo oder Facebook

KNM“ steht für „Kammerensemble Neue Musik“ – Was geht ab? „Zu den KNM CONTEMPORARIES – Music in the Making 2020 treffen musikalische ‚Influencer‘ auf die jüngste internationale Komponist*innengeneration. ‚Allein‘ – das Thema der zweiten Edition setzt künstlerische Selbstbehauptung, Selbstbezogenheit und gesellschaftlichen Individualismus in Beziehung zum Genre des Solowerks und fragt nach dessen Zukunft. Drei Tage lang bieten die KNM CONTEMPORARIES im Neuköllner KM28 eine Bühne für interkulturelles Komponieren, Hören und Diskutieren. Die diesjährige Ausgabe wird durch ein digitales Magazin begleitet, das mit Videos, medienkünstlerischen Formaten und Texten über die Komponist*innen und Werke informiert und zur Interaktion einlädt.“ Man wird sehen und hören und lesen – lassen Sie sich influenzen.
[Martin Hufner]


Ab 11. Dezember


Staatsoper Stuttgart: Henry Purcell – „The Fairy Queen“
Freitag, 11.12. bis Sonntag, 27.12.2020
Video on demand über die Theaterwebseite

1692 adaptierte Henry Purcell Shakespeares „Sommernachtstraum“ zu einer Semi-Oper, auch Masque genannt (eine Mischform aus Schauspiel und Oper). Shakespeares Komödie wurde dem Zeitgeschmack des 17. Jahrhunderts angepasst und textlich gekürzt, dafür der Musik breiten Raum gewährt. Das Stück wurde in England ein Erfolg, doch mit Purcells Tod verlor es sich in der Versenkung bis es über 200 Jahre später wiederentdeckt wurde.
2016 inszenierte Calixto Bieito „The Fairy Queen“ mit sieben Schauspieler*innen, sechs Sänger*innen, dem Staatsopernchor und dem Staatsorchester Stuttgart. Bieto flocht in Stuttgart Szenen aus Shakespeares Stück wieder mit ein und näherte sich damit den Liebesverwirrungen aus dem Original. Stefan Ricklefs kommentierte für den BR die damalige Aufführung wie folgt: „Man muss sich schon einlassen auf den Mummenschanz den Calixto Bieto da auf die Bühne zaubert und der sogar den Orchestermitglieder samt dem barockafinen Dirigenten Christian Curnyn groteske Tiermasken auf die Köpfe hext. Doch der für seine durchaus drastische Bildsprache bekannte und berüchtigte Regisseur beweist in diesem spukhaft-eruptiven Bilderbogen, der nicht zuletzt mit seinen bizarren Kostümen glänzt, zugleich ein großes Gefühl für die traurige Melancholie, die in der Sehnsucht nach Liebe und in ihrer Unerfüllbarkeit steckt.“
Link zur damaligen Kritik der nmz hier.
[Juana Zimmermann]


Seit 5. Dezember und ab 12. Dezember


Brandenburger Theater: Telemann – „Pimpinone“ / Mozart – „Bastien und Bastienne“
Seit 5.12.2020 („Pimpione“) und ab 12.12.2020, 19:00 Uhr („Bastien und Bastienne“)
Videos on demand via YouTube oder Stadtfernsehen Brandenburg

Statt bei den entfallenen Telemann-Festtagen oder deren Nachspielzeit 2020 in Magdeburg gelangte Telemanns aufgrund ihrer praktikablen Besetzung relativ häufig gespielte Oper „Pimpinone“ in einer Eigenproduktion des Brandenburger Theaters zur Premiere. Als eingeschobene ‚Corona-Produktion‘ für ein physisch anwesendes Publikum war dort auch Mozarts Singspiel „Bastien und Bastienne“ bestimmt. Gewiss kamen im Lauf dieser Spielzeit viele Theater auf die Idee, aufwändige Werke durch kleine Kammeropern zu ersetzen. Aber diese Stream-Initiative ist aus zwei Gründen besonders erwähnenswert. Zum einen werden neben dem stehenden Orchester Brandenburger Symphoniker am Brandenburger Theater Bühnenkünstler für Produktionen aller Sparten als Gäste verpflichtet. Zum anderen ist die Aufnahme durch den Fernsehsender und TV-Dienstleister SKB.Brandenburg ohne Wenn und Aber eine für viele Städte und Regionen nachahmenswerte Initiative. Beide Kammeropern wurden im Brandenburger Theater aufgezeichnet und sind seit 5. Dezember „(Pimpione“) bzw. ab 12. Dezember („Bastien und Bastienne“) abrufbar.
[Roland H. Dippel]


13. Dezember


Epilog:Abriss – 10 Jahre LUX:NM
Sonntag, 13.12.2020, 19:00 Uhr
Live-Videostream via YouTube

Das Ensemble LUX:NM ist momentan einer der zweifellos erfrischendsten und kreativsten Klangkörper im Bereich zeitgenössischer Musik. Nun feiert es sein 10-jähriges Bestehen und wir dürfen mitfeiern. Zumindest 60 Minuten am Bildschirm, wenn am 13. Dezember aus dem Ballhaus Ost übertragen wird. Dass LUX:NM von Anfang an mit „genreübergreifenden Ideen“ über den Tellerrand konventioneller Formate und Aufführungsmodi der „Neuen Musik“ hinausgeblickt hat, spiegelt sich auch im Jubiläumsprogramm wieder, das Andrej Koroliov (Konzept und Musik) zu verdanken ist, seineszeichen Komponist und Pianist im Hamburger Decoder Ensemble. „Epilog:Abriss“ nennt sich das Ganze, aber keine Angst, es handelt sich nicht um den pandemischen Schwanengesang von LUX:NM. Stattdessen dreht sich (mal wieder) alles um die Erkundung imaginärer Räume, die die Grenzen normaler Lebens- und Kunstgefüge hinter sich lassen möchten. Klar. In den Worten der Verantwortlichen:
„Epilog:Abriss soll das Publikum durchdringen, alle Sinne ansprechen, das Draußen vergessen machen, den Konzertraum zu einer neuen in sich geschlossenen Welt werden lassen. Epilog:Abriss soll mehr einen Zustand evozieren, denn einen zeitlich begrenzten Abend, die vielen dystopischen Formen der Gegenwart in eine utopische Idee von Zukunft verwandeln. Dabei werden verschiedene Revolutionen durchlaufen, in denen die Zuschauer*innen gemeinsam mit den Musiker*innen nach und nach die Kontrolle verlieren, sich mehr verabschieden müssen, um sich in eine morphende-transformierende Masse zu verwandeln und den Blick zu öffnen, für die Ungewissheit der Zukunft.“ Was sich da liest wie Antragsprosa auf Koks, wird jedoch garantiert ein spannender, profund aus den Fugen geratender Abend, alles andere ist bei dieser Konstellation kaum vorstellbar.
Es spielen und agieren Ruth Velten (Saxofon), Florian Juncker (Posaune), Silke Lange (Akkordeon), Zoé Cartier (Violoncello) unter der Regie, Choreografie und Raumgestaltung von Heinrich Horwitz, in der Klangregie von Martin Offik, im Video und Licht von Rosa Wernecke.
[Dirk Wieschollek]


Ab 13. Dezember


Staatsoper Berlin: Richard Wagner – „Lohengrin“
Sonntag, 13.12.2020, 22:20 Uhr, danach 30 Tage lang verfügbar
Video on demand auf ARTE Concert

In diesem Jahr war Calixto Bieito eigentlich an der Pariser Opéra Bastille mit einem kompletten „Ring“ im Rennen, bei dessen szenischer Realisierung aber das Virus dazwischen grätschte.  Vom großen Wagnerjahr für Bieito bleibt nun immerhin der „Lohengrin“ an der Berliner Staatsoper unter den Linden übrig, der am 13. Dezember seine mittlerweile gängige coronacompatible Geisterpremiere mit Publikum im Netz erleben wird.
Zum Gral der Wagnerwelt gibt es neben der einen prinzipiellen auch eine spezifische Verbindung. Der neue Berliner Schwanenritter Roberto Alagna sollte nämlich auch schon in der Bayreuth von Neo Rauchs Blau umflutet werden, schmiss aber kurz vorher und verschaffte so Piotr Beczała einen veritablen Erfolg. Jetzt hat der in Frankreich geborene Startenor offenbar (im Unterschied zum damals erklärten Grund für die Absage) die Partie intus. Und man darf gespannt sein, wie er seine Stimme in den Dienst von Wagners Romantik stellt. Am Pult der wagnerversierten Staatskapelle in einer reduzierten Besetzung (mit lediglich 45 Musikerinnen und Musikern wie bei der Weimarer Uraufführung) wird auch Matthias Pintscher als Dirigent sein Debüt geben.
Bei der am 13. Dezember als Fernsehübertragung bei ARTE und als Online-Premiere über die Bühne gehenden Produktion wird außerdem Vida Miknevičiūtė ihr Rollendebüt als Elsa von Brabant geben. René Pape ist der König und Adam Kutny dessen Heerrufer. Martin Gantner und Ekaterina Gubanova verkörpern die Gegenspieler Friedrich von Telramund und Ortrud.
Bieito und seine Bühnenbildnerin Rebecca Ringst ermöglichen mit ihrem coronakonformen Konzept einen auf 74 Köpfe begrenzten Chor, für den die ganze Tiefe der Hinterbühne samt Hebepodien genutzt wird. Von einem Verhandlungssaal in einem modernen Hochsicherheitsgefängnis für den ersten und dritten Akt ist zu hören. Was ja über die Oper hinaus irgendwie nachvollziehbarer ist, als man sich wünscht.
Die Produktion wird am 13. Dezember um 22:20 Uhr live zeitversetzt bei ARTE ausgestrahlt sowie bei ARTE Concert und auf www.staatsoper-berlin.de gestreamt ist dann für 30 Tage nach der Premiere in der ARTE Mediathek abrufbar.
[Joachim Lange]


Bis auf weiteres verfügbar


NODO/New Opera Days Ostrava: John Cage – Song Books I und II
Video on demand via YouTube

Theatrale Gesamtaufführungen der Songbooks von John Cage wie diese hat es selten gegeben. Die Sänger, Instrumentalisten, Performer und Elektroniker des S.E.M. Ensemble setzten in dieser 2018 im Ostrauer Dvorák-Theater aufgezeichneten Produktion die Vorschläge und Anweisungen mit einer stoischen Unaufgeregtheit um, die Cage gefallen haben dürfte. Wunderbar, wie das Ganze in einer mit Sitar begleiteten und baritonal umsungenen Schachpartie ausklingt. Netflix’ „Damengambit“ goes Avantgarde.
[Juan Martin Koch]

Mit freundlicher Unterstützung der

ernst von siemens musikstiftung

 

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