Unübersehbar #49 – nmz-Streaming-Empfehlungen vom 23.4. bis zum 29.4.2021


(nmz) -
Wie lange muss man an einer Schraube drehen, bis sie bei allen locker ist? Was macht man, wenn man zwei Engel in seinem Garten findet? Und was hat das Konzerthausorchester eigentlich auf Twitch verloren? Vielleicht hat der Herr Lehrer eine unübersehbare Antwort… [jmk]


23. April


Staatstheater Hannover: Benjamin Britten – „The Turn of the Screw“
Freitag, 23.4.2021, 19.30 Uhr
Live-Videostream (kostenpflichtig) auf der Theaterwebseite; weitere Termine 28.4. und 15.5.

„The Turn of the Screw“ bedeutet ja eigentlich „die Drehung der Schraube“. Ein etwas umständlicher Titel, der für viele Stücke gelten könnte, wenn damit die Spannung gemeint ist, die auf der Bühne und im Graben fürs Publikum geboten wird.
Das Stück ist ein Psychokrimi, den Britten auf kammermusikalisches Maß gestutzt hat. In ihr kommt eine Gouvernante zur Betreuung des Knaben Miles und des Mädchens Flora auf den einsamen englischen Landsitz Bly. Dort wird Haushälterin Mrs. Groves ihre einzige Freundin. Nach und nach spürt sie den Einfluss dunkler Mächte, die in Geistergestalt nach den Kindern zu greifen zu scheinen. Die versucht sie zu bekämpfen.
Brittens Veroperung einer Novelle von Henry James lebt davon, dass sie alles in der Schwebe und jede Menge Raum für Spekulationen (auch über möglichen Missbrauch oder verquere Triebsublimierung) über das lässt, was hinter den Rissen in der Normalität des Alltags stehen mag.
In Hannover setzen der Regisseur Immo Karaman und sein Bühnenbildner Thilo Ullrich Fabian drauf, mit klaustrophobyscher Enge dem Unheimlichen und Verdrängten nachzuspüren. Karamann kann für sich Anspruch nehmen ein Britten-Kenner zu sein, hat er doch an der Deutschen Oper am Rhein mit „Peter Grimes“, „Billy Budd“ und „Death in Venice“ bereits einen ganzen Britten-Zyklus inszeniert. 2012 zählte dazu auch schon einmal „The Turn of the Screw“. Dazu wird der neue Hannoveraner GMD Stephan Zilias mit kleiner Orchesterbesetzung große musikalische Spannung beisteuern. Die Gouvernante wird von Sarah Brady, Quinn von Sunnyboy Dladla und Miss Jessel von Baron Ismatullaeva verkörpert.
[Joachim Lange]

Decoder Ensemble: Leopold Hurt – „Dissociated Press“
Freitag, 23.4.2021, 20:30 Uhr
Live-Videostream via Elbphilharmonie, Einführungsvideo mit dem Komponisten via YouTube

Zu seinem zehnjährigen Bestehen führt das Decoder Ensemble erstmals das Werk „Dissociated Press“ seines Ensemblemitglieds Leopold Hurt in voller Länge auf. Die Ankündigung verheißt – typisch für diese Kreativbündel – Spannendes: „Eigens für Decoder komponiert, erforscht dieser multimediale Zyklus in wechselnden Besetzungen, was Kunst im digitalen Zeitalter bedeutet. Eine berauschende Performance rund um Algorithmen, unendliche Datenströme, Fake und Original.“
[Juan Martin Koch]


24. April


KlangARTVision: Ensemble Junge Musik Sachsen-Anhalt
Samstag, 24.4.2021, 17:00 Uhr
Live-Videostream auf der Festivalwebseite

Das Festival KlangART-Vision in Sachsen-Anhalt hat sich 2021 schwerpunktmäßig der jüdischen Kultur verschrieben und bringt in seinen Live-Konzerten bis zum 23. Mai auch immer mal wieder Konzerte mit zeitgenössischer Musik. Am 24. April spielt das Ensemble Junge Musik Sachsen-Anhalt, das sich aus Musikschüler*innen zwischen 14 und 25 Jahren zusammensetzt, im Gesellschaftshaus Magdeburg ein schönes Programm aus aktuellen Kompositionen und Ikonen der amerikanischen Avantgarde. John Cages „Five“ (1988) für fünf unbestimmte Spieler*innen und Terry Rileys „Tread on the Trail“ (1965) für ebenfalls offene Besetzung bekommt man nicht alle Tage zu hören! Frische Werke haben Bernhard Schneyer (UA), Ensembleleiter C. René Hirschfeld und die englische Komponistin Ruth Gramman beigesteuert. Am 30. April kommen dann die Profis vom ensemble mosaik mit reichlich sachsen-anhaltinischen Tonsetzer*innen ins Gesellschaftshaus.
[Dirk Wieschollek]


25. April


Zafraan-Ensemble: UA Berlin VI. Die 1960er: Der Herr Lehrer I
Sonntag. 25.4.2021, 17:00 Uhr
Live-Videostream via dringeblieben.de

Nicht live, aber terminiert. Das Zafraan-Ensemble bleibt hintenrum drin. In der Reihe „UA Berlin“ sind sie in den 60er-Jahren. Im Zentrum steht dabei der Komponist Boris Blacher. „Seine Schüler*innen an der Hochschule der Künste sind ebenso Legende (Huber, Yun und Crumb wurden beinahe zufällig daraus gewählt) wie seine Offenheit gegenüber allen kompositorischen Möglichkeiten, weil das ja auch einander bedingt.“ Von Blacher selbst steht das „Quartett Nr. 5 Variationen über einen divergierenden C-Moll Dreiklang“ (UA Berlin 1967) auf dem Programm. Ergänzt wird das Programm mit einer Uraufführung von Michaela Cantranis‘ „fauna X“. Die weiteren Werke: Klaus Huber (1924–2017) – Beati pauperes I (1979), Isang Yun (1917–1995) – Klaviertrio (UA Berlin 1973) und George Crumb (*1929) – Madrigals, Book IIIIV (1969). Eva Resch als Sopran tritt zum Zafraan-Ensemble hinzu.
[Martin Hufner]


Bis auf weiteres verfügbar


Performing Arts Center California:  Du Yun/Royce Vavrek – „Angel’s Bone“
Video in demand via Opera on video

„Angel's Bone“ gelangte im Rahmen des Prototype Festival New York im 3LD Art & Technology Center Novus NY am 6. Januar 2016 zur Uraufführung, erhielt den Pulitzer-Preis 2017 und wandert seither zu den wichtigen internationalen Festivals an den Schnittstellen von Neuer Musik und Medienkust. Eine konzertanten Aufführung für diejenigen, denen diese artifizielle und stellenweise mit drastischen ästhetischen Mitteln arbeitende Video-Inszenierung zu massiv werden sollte, war bis vor kurzem auf YouTube verfügbar. Machen Sie sich gefasst auf einen Mix aus ästhetischen Mitteln à la Peter Greenaway, John Carpenter und Stephen King – aber mit weitaus mehr aktueller Beunruhigung:
Ein Ehepaar in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen findet zwei misshandelte Engel, die es gesundpflegt. Danach hält es seine Gäste in spiritueller und sexueller Sklaverei, um sie für den eigenen wirtschaftlichen Vorteil auszubeuten. „Angel's Bone“ verschmilzt Kammermusik, Theater, Popmusik, gesprochenes Wort, Oper, Kabarett und Elektronik. Die Oper reflektiert die dunklen Auswirkungen und Motivationen hinter der modernen Sklaverei und Menschenhandelsindustrie. Die Bildsprache sowie die collageartig musikalische Genres benutzende Musik sind hektisch, aggressiv und schrill. Trotz oder gerade wegen der Überreiztheit der Mittel handelt es sich um einen engagierten und gewiss gewöhnungsbedürftigen Beitrag zum neuen medialen Musiktheater. Chapeau!
[Roland H. Dippel]

Das Konzerthausorchester Berlin auf Twitch
https://www.twitch.tv/videos/995503272

Ankündigungen eine Woche im voraus wie diese hier sind manchmal schon eine zu lange Zeit im Internet. Die Mitteilung, dass das Konzerthaus Berlin nun auf Twitch ist und live gehen wird, kam nur 5 Tage zuvor. Deshalb hier ein Verweis auf den vergangenen Stream und gleichzeitig auf zukünftige, deren Termine noch nicht feststehen. Die Plattform Twitch zeichnet sich durch Live-Interaktion zwischen Streamer*in und Zuschauer*innen aus. Das greift das Konzerthaus auf und hat ebenso Gamification-Elemente und Battles angekündigt. Gleich beim ersten Mal haben über 200.000 Zuschauer*innen eingeschaltet.
Bei der Premiere „Currywurst und Harfe“ unterhalten sich der Schlagzeuger Mark Voermans und die Harfenistin Ronith Mues über ihre Instrumente und Arbeit. Dazu spielen sie kleine Solostücke auf ihren Instrumenten, wie etwa Gabriel Faurés Impromptu. Das ist besonders für diejenigen aufbereitet, die sich noch nicht mit klassischer Musik auseinandergesetzt haben. Zentral ist das Gespräch mit dem Chat. Es ist nicht einfach noch eine Plattform mehr, auf der ein Konzert gestreamt wird. Das Konzerthaus hat sich die Eigenheiten und Gewohnheiten auf Twitch angeschaut und ein eigenes Konzept dafür erarbeitet.
[Juana Zimmermann]

Mit freundlicher Unterstützung der

ernst von siemens musikstiftung

 

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