Unübersehbar #50 – nmz-Streaming-Empfehlungen vom 30.4. bis zum 6.5.2021


(nmz) -
Kaum haben wir diese Rubrik begonnen, da ist auch schon ein Jahr vorbei und wir sind bei der magischen #50 gelandet. Grund genug, mit großem Dank an unsere Autor*innen ein wenig zurückzublicken auf diese Monate, in denen wir noch mehr als sonst an unseren Endgeräten hingen, nach kulturellem Mehrwert lechzend oder einfach nur nach Ablenkung und guter Unterhaltung. Aber keine Sorge: Wir bleiben – wenn auch in modifizierter Form – unübersehbar dran! [jmk]


1. Mai


Acht Brücken: Gordon Kampe – „Gespenster & Fahnen“ (UA)
Samstag, 1.5.2021, 16:00 Uhr
Live Videostream auf der Festivalwebseite

Statt Rückblick auf etwas, das gerade erst richtig in Fahrt kommt, zur Jubelausgabe an dieser Stelle lieber der gewohnte (selbstverständlich latent wehmütige) Vorausblick:
Am 1. Mai beginnt das Kölner Festival Acht Brücken („Kosmos/Comic“: 1. bis 15. Mai), das wie viele Veranstalter inzwischen sein Programm komplett per Video-Stream ins Internet bringt. Beim diesjährigen Festivaljahrgang auch inhaltlich relevant, weil der sich explizit diversen visuellen Erzählformen widmen wird.
Das Eröffnungskonzert mit dem WDR-Rundfunkchor und dem sonic.art Saxophonquartett gibt den programmatischen Appetizer: Unter dem Motto „Spiel-  und Ernst=Zeug“ ertönt (sprach)verspielte Multistilistik von David Lang („The Little Match Girl Passion“) und Lera Auerbach („Galgenlieder“) sowie die UA der Auftragskomposition „Gespenster & Fahnen“ von Gordon Kampe für achtstimmigen Chor und Zuspielungen mit Wortbeiträgen von Macchiavelli, Lequinio, Goethe und Tucholsky. Der Komponist erklärt das mit hehren Absichten: „Die Texte (…) geben Tipps für gelingenden Populismus, der Zauberlehrling bekommt den rechtsdrehenden Besen nicht mehr los und dann gibt es noch Zaubersprüche aus Merseburg: Ob man die AfD aus dem Bundestag wegzaubern kann? Vielleicht nicht, aber ich versuche es trotzdem.“ Werden die Bässe womöglich mit Hundekrawatten singen? Tschüss!
[Dirk Wieschollek]


Finale?


Das Recherchieren, Finden und Entscheiden wurde in den letzten 52 Wochen eine abenteuerliche Dauerbeschäftigung. Meine Kriterien hatte ich für die verschiedenen Phasen des Lockdowns und der damit einhergehenden Beeinträchtigungen für den Kulturbetrieb variabel priorisiert. Zu Beginn war mir vor allem wichtig, neben den Stücken und Ensembles das Potenzial sowie verschiedene Methoden und ästhetische Prämissen zur Wiedergabe von Musik (insbesondere Musiktheater) in digitalen Stream-Konzepten vorzustellen. Im Sommer 2020 ging es darum, beim Ausfall von physischen Festspielen auf deren digitale Präsenz unter massiv erschwerten Bedingungen hinzuweisen. Ab Herbst verlagerte ich die Prioritäten auf Neue Musik, spartenübergreifende Produktionen und Randnischen. Weniger bekannten Werken und Einrichtungen widmete ich generell höhere Aufmerksamkeit. Es gab allerdings immer so viel lohnend scheinendes Neues, dass ich viel zu selten findige Veranstalter, welche nicht über große Mittel für die digitale Flächen-Promotion verfügen, ankündigen konnte. Im Rückblick bedauere ich, keinen einzigen Tipp für Ereignisse aus den Sparten Tanz und Folklore/Ethnische Musik geliefert zu haben. Auch der Fokus auf Projekte in Europa und der Welt kam trotz guten Willens viel zu kurz. Das lag auch an dem Schnappen nach den vielen digitalen Premieren-Würstchen, was bei der längeren Verfügbarkeit im Netz eigentlich nicht so wichtig gewesen wäre.   
Eine erstaunliche Online-Lücke ist nach über einem Jahr Pandemie noch immer das Fehlen einer Streamtermin-Website mit dem Anspruch auf vollständige Listung des aktuellen klassischen Musikangebots und affiner Nachbarsparten (etwa wie ein ‚digitales Fernsehmagazin‘). Damit spiegelt die aktuelle Streaming-Welt jetzt das strukturelle Hierarchiegefälle des Musikbetriebs ante coronam: Wer analog bzw. physisch nicht ganz einfach zu entdecken ist, hat es im digitalen Kosmos nur minimal einfacher. Toll war, dass es ganz selten Präferenz-Dopplungen mit den Kolleg*innen gab. Ich plädiere für die Fortführung des Formats nach Analyse durch unsere beiden weitsichtigen und motivierenden Webmaster. Persönlich fand ich „unübersehbar“ bereichernd, unterhaltsam und inspirierend. Trotzdem: Musik, Theater und Tanz als physische Ereignisse sind durch nichts zu ersetzen, nicht einmal durch die auf- und erregendsten Stream-Tipps.
[Roland H. Dippel]


Halb!


Ein Jahr Streaming in der Pandemie. Das startete mit dem Mut der Verzweiflung, reichte von Hauskonzerten bis zu Musiktheaterproduktionen. Schönes virenfreies Homeoffice. Langsam, aber kontinuierlich, vor allem ab Herbst: Das Genre wird zum neuen Kreativbecken von Musikübertragungen in die globale Welt, die am Display hängt. Aber eben nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit – es ist ja auch nicht so einfach, zuhause etwa Urlaub zu machen.
Ökonomische Kompensationen? Eher Fehlanzeige. Im Klassik-Sektor speziell, aber auch im Pop- und Jazzbereich hat die Mischung aus Eintritt, Spende und Kostenlosangebot sich selbst gegenseitig ein Bein gestellt. Ich habe genügend Streams gesehen, deren Einnahmen vielleicht gerade noch die Technikkosten eingespielt haben. Lern- und Erfahrungsprozesse kommen nur langsam in Schwung – vor allem wenn man deren Ende einerseits herbeisehnt und andererseits nicht erahnen kann. So wird die Investition in die Bewältigung der Gegenwart nicht unbedingt zu einer für die Zukunft.
Am beeindruckendsten fand ich während der ganzen Zeit die Miniaturen, die Eva Meitner mit ihren Toy Pianos einspielte. 406 Titel insgesamt stehen in der Playlist – durch alle Genres und Zeiten hindurch, seit dem 21. März 2020!
[Martin Hufner]


Flagge zeigen im Netz


50 Folgen „unübersehbar“ – das ist fast ein Jahr des erzwungenen Wechsels aus dem Zuschauerraum vor den Bildschirm. In jedem Falle also immer auf die bestenfalls zweitbeste Möglichkeit, Musiktheater zu konsumieren.
Beim Griff der Opernhäuser in ihre Archive waren das zum Teil Wiederbegegnungen. Die großen Häuser, die immer schon mal ihre Inszenierungen archivierten, waren da deutlich im Vorteil. Standardrepertoire abrufbar – die Staatsoper in Wien konnte damit lange punkten. Aber ein neuer „Parsifal“ und dann auch noch als politische Rückenstärkung von Kirill Serebrennikov von Moskau aus, mit Fußfessel am Bein inszeniert – das ist dann doch noch mal eine andere Nummer. Da war es ein Privileg, vorm Bildschirm zu sitzen, über den inszenatorischen Zugang nachzudenken oder das Kundry-Debüt von Elina Garanca zu bewundern. Dass das Theater an der Wien zuletzt nicht nur mit dem Einsatz von Altmeister Peter Konwitschny im Wien-internen Wettbewerb punkten konnte, das verstand sich von selbst. Lyon und sein rühriger Noch-Intendant Serge Dorny haben etwas gebraucht, um online mitzumischen, dann aber gleich ein kleines Festival geboten. In Belgien zeigten das LaMonnaie in Brüssel und die Flämische Oper Antwerpen/Gent im Netz Flagge und nahmen auch da den vorderen Platz ein, den sie in vor- und hoffentlich bald postpandemischen Zeiten in der Realität haben.
Schade, dass es aus unerfindlichen (ominösen „rechtlichen“) Gründen nicht möglich war, am Bildschirm auch in der Pariser Oper (noch dazu, da Tobias Kratzer dort inszenierte) vorbeizuschauen. Die Pandemie und der Umgang damit hat eben auch in der Musikwelt einige Defizite ans Licht geholt, die sonst nicht ins Gewicht fallen, weil man einfach anreisen kann.
Bei den Bayreuther Festspielen sah es für einen Moment so ähnlich aus, aber dann haben sie doch noch mit einem umfangreichen digitalen „Ersatzprogramm“ überzeugend die Kurve gekriegt und sogar den bis dahin nicht auf dem Bildschirm (nach-) zu sehenden Castorf-Ring im Vergleich zum legendären Chereau-Jahrhundertring gezeigt. Und auch das neue Barockfestival im Markgräflichen Opernhaus, das im September in der Pause zwischen den Lockdowns vor Publikum stattfand, schaffte es ins Netz. Das gerade zum Staatstheater geadelte Augsburg steuerte sogar mit seinen ausleihbaren 3D-Brillen und entsprechenden Produktionen eine technische Innovation bei, die sicher bleiben wird und ohne die Sonderbedingungen dieses Jahres (wahrscheinlich) nicht zu Stande gekommen wäre.
Na ja und wenn wir schon mal in Bayern sind, da hat die Pandemie dem scheidenden Intendanten Nikolaus Bachler zwar den Glanz einer besonderen Abschlussspielzeit vermasselt, das Haus hat aber auch digital seinen Status als – alles in allem – führendes Opernhaus der Republik ambitioniert beansprucht. Nicht nur mit der großen Premiere von Braunfels’ „Die Vögel“, die am letzten Tag vor dem anhaltenden Lockdown von Castorf auf die Bühne gebracht wurde und bei der wenigstens noch eine Handvoll Journalisten und den 20 Zuschauern im Saal war. Auch mit seinen regelmäßigen „kleineren“ Angeboten oder dem neuen „Rosenkavalier“ von Barry Kosky.  Wobei da – bei aller Souveränität dieses Regisseurs – ein Manko deutlich wurde, dass auch viele seiner Kollegen nicht umgehen konnten. Im Opernhaus stört der Blick auf eine eher dunkle Bühne nicht – vom Zuschauerraum aus kann das bestens funktionieren – daheim am Bildschirm eher weniger. Da haben es Regisseure wie Christof Loy (siehe „Francesca da Rimini“ an der Deutschen Oper Berlin oder seine gelungene eigens kreierte Tschaikowsky-Petitesse in Frankfurt) die auf die Präzision einen gut ausgeleuchteten Kammerspiels setzten, deutlich besser.
Es war und ist viel los in Sachen Streaming. Aber bei der wöchentlichen Suche nach interessanten Tipps gab es neben den sicheren Angeboten auch Enttäuschungen. Dresden oder Leipzig waren da – vorsichtig ausgedrückt – eher zaghaft, kleinere Häuser oft mit mehr Ehrgeiz bei der Sache.
Für die 49 Folgen der Reihe „unübersehbar" fand sich immer etwas, was man mit bestem Gewissen empfehlen konnte. Aber es bleibt: Ersatz-Oper, der die entscheidenden Dimensionen der gemeinschaftlichen Rezeption und der vollen Konzentration auf die Bühne am besonderen Ort samt der Akustik der Opernhäuser fehlen. Es wird Zeit, dass sich das wieder ändert und intelligente Reglementierungen die Oberhand über pauschales Dichtmachen gewinnen.
Eins noch: 50 Folgen „unübersehbar“ waren auch ein Akt von demonstrativer Anteilnahme einer Redaktion und eines Verlages für die professionellen, freiberuflichen Beobachter der Szene, die andernorts einiges über rabiaten Egoismus der über (Wort-)Ressourcen herrschenden Herren und Damen in den Medien lernen konnten. Selbstverständlich war das nicht.
[Joachim Lange]


Gleichberechtigte Form der Kunstrezeption


Die Impfungen laufen, die Älteren sind schon zweifach geimpft. Die Politik diskutiert wann die Grundrechtsbeschränkungen aufgehoben werden können. Die Rückkehr des Kulturbetriebs rückt in greifbare Nähe. Doch die Streamingtechniken sind nun angeschafft, der Fernsehsessel vors Bücherregal geschoben und der Umgang mit Kamera und Mute-Taste gelernt. Was wird davon bleiben? Was sollte davon vielleicht auch bleiben? In einem Jahr Streamingtipps schreiben habe ich Häuser, Orchester und Ensembles gesehen und gehört, die ich sonst aufgrund der Distanzen und Reisekosten nicht aufgesucht hätte. Ein Streaming ersetzt kein Konzert. Aber auch eine Platte ersetzt kein Konzert. Trotzdem sind es legitime Zugänge zu Kunst und Kultur. Insbesondere haben sie Alleinstellungsmerkmale, die das Konzert nicht bietet. Ich kann alleine mit bestem Blick auf die Bühne Musik sehen und hören. Ich kann dabei weinen, laut lachen, zwischendurch googlen, auf Pause drücken und Szenen wiederholen. Keine Sitznachbarin stört sich daran. Und mich stört auch kein Sitznachbar. Ich hoffe sehr, dass Streaming als eine gleichberechtigte Form der Kunstrezeption nach dem Lockdown beibehalten wird.
Und zum Schluss noch eine Best-of-Empfehlung für „Nächste Ausfahrt Lunar Plexus“, die auf der Webseite der Elbphilharmonie weiterhin online ist.
[Juana Zimmermann]


Inseln im Stream-Strom


So erfreulich die Netzpräsenz vieler Theater, Konzerthäuser, Festivals, Jazzclubs sowie von Veranstalter*innen und Künstler*innen aller Art in diesem allzu langen Jahr war – vieles ging – oft aus nachvollziehbaren Gründen – nicht über mehr oder weniger gut abgefilmte Aufführungen hinaus. Bemerkenswert wurde es am ehesten dann, wenn die Unsicherheit und das Ringen mit der neuen Form ehrlich thematisiert wurde, wie etwa beim Nürnberger Musikfest ION, deren Mitschnitte von 2020 nach wie vor verfügbar sind. Oder wenn die Möglichkeiten der Webprogrammierung für wirklich neuartige Werkpräsentationen genutzt wurden, wie im Fall des vom MDR Rundfunkchor eigens in Auftrag gegebenen Stücks „Inseln“ von Michael Langemann (virtuelle Einführung auf der MDR-Seite, Video pur via YouTube). Beides – die kritische Selbstreflexion und der kreative Umgang mit dem Internet als Vermittlungsmedium – kann dem hoffentlich bald postpandemischen Musikbetrieb nur gut tun.
[Juan Martin Koch]

Mit freundlicher Unterstützung der

ernst von siemens musikstiftung

 

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