Unübersehbar #4 – nmz-Streaming-Empfehlungen vom 22.5. bis zum 28.5.2020


(nmz) -
Mit unsere Autoren-Tipps in der Ausgabe Nummer 4 empfehlen wir Ihnen Online-Angebote aus dem Brüsseler Opernhaus „La Monnaie“, von den Wittener Tage für neue Kammermusik 2020, György Kurtágs „Fin de Partie“, Domenico Cimarosas „Il matrimonio segreto“ aus Turin und Musik und Kunst mit dem ensemble recherche.


Bis 30.06.2020


Mitschnitte aus dem Brüsseler Opernhaus „La Monnaie“

Video-Stream

Das Theâtre „La Monnaie“ Brüssel ist ein Stagione-Haus – nach der Premiere einer Oper gibt es eine Vorstellungsserie und dann verschwindet das Stück, um für das nächste Platz zu machen. Für sein bequem zu nutzendes Online-Angebot hat das Haus den Schalter in Richtung eines digitalen Repertoirebetriebes umgelegt und bietet bis zum 30. Juni ein halbes Dutzend jüngerer Produktionen im Netz gleichzeitig und zur freien Auswahl an. Dazu gehört gegenwärtig neben „Lohengrin“ und „L’elisir d’amore“ oder „Béatrice et Bénédict“ mit der „Zauberflöte“ auch eine in ihrer ästhetischen Radikalität ungewöhnliche Inszenierung von Romeo Castellucci (siehe nmz Online vom 20.09.2018) Das Video der Produktion erlaubt den Einblick in einen Mozartklassiker, für den der Italiener im ersten und zweiten Teil zwei Zugänge gegeneinanderstellt, die wie zwei verschiedene Inszenierungen wirken. Ein hochinteressanter Einblick in ein Experiment, das Grenzen auslotet. [Joachim Lange]


Bis April 2021


Wittener Tage für neue Kammermusik 2020

Audio- und Video-Streams

Die Wittener Tage für neue Kammermusik fanden in diesem Jahr gezwungenermaßen als reines Radio- und Streaming-Event statt (eine ausführliche Besprechung wird in der Juni-Ausgabe der nmz erscheinen). Dennoch gelang es, einen Großteil des geplanten Programms zu realisieren. Nachträglich lässt sich das Gerettete auch visuell erleben: Stücke, die eine theatralische bzw. dezidiert visuelle Komponente besitzen, wurden dankenswerterweise gefilmt und stehen bis April nächsten Jahres als Video-Stream zur Verfügung. So lässt sich in Carola Bauckholts „Witten Vakuum“ bewundern, was passiert, wenn zwei Sängerinnen einen „Miele silent“ an der Backe haben oder die Neuen Vocalsolisten in Gordon Kampes „I forgot to rember to forget“ zu Noise-DJs mit Schlager-Affinität werden. Absolut archivierungswert auch das über alle Kontinente verstreute Ensemble Nikel mit einer betörend konzentrierten Lockdown-Realisierung von Hugues Dufourts „L’Atelier rouge d’après Matisse“. Weitere Videos gibt es zu Kompositionen von Lucia Ronchetti und Benjamin Scheuer, andere Werke sind als Audio-Mitschnitte nachzuhören. [Dirk Wieschollek]


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1:1 Concerts – Die Kunst im Blick behalten

Eine Gastgeberin, ein Gast, ein Musiker, sicherer Abstand, ohne Worte, zehn Minuten Konzert – und alle gespendeten Einnahmen kommen der #MusikerNothilfe zugute. Wie ist das, ein Privatkonzert unter diesen Bedingungen zu erleben? Felix Borel vom SWR Symphonieorchester, Imke Valentien und Norman Schock haben sich in ihrer jeweiligen Rolle auf das Abenteuer Livekonzert in Coronazeiten eingelassen. Ein Beitrag von nmzMedia im Auftrag des SWR. Zu sehen unter: https://www.swr.de/swrclassic/symph…

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Bis auf weiteres verfügbar


György Kurtág: „Fin de Partie“

Video-Stream

Im November 2018 uraufgeführt – Kurtágs Oper „Fin de Partie“ nach dem gleichnamigen Drama Samuel Becketts. Michael Ernst hat es in der nmz seinerzeit besprochen. Nur wenigen dürfte es vergönnt gewesen sein, das Stück in Mailand an der Scala zu sehen bekommen zu haben. Hier nun verfügbar über die Website der RAI, des italienischen Fernsehens. Michael Ernst schrieb damals: „Endzeitstimmung macht sich breit, hier wird sie hörbar, geht unter die Haut.“ [Martin Hufner]

Domenico Cimarosas „Il matrimonio segreto“ aus Turin

Teatro Regio Torino: Stagione Opera & Balletto 2019/2020 (Orchesterhauptprobe vor der Premiere am 15. Januar 2020)
Video-Stream Akt 1
Video-Stream Akt 2

Trotz Streiks, finanzieller Engpässe und Zoff hinter italienischen Opernkulissen reißt das Teatro Regio Torino, wozu vielen Musiktheatern im deutschsprachigen Raum die rechtliche Handhabe oder der Mut fehlt. Unter dem Slogan „La cultura non si chiude“ (Kultur macht keine Pause) stellte man neben Aufzeichnungen von Vorstellungen die eigentlich inoffiziellen Mitschnitte der Generalprobe von Rossinis „L’italiana in Algeri“ und der Orchesterhauptprobe von Cimarosas „Il matrimonio segreto“ (Die heimliche Ehe) online – als Trostpflaster gegen die Corona-bedingten Theaterschließungen : „Nur“ mit starrer Totale auf die Bühne, ohne Fehler-Retuschen und ohne generell überschätzte Hilfestellungen einer perfektionistischen Kameraführung. Gedacht sind solche Aufnahmen eigentlich nicht zur öffentlichen Verwertung, sondern als Arbeitsmittel bei kurzfristigen Umbesetzungen und zur internen Dokumentation.

Hier spürt man schmerzlich, wie übergewichtig visuelle Perfektion und steriles Sicherheitssingen werden, wenn Kreativität, Elan, Risikobewusstsein und Lust synthetisch optimiert werden. Die Turiner Probenmitschnitte liefern dagegen, was uns derzeit wirklich fehlt: Absturzgefährdetes und deshalb menschliches Musiktheater mit der den Werken angemessenen Besetzungsstärke. Das ersetzt keine CD, DVD oder Blu-Ray von noch so perfekt nachgebesserten Luxus-Produkten.

In einem hyper-chicen Wohnambiente mit viel neuer Kunst geht es über zwei Stunden um die schönsten Nebensachen der Welt: Liebe, Lust und Luxus. Gerade weil die stilversierten und typgerechten Solisten situationsbedingt in minimalen Clinch mit dem physischen und musikalischen Material geraten, ist diese Aufzeichnung vom Januar 2020 ein authentisches Belcanto-Sahneschnittchen: Bei Nikolaus Nägele hört man aus jedem Takt, warum sich Rossini um 1810 im Konkurrenzkampf gegen Cimarosa, aus dessen Partituren er viel lernte, enorm anstrengen musste. Pier Luigi Pizzi realisiert in seiner Inszenierung etwas, was es gar nicht geben dürfte: durch Musik regulierte Komödie zwischen Edel-Soap und Botho Strauß. [Roland H. Dippel]

„Spotted: Japan“ – Musik und Kunst mit dem ensemble recherche

Video-Stream

Das Freiburger ensemble recherche präsentiert in diesen Videos die Werke eines ursprünglich live geplanten Konzerts. Im ersten Teil (40 min.) sind dies Toshio Hosokawas „Vertical Time Study“, „alle abends durchsehen“ von Akira Ito und – als Uraufführung – „Bleibt besonnen, seid wachsam!“ von Wataru Mukai. Zu letzterem gibt Schlagwerker Christian Dierstein eine Einführung in das Instrumentarium. Während des Videos bewegen wir uns zusammen mit dem Künstlerischen Leiter Clemens Thomas als Moderator vom Freiburger Ensemblehaus in die Paul Ege Art Collection (PEAC), wo er mit deren Leiterin, Julia Galandi-Pascual, über eine Ausstellung mit Werken Thomas Kitzingers spricht. Teil 2 dieses anregenden Formats folgt am 27. Mai. [Juan Martin Koch]

Mit freundlicher Unterstützung der

ernst von siemens musikstiftung

 

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