VDS warnt vor Musik-Katastrophe in Hamburg: „Lernbereich Künste“ statt Bildende Kunst und Musik


(nmz) -
Der Verband deutscher Schulmusiker (VDS) hat vor Plänen der Hamburger Schulbehörde (BSB) gewarnt, nach denen es in der zukünftigen Primarschule die Fächer Bildende Kunst und Musik nicht mehr geben wird. An ihre Stelle soll als neues Fach ein „Lernbereich Künste“ treten, der die Inhalte von Kunst-, Musik- und Theaterunterricht in sich vereint.
26.11.2008 - Von nmz-red/Regensburg

Die Stundentafel der Primarschule sieht für das Sammelfach umgerechnet etwa drei Stunden pro Woche vor. Für das Fach Musik bedeutet das dem VDS zufolge fast die Halbierung des bisherigen Stundenvolumens. Die Realisierung dieser Pläne hätte fatale Folgen für die ästhetische Bildung, insbesondere aber für das Fach Musik.

Weiter heißt es in der Pressemitteilung des VDS:

Dies ist umso unverständlicher, als die BSB mit "JeKi ("Jedem Kind ein Instrument") gerade erst ein ehrgeiziges und in dieser Form einmaliges Musikalisierungs-Programm für Grundschüler auf den Weg gebracht hat. Der Verband deutscher Schulmusiker warnt dringend davor, in Hamburg Fehler zu begehen, die andernorts (z. B. in Baden-Württemberg) bereits zu deutlichen Verschlechterungen im Bildungsangebot für Grundschüler geführt haben.  

Zur Erläuterung:
1. Lernbereich Künste

Die Zusammenfassung verwandter Fächer zu einem Fächerverbund wird gerne damit begründet, dass auf diese Weise fachübergreifendes und fächerverbindendes Lernen gefördert werden soll. Fächerverbindender Unterricht findet aber in Hamburger Grundschulen bereits jetzt optimale Bedingungen vor.

Das Klassenlehrerprinzip erlaubt ein von Stundenplanvorgaben weitgehend unabhängiges projektartiges Arbeiten, wie es weiterführende Schulen nur unter Schwierigkeiten organisieren können. Während also der Nutzen eines Lernbereichs nicht zu erkennen ist, sind die Gefahren unübersehbar. Das Verschwinden des Fachs Musik aus der Stundentafel macht mit einem Federstrich den Musiklehrermangel an Hamburger Grundschulen unsichtbar.

Solange der Lernbereich Künste einer studierten Kunstlehrerin oder einem Lehrer mit Fortbildung für Darstellendes Spiel anvertraut werden kann, wird er nicht als "fachfremder" Unterricht geführt und ist somit für die meisten Schulleiter kein Anlass, sich um eine qualifizierte Musiklehrkraft zu bemühen. Lehrkräfte ohne entsprechende Ausbildung werden sich aber gerade im Bereich musikalischer Bildung auf das Allernotwendigste beschränken. Erfahrungen aus Baden- Württemberg zeigen, dass das Verbundfach zum Verschwinden musikalischer Bildungsangebote.

Im übrigen kann die Reduzierung von drei ästhetischen Fächern zu einem Fach auch als Ausdruck der Geringschätzung dieses Bereichs gelesen werden. Niemand käme auf die Idee, alle Fremdsprachen zu einem Lernbereich zusammenzufassen und den Englischlehrer auch Französisch und Spanisch unterrichten zu lassen, wenn er nicht auch dafür qualifiziert ist. In Kunst und Musik andere Maßstäbe anzulegen, widerspricht allen Erkenntnissen über die Bedeutung dieser Fächer für die Persönlichkeitsentwicklung. 

2. Stundentafel

Die geplante Stundentafel macht auf drastische Weise eine weitere Gefahr des Fächerverbunds deutlich: Er verschleiert (zumindest bei flüchtiger Betrachtung) das Abschmelzen von Stundenkontingenten. Wo man bei Neueinführung des Fachs Darstellendes Spiel eigentlich eine Erhöhung der Wochenstundenzahl für die Künste erwarten sollte, findet man das Gegenteil. 

Während derzeit für die 1. - 6. Klasse noch 22 Wochenstunden für zwei ästhetische Fächer vorgesehen sind, sollen es in Zukunft nur noch 19 Wochenstunden für drei Fächer sein. Von 11 Musikstunden bleiben damit rein rechnerisch nur noch 6 1/3 übrig, was fast einer Halbierung gleich kommt. 

Dass es sich um eine Kontingentstundentafel und damit um "Mindeststunden" handelt, ist ein geringer Trost. Die oben bereits erwähnte Mangelsituation wird voraussichtlich dazu führen, dass zusätzliche Stunden nicht für Musik, sondern für Bildende Kunst und Darstellendes Spiel ausgegeben werden. Allenfalls an "JeKi"-Schulen könnte man damit rechnen, dass die Musik einen "Nachschlag" erhält. Das aber würde zu einer Profilbildung führen, die mit dem Grundgedanken der bevorstehenden Schulreform völlig unvereinbar ist.

Wenn die Schullaufbahnentscheidung wirklich bis Ende des 6. Schuljahrs offen gehalten werden soll, müssen an allen Primarschulen vergleichbare Angebote gemacht werden. Bereits im Alter von 6 Jahren über den musikalischen Bildungsweg zu entscheiden, widerspricht allen Erkenntnissen der Musik- und Entwicklungspsychologie. 

Wenn die neue Primarschule ein Erfolg werden soll, dann müssen auch die ästhetischen Fächer als Gewinner dastehen. Eltern ist heutzutage sehr wohl bewusst, dass es für ein gelingendes Leben nicht nur guter Leistungen in den "Hauptfächern" Deutsch, Mathematik und Englisch bedarf. Sie erwarten von der Schule, dass sie ihren Kindern ein ganzheitliches Bildungsangebot macht, in dem auch Musik einen angemessenen Platz findet.

 

 

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