Vergnüglich-hintergründige Familienoper – Uraufführung von Anno Schreiers „Der Zauberer von Oz“ am Theater Aachen


(nmz) -
Schon einmal hat das Theater Aachen ein Auftragswerk an den Komponisten Anno Schreier vergeben. Im Spätherbst 2013 kam „Prinzessin im Eis“ heraus, eine hintersinnige „multinationale Polarkomödie in Musik“ auf ein Textbuch von Constantin von Castenstein. Sechs Jahre später ist nun am selben Ort „Der Zauberer von Oz“ zu erleben, „eine Oper für die ganze Familie“ nach einem Libretto von Alexander Jansen. Deren Konzept funktioniert offensichtlich: Bei der 3. Vorstellung ist das Theater vollbesetzt mit Zuschauern aller Altersgruppen, und selbst die Jüngeren, die vor Beginn noch auf ihren Plätzen herumzappeln und in der Pause durchs Foyer fegen, folgen der Vorstellung wie gebannt.
29.12.2019 - Von Andreas Hauff

Knapp 120 Jahre nach seinem Erscheinen ist „Der Zauberer von Oz“ des US-amerikanischen Schriftstellers Lyman Frank Baum nicht nur ein Klassiker der Kinderbuch-Literatur, sondern auch eine Art moderner Mythos, der in Musik, Film und Bühne weitererzählt und abgewandelt wird wie einst die Heldengeschichte der Antike und des Mittelalters. In diesem Fall ist Dorothy Gale die Heldin, ein ganz normales junges Mädchen aus Kansas, das es bei einem Wirbelsturm nicht mehr schafft, den rettenden Keller aufzusuchen und mitsamt dem Farmhaus in das sagenhafte Land der Munchkins verweht wird. Von dort macht es sich auf in die Smaragdstadt zum Zauberer von Oz und gewinnt auf dem Weg dorthin drei seltsame Reisegenossen: Eine Vogelscheuche ohne Hirn, einen Mann aus Blech ohne Herz und einen Löwen ohne Traute. Das phantastische Szenario, in dem sich Dorothy bewegt, erinnert ein wenig an einen anderen Kinderbuch-Klassiker, Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, dem Schreier 2013 schon einen szenisch aufführbaren Liedzyklus gewidmet hat. Ähnlich wie Alice kehrt auch Dorothy am Ende nach Hause zurück. Doch während Alice in eine Art ständische Parallelwelt gerät, in der der korrekte Umgang miteinander das Hauptproblem darstellt, bewegt sich Dorothy mit nordamerikanischem Pragmatismus in einer Gesellschaft gleichberechtigten Wesen, die auf der Suche nach einem Glück sind, das ihnen bislang verwehrt blieb.

„Teutonen ohne Neuronen“

Schreier und Jansen haben Dorothys Abenteuer für die Bühne gestrafft und an einigen Stellen neu akzentuiert: Aus den zwei getöteten Hexen der Vorlage, wird eine einzige, die nicht stirbt und sich deswegen am Ende auch zur weisen Frau wandeln kann. Auf dem Weg gibt es nun eine Porzellanstadt, die natürlich Anlass zu musikalischen Chinoiserien gibt, und von einer Schlägertruppe der Hexe bedroht wird, die „rechts, rechts, rechts“ marschiert und sich selbst als „Teutonen ohne Neuronen“ bezeichnet. Das Bild des Zauberers verschiebt sich von einem weisen alten Mann zu einem raffinierten Erfinder, der die Angst der Bevölkerung vor den Hexen nutzt, um über technische Tricks einen gleichschaltenden Überwachungsstaat aufzubauen. Allerdings kommt ihm das Volk auf die Schliche, und Dorothys Reisegruppe gerät mitten in die Revolte; die wundersame Wandlung der Hexe entschärft jedoch die Lage, und Dorothy kann mittels der magischen Silberschuhe wieder heimkehren. Aufgewertet ist die Rolle der drei geflügelten Affen, die – entgegen dem überlieferten Klischee – alles sehen, das meiste hören und sich durchaus artikulieren und Dorothy als Schutzengel begleiten wie die drei Knaben in der „Zauberflöte“ den Prinzen Tamino.

Vordergründig und direkt wahrnehmbar liegt der Reiz des Stückes in der fantasievollen, reich bebilderten Geschichte, die von Regisseurin Ute M. Engelhardt und Ausstatterin Jeannine Cleemen mittels der Drehbühne geschickt erzählt wird und dabei immer neue und interessante Bühnenfiguren präsentiert: Opernchor, Ensemblemitglieder und Statisten fungieren als skurrile Munchkins, fragile Porzellanfiguren, unterdrückte Smaragdstädter und als muntere Mäuseschar, die die vier Reisenden aus dem Tiefschlaf wachkitzelt  und -knabbert, in den sie die Hexe versetzt hat. Hier klingt schon die moralische Quintessenz an, die bei der zweiten Begegnung mit der Hexe offenbar wird: Es ist das Lachen, das die Macht des Bösen bricht, und lachen kann nur, wer sich das kindliche Element bewahrt. Konkret zeigt sich das, als die Hexe Dorothy zu Boden zaubert, aber dann von den kitzelnden Haaren des Mädchens in einen kathartischen Lachanfall versetzt wird. Musikalisch wird dieser durch eine swingende Melodie mit Ohrwurmqualitäten über einem stampfend aufsteigend Bass wirkungsvoll beglaubigt. Szenisch bleibt dieser Moment etwas schwach, ebenso die Szene, in die Hämmer der Schlägertruppe durch ein paar läppische Strohhalme außer Kraft gesetzt werden und die Herren dann plötzlich statt martialischer Kampfgesänge zarte Porzellanmelodien anstimmen. („Ziggi zam, ziggi zam flip flop kuschel du“).

Szenische und musikalische Präzision

Insgesamt aber beeindruckt die szenische und musikalische Präzision, mit der sich die Handlung entfaltet. Lisa Ströckens als Dorothy, Patriccio Arroyo als Vogelscheuche, Soon-Wook Ka als Blechmann und Fabio Lesuisse als Löwe zeigen sich als unterschiedliche Typen auf gemeinsamer Mission wunderbar profiliert. Irina Popova heizt ihnen als Hexe mit Rock- und Reggaesounds zwischenzeitlich kräftig ein, während der in eine imposante fahrbare Riesenhand postierte Zauberer (Woong-jo Choi) und sein resoluter Torwächter und Assistent (Joel Urch) librettogemäß an Ausstrahlung verlieren. Hinreißend sind Rosha Fitzhowle, Agata Kornaga und Julie Vercauteren als geflügelte Affen. Dass sie am Schluss des 1. Aktes „tief betroffen“ den Vorhang schließen und sich Bedenkzeit für den Fortgang der Handlung ausbitten, dürfte als Parodie auf den Schluss von Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“ nur die Älteren erkennen.

Hintergründig haben die Älteren, sofern sie Musikkenner sind, an Anno Schreiers Musik noch einmal ein besonderes Vergnügen. Den drei Affen hat er einen ziemlich waschechten Monteverdi-Prolog (einschließlich Passus duriusculus und Posauneneinsatz an bedrohlicher Textstelle) geschrieben, der dann mehrfach als Ritornell und auch in variierter Form wiederkehrt. Die unheimliche Bassfigur, die die Sturmszene einleitet, habe ich erst nach einer Weile als orchestrierten Auszug aus Schuberts „Erlkönig“ erkannt, als sich die textlichen Anspielungen häuften. Die erstmalige Erwähnung des „Boss in seinem Schloss mit seinem Tross“ (so die recht entspannte Diktion der Munchkins) erfordert natürlich die typischen Fanfaren. Country-Musik begleitet die Vogelscheuche, Ganztonskalen den Blechmann, stotterndes Blech den schüchternen Löwen. Im Kontext der Hexe häufen sich die Tritonusintervalle. Das Wanderlied der Vierertruppe („O ja, ich geh zum Zauberer“), das sogar im Programmheft abgedruckt ist, kommt als schmissige Lloyd-Webber-Schnulze daher. Der musikalische Wiedereinstieg nach der Pause spielt dann an auf Richard Strauss‘ „Zarathustra“. Mit der Textzeile „In diesen heilgen Hallen“ präsentiert sich der Zauberer als Sarastro-Parodie; seine gleichnamige Arie gerät sehr schnell durch penetrante Hammondorgel-Akkorde und harmonische Verzerrungen aus dem klassischen Gleichgewicht. Schon zuvor hat eine Bassfigur auf diejenige Szene aus der „Zauberflöte“ verwiesen, in der Tamino Einlass in den Tempel begehrt. Möglicherweise hat Schreier diese Idee aus Kurt Weills „Silbersee“ übernommen. Nach Weill jedenfalls klingt auch die Revolte der Smaragdstädter. Diese und andere Anspielungen kommen zum Teil plakativ her; Schreier ist dann ganz nahe an der Opern- oder Musicalparodie. An anderer Stelle arbeitet er dann wieder subtil, und bestimmte Melodien und Motive gewinnen leitmotivische und damit dramatische Funktion. So darf sich die zur weisen Frau geläuterte Ex-Hexe noch einmal kontrastierend in den Epilog der drei Affen einblenden: „In eurem Leben leider sind die Hexen auch vorhanden. Doch wenn ihr denkt so wie ein Kind, dann könnt ihr sie verwandeln.“ Das letzte Wort hat freilich das von GMD Christopher Ward engagiert und sicher geführte Sinfonieorchester Aachen mit 12 leichtfüßigen Takten, in denen die Windszene des Angangs noch einmal anklingt.

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