Vierfache vokale Verlockung – Die Primadonnen des Gärtnerplatztheaters becircen


(nmz) -
Skandal! Im Sperrbezirk! Vier traumschöne Frauen in meist schulterfreien und/oder dekolletierten Roben aus leuchtend rotem Satin lockten – mit Gestik, Blicken und mehrfach im langen Kleid-Schlitz ausgestellten, schlanken Beinen – all das gesteigert durch mal brillante, mal schmeichelnde, mal kecke Töne… und alles auf der Bühne eines Staatstheaters! Beruhigend nur, dass der dafür zuständige Minister – der sich tagsüber in einem langen Verbal-Erguss seine durchgängige Nicht-Präsenz selbst weggeredet hatte – wie immer nicht anwesend war.
15.03.2021 - Von Wolf-Dieter Peter

Nur gerüchteweise, aber von der hinreißenden Bühnenpräsenz der vier Schönen geradezu beschworen, fuhren im Anschluss an das Konzert vier schwarze Kutschen mit edlem Gespann am Gärtnerplatz vor; jede der Damen bestieg davon eine, jeweils vom gleichen Herrn im langen, schwarzen Paletot und Zylinder begleitet; die Schaulustigen flüsterten sich zu, dass der berüchtigte „Baron D.“ eben seine vier Geliebten an verschiedene Orte zu anschließenden Rendezvous… Nein, das ist nur ein kulturhistorisches #metoo-Traumbild zurück ins „Sempre libera…“ der Traviata Violetta Valery – das sich zuvor alle vier Primadonnen ironisch frech und kess geteilt hatten, als Schluss des offiziellen Programms.

Was sich in der Ankündigung zunächst eher als „Naja-halt-Ersatz-Für Aufführungen“, als wahrscheinlich netter Arien-Abend las, wurde amüsante und künstlerisch erstklassige, also beste „Kunst-Promotion“. Tatsächlich hat das Staatstheater am Gärtnerplatz - im Unterschied zu Stück-Verträgen des Vokal-Jet-Sets der Staatsopern – in bester Tradition vier Sopran-Solistinnen im Ensemble. Sie konnten zurecht als „Die Diven vom Gärtnerplatz“ avisiert werden: Jede von ihnen hat hier und an vielen anderen Opernhäusern große, anspruchsvolle Hauptrollen verkörpert. Genau das „füllte“ jetzt auch die ansonsten leere Bühne. Im hinteren Teil war das Orchester in verkleinerter Besetzung – Abstand! – postiert. Solorepetitor Darjan Ivezić zeigte beste Leitungsqualitäten, indem er die Damen auf „instrumentalen Tönen trug“ – dennoch kam auch er ins Schwitzen, denn da war ihm doch von Judith Spießer aus der Intendanten-Loge einer ihrer Handschuhe zugeworfen worden… tja… nachdem sie zuvor strahlend aus Gounods Shakespeare-Vertonung Juliettes „Je veux vivre“ verkündet hatte. Als sie dann noch mit Mária Celeng „Geh’n wir ins Chambre séparée“ lockte, hob Ivezić den Handschuh auf…

Celeng hatte den Abend mit Mozarts „Ich bin die erste Sängerin“ eröffnet – gleich pseudo-biestig bedrängt von zwei Kolleginnen. Doch nicht nur Spaß war geboten: die Ungaro-Slowakin Celeng legte ins tschechische Original von Nixe Rusalkas „Lied an den Mond“ tiefe Sehnsucht nach einem Menschen.

Anschließend an das von allen vier Damen mit Ironie servierte „Ach wir armen Primadonnen“ machte Camilla Schnoor mit Butterflys „Un bel di vedremo“ Liebes-Leid-Ernst. Schnoor hinterließ insgesamt als Adalgisa, als eine der „Little Maids“ von Gilbert&Sullivan sowie eine von Spoliansky-Schiffers „besten Freundinnen“ und dann in Herbert&Smith’s „Art is calling for me“ fesselnde Eindrücke: ihr Sopran hat an Fülle gewonnen, sie selbst an Präsenz und Expression – völlig zurecht sang sie die Phrase „I want to be a Primadonna“, denn „I want to shine upon a stage“ stimmt für sie wortwört- und klanglich.

Komponierte und eingelegte Triller, Läufe, Sprünge und dann alles überstrahlende Spitzentöne in den Sopran-Stratosphären von B und C lieferte natürlich Jennifer O’Loughlin. Sie beeindruckte aber eben auch durch die Zurücknahme ins Piano, mit aller Beseelung und Tiefe der Emotion. Im Kontrast zu ihren tragisch hingerichteten Belcanto-Königinnen war sicht- und hörbar, dass sie wohl auch ein lustvoll-pfiffiger „Scherzkeks“ auf der Bühne sein kann – das stellte sich als Rollen-Wunsch für sie schon vor dem Streaming-Bildschirm ein – dazu öffneten alle vier Primadonnen eine Flasche Bühnen-Schampus, sangen „Sempre libera“ in Quartett-Verteilung und fügten „Auf offene Theater!“ als Toast in Richtung ministerieller Kultur-Bürokratie an.

Der Wunsch der vier Schönheiten in Christine Beckers animierend reizvollen Roben wirkte unwiderstehlich: sie hatten aus einem Nummern-Abend einen flotten Spaß mit gelegentlichem Tiefgang gemacht – ein abermals begeisterndes Plädoyer für bespielte Bühnen aller Arten - und Aufführungssehnsucht bei uns! 

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