Vom alten Fritz, vom Dorfwahrsager und vom Zauber-Clown: Rousseaus „Dorfwahrsager“ als Vorläufer zu „Bastien und Bastienne“ im Schloss Britz


(nmz) -
Im 10. Jahr seines Bestehens bringt das Festival im Berlin-Neuköllner Schloss Britz jene selten gehörte Oper des Philosophen und Komponisten Jean-Jacques Rousseau zur Aufführung, die ab dem Jahre 1752 in den europäischen Opernhäusern Pergolesis „La Serva Padrona“ den Rang streitig machte, „Le Devin du village“. Und da eine Parodie auf dieses Opernlibretto die Vorlage für Mozarts „Bastien und Bastienne“ bildete, folgt hier dieses Singspiel auf dem Fuße.
13.10.2012 - Von Peter P. Pachl

Eingeleitet aber wird der Opernabend mit dem Allegro-Satz des 4. Flötenkonzerts vom alten Fritz, der – wie sein freundlicher Widersacher Rousseau – in diesem Jahr seinen 300. Geburtstag feiert. Nicht nur die Solistin an der Flöte (Anna Eperjesi) trägt die Uniform Friedrich II., auch der Dorfwahrsager tritt in Gestalt des Preußenkönigs auf. Er rät der Schäferin Colette, ihrem ungetreuen Colin die kalte Schulter zu zeigen, um ihn auf diese Weise zurück zu gewinnen, was ihr auch gelingt. Das ist die gesamte, kurze Handlung, die im Schloss Britz aber nicht – Rousseaus Ruf „Zurück zur Natur!“ folgend – unter Schäfern spielt, sondern im höfischen Ambiente Friedrichs des Großen angesiedelt ist.

In der Ausstattung von Jenny Wolf schlägt Oliver Trautweins Regie den Bogen zu Götz Friedrichs Berliner „Ring“-Inszenierung: Hier, wie dort, sind die Darsteller anfangs unter weißen Tüchern verborgen, – nur dass sich dieses optische Motiv im theatral perfekt ausgebauten historischen Kuhstall von Schloss Britz am Ende nicht einlöst. Colette (Andrea Chudak), gewinnt Colin (Paul Hörmann, mit sehr leichtem, hohem Tenor) zurück, da sie sich – in Bettina Bartz’ neuer deutscher Textfassung – als „im achten Monat“ schwanger erklärt.

Den Intentionen der Regie folgend, sollte auch das Publikum ins Fazit des unisono erfolgenden Rundgesanges mit einstimmen, aber trotz ausgedruckter Noten bleibt das Auditorium stumm, – und zur Pause keineswegs hingerissen.

Am Ende von Rousseaus Intermède war der junge Mozart über die Bühne gesaust und hatte den Stoff für sich entdeckt, den er dann im zweiten Teil, am Rande der Vorbühne komponiert und dirigiert. Mozarts einaktiges Singspiel hat Berlin-Bezug, denn es erlebte erst im Jahre 1890 im Berliner Architektenhaus seine Uraufführung.

Herrschte im ersten Teil der Koproduktion von Werkstatt Musik Berlin e.V. mit der Musikschule Paul Hindemith Neukölln bestenfalls der Charme einer Schulaufführung vor, so obsiegte der zweite Teil des Abends mit sehr viel besseren Stimmen und einfallsreicher, witziger Regie.

Das vordem in historischen Kostümen die rechte Bühnenhälfte einnehmende Junge Sinfonieorchester Berlin, von Andreas Schulz routiniert geleitet, spielt auch mit aufgesetzten Schafsköpfen auf der Hinterbühne überdurchschnittlich präzise und ruft auch mal kollektiv „Mäh!“. Bastienne wacht verlassen im Doppelbett auf und erschießt in ihrem Frust sogar den Dirigenten. Auf Rat eines Zauber-Clowns, als der Colas hier in Erscheinung tritt, spult die Handlung wie ein Film zurück, und der Dirigent darf weitermachen.

Ein Steckenschaf als Überphallus intendiert die Gefühlslagen des Bastien, der es mit Hilfe von Verbänden schafft, seine Exbraut neu einzuwickeln und mit sich zu verbinden. Ein Bruch vor dem Schlussterzett evoziert eine scheinbare Probensituation, in der sich die Sängerdarsteller wüst beschimpfen; aber der bei den Proben noch nicht vorhandene Schluss wird von Mozart nachgereicht und führt die Handlung, mit dem Preis der Zauberkunst des Colas, zu ihrem glücklichen Ende.

Mit tragfähigem, facettenreichem Bariton hatte Daniel Wunderling bereits als Dorfwahrsager seine Kollegen stimmlich und darstellerisch überragt. Als Zauber-Clown in der sechzehn Jahre jüngeren Oper darf er seine Spielleidenschaft voll entfalten. Von der Verve des jugendlichen Spiels mitgerissen wird auch der deutsch-indische Tenor Matthias Siddhartha-Otto, und reinen Genuss in Tongebung und Spiel bietet die Sopranistin Carolin Löffler, mit dramatischem Kern.

So vermochte Jean-Jaques Rousseaus „Le Devin du village“, 260 Jahre nach der Uraufführung der ersten Fassung, selbst als Opernrarität, kaum zu faszinieren, um so mehr aber die Sujet-Variante durch den jungen Mozart. Das Publikum spendete den jungen Künstlern am Premierenabend einhellig kräftigen Applaus.

Weitere Aufführungen: 13., 14., 16. Oktober 2012.

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