Vom Tönen des Holzes – Mark Polschers Klanginstallation belebt das Mittenwalder Geigenbaumuseum


(nmz) -
An Hals und Hände würde man sie ihnen wünschen, die historische Hals- oder mehr noch die Schandgeige: dem Großteil unserer heutigen Führungs- und Funktionseliten. Doch an diese Strafform erinnert nur eine Schautafel des Mittenwalder Geigenbaumuseums. Der große Schauraum im Obergeschoß wird erfreulicherweise durch ganz Anderes geprägt: durch das Surround-Sound-Tönen des seit fast 350 Jahren ansässigen Kunsthandwerks, des Geigenbaus - Multitalent Mark Polscher lässt die Besucher ein „Ligneous Encounter“ erleben.
12.08.2018 - Von Wolf-Dieter Peter

Wieder einmal ist zu erleben, wie Kunst Menschen aus Alltäglichem löst: vom drängelnden Fragen der jüngsten Besucher, aus dem Vorlesen von den Schautafeln, von kleinen Hinweisen auf Einzelheiten und Erläuterungen zu den in Vitrinen und Glaskästen hängenden oder liegenden Instrumenten … erst Erstaunen, dann Verstummen, leises Auftreten und Stehenbleiben und dann doch zum Niedersetzen und Zuhören – Kunst bewirkt Entschleunigung.

Mögen die ersten, ganz zarten, fast aus dem Nichts kommenden Tontupfer noch eher untergehen – wenn dann Mühlengeräusche folgen, erste kratzige Streichertöne, anschließend ein Schaben und Reiben von Holz im fließenden Übergang zu lauteren Biege- und Brechgeräuschen - dann wird zugehört. Kurz darauf knallt es wie das Hacken beim Baumfällen. Ein verfremdetes Läuten von Viehglocken geht in den Rhythmus eines Mühlenhammers über. Zunächst dissonant mal gereihte, mal gegeneinander gestellte Einzeltöne fügen sich dann auch einmal zu einem klassisch harmonischen Zusammenklang. Aus fast völliger Stille fallen erst Wassertropfen und wenig später klingen vom Syntheziser verarbeitete Gitarren- und Saitentöne erst nur ähnlich und dann doch nach sich selbst. Dehn- und Streckgeräusche könnten das akustisch vergrößerte Spannen einer Saite sein… ehe alles wieder leise verlöscht.

„Ja, so klingt Mittenwald!“ soll der anfangs skeptische Bürgermeister bei der Eröffnung zu Museumsdirektorin Dr. Constanze Werner anerkennend gesagt haben. Sie wollte das Museum beleben und nicht nur historisierend den schönen Bestand vorführen - und tatsächlich: wer sich die eine Schiene in Benedikt Schultes feinsinnigem Dokumentarfilm „Die Seele der Geige“ (vgl. Wolf Loeckle in nmz online vom 07.05.2018) in Erinnerung ruft – die vom Baumfällen, dem Suchen des weltberühmten Geigenbauers Martin Schleske nach dem einen alten, aber eben besonderen Holz, seinem feinfühligen Bearbeiten, dem Reiben, Streicheln und hin zum schließlichen Tönen des „Holzkunstwerks“ reicht – der muss bestätigen: die in mehrmonatigen „Field Recordings“ aus Mittenwald und Umgebung von Mark Polscher mit mobilen Rekordern zusammengetragene, raffiniert montierte, in mehrkanaliger Verräumlichung zu einem polyphonen Klang-Kosmos geformte „Holzige Begegnung“ wirkt wie eine Brücke von Jakob Stainers und Mathias Kloz‘ alten Geigen aus den Jahren 1675 und 1714 in unsere Jahre – frappierend fein und vielfältig in nur 18 Minuten. Martin Schleske sagt im Film anrührend demütig: „Der Baum hat an die zweihundert Jahre an diesem Holz gearbeitet. Ich mit meinen wenigen Jahren – ich muss dem Holz gerecht werden.“ Vergleichbares schwingt durch Mark Polschers Klanginstallation im Mittenwalder Museumsraum.

  • Geigenbaumuseum Mittenwald, Di.- So. Hochsaison 10-17/ Nebensaison 11-16 Uhr, Klanginstallation tgl. gegen Besuchsende und auf Wunsch.