Von Königinnen und Kaiserinnen – Frauen als Thema: Das Al-Bustan Festival in der libanesischen Hauptstadt Beirut verbindet die Kulturen von Orient und Okzident


(nmz) -
Jede Woche eine andere Frau. Jede Frau eine neue Königin. Wovon selbst die tüchtigsten Draufgänger nicht mal träumen dürften, das gelingt dem Al-Bustan Festival Beirut tatsächlich. Binnen fünf Wochen wird musikalische Opulenz aufgeboten, die in diesem Jahr noch bis zum 19. März unter dem Thema „Queens & Empresses of the Orient“ steht, sich also Königinnen und Kaiserinnen des Orients widmet.
15.03.2017 - Von Michael Ernst

Verbunden ist damit der Anspruch, die Rolle der Frau im heutigen Libanon wieder zu stärken. Die Veranstalter beziehen sich ausdrücklich auf legendäre Figuren wie Scheherazade, Semiramis, Medea, Cleopatra und Zenobia, eine fantastische Idee der inzwischen 80jährigen Festival-Gründerin Myrna Bustani.

Nach dem frühen Tod ihres Mannes Emile Bustani, einem erfolgreichen Unternehmer und ambitionierten Politiker, dem man sogar Chancen auf das Präsidentenamt nachgesagt hatte, war Myrna Bustani die erste weibliche Abgeordnete im Parlament des Libanon. Als der ebenso sinnlose wie grausame Bürgerkrieg endlich vorbei war, der das Land an der Levante von 1975 bis 1990 nicht zuletzt auch in Stellvertretergefechten zwischen den Weltmächten der Kalten Krieger mit Tod und Zerstörung überzogen hatte, sollte auf Kultur und Versöhnung gesetzt werden. Ausdrückliches Ziel des 1994 ins Leben gerufenen Al-Bustan Festivals war – und ist! – es, wieder an das Verbindende der Kulturen von Orient und Okzident zu erinnern. Mit „Queens & Empresses of the Orient“ wollte Madame Bustani, eine ungemein beeindruckende und höchst kunstsinnige Dame, während des fünfwöchigen Musikmarathons auf die große Bedeutung historischer Frauenpersönlichkeiten im Nahen Osten aufmerksam machen. Derzeit scheint davon nur wenig übrig geblieben zu sein. Zwar dürfen sich die Frauen im Libanon und speziell in Beirut heutzutage absolut frei bewegen, beruflich entfalten können sich aber nach wie vor nur die wenigsten. Schon gar nicht in der Politik. Und ob sie ein liberal offenes oder streng konservatives Leben führen würden, hängt noch immer von einer reformbedürftigen, stark religiös geprägten Männergesellschaft ab.

Das Al-Bustan Festival im hauseigenen Konzertsaal des Emile Bustani Auditoriums strahlt freilich etwas Anderes aus: Hier – hoch über dem Zentrum von Beirut und mit Blick auf das Mittelmeer auf der einen sowie auf schneebedeckte Dreitausender auf der anderen Seite – atmet ein kunsthungriges Publikum Weltoffenheit auf höchstem Niveau. Das Veranstaltungsteam um Myrna Bustani hat internationale Künstlerinnen und Künstler gewonnen, das ehrgeizige Thema mit Inhalt zu füllen. Namen wie Khatia Buniatisvili, Renaud Capucon sowie Mireille Maalouf und Katia Guerreiro mögen dies stellvertretend belegen. Auch im Konzert des Schweizer Cellisten Lionel Cottet und des Pianisten Jorge Viladoms aus Mexiko übertrug sich das Königinnen-Thema klanggewaltig von Lateinamerika bis nach Paris und bewies damit zudem die genrebezogene Offenheit des Festivals. Denn es gehört zu den erklärten Zielen Myrna Bustanis, mit Musik an die historische kulturelle und multikonfessionelle Vielfalt von Libanon und den Ländern der Levante zu erinnern.

Aus Deutschland war der Dresdner Geiger Robin Peter Müller gemeinsam mit seinem 2007 ins Leben gerufenen La Folia Barockorchester nach Beirut gereist, um das „Cleopatra“-Projekt vorzustellen, das in diesem Herbst als CD bei Sony erscheinen wird. Die legendäre Pharaonin Cleopatra, Geliebte von Julius Caesar sowie später auch von Marc Antonius, hat zu allen Zeiten Künstler überall in der Welt dazu angeregt, ihr von Legenden umranktes Macht- und Liebesleben sowohl in Worte und Bilder als auch in Musik zu fassen.

Mit einem barocken Reigen quer durch Kompositionen von Carl Heinrich Grauns „Cleopatra e Cesare“ über Johann Adolph Hasse und dessen Serenata „Marc’Antonio e Cleopatra“ bis hin zu Georg Friedrich Händels „Giulio Cesare in Egitto“ arbeitete sich das La Folia Barockorchester in einer raffinierten Zusammenstellung von Rezitativen und Arien nebst instrumentalen Stücken von Antonio Vivaldi und Francesco Geminiani durch diese Historie. Die junge Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann hat die Gesangspartien bravourös bewältigt, das in internationaler Besetzung aufspielende Spezialensemble bestach mit Spielfreude und interpretatorischer Meisterschaft. Wer so energiegeladen musiziert, lässt natürlich die Funken springen und vermag ein musikalisches Feuerwerk zu entwickeln, von dem das Publikum widerstandslos mitgerissen worden ist.

Die Reihe von Gastkonzerten des Al-Bustan Festivals wird ergänzt durch Auftritte des im vergangenen Jahr gegründeten Festivalorchesters, das unter der musikalischen Leitung des Italieners Gianluca Marcianò steht. In diesem Jahrgang würde dazu eine Orchesterakademie ins Leben gerufen, die jungen Musikerinnen und Musikern die Chance geben soll, sich mit Kompositionen und Aufführungsstilen unterschiedlichster Gattungen und Epochen vertraut zu machen.

Wenn das Al-Bustan Festival 2018 sein 25jähriges Bestehen zelebriert, will Myrna Bustani dieses Jubiläum mit dem „Anfang und Ende“ aller Musik feiern, mit Johann Sebastian Bach. Der Anspruch bleibt also hoch, auch oder gerade nach diesen fünf Wochen mit den fünf Königinnen. Jedes Jahr ein anderes Thema – Beirut scheint wieder auf dem Weg zu sein, an seinen einstigen Ruf als „Paris des Nahen Ostens“ anknüpfen zu wollen.

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