Warum soll die Berliner Konzertreihe „Unerhörte Musik“ nicht fortgesetzt werden? – Zunehmende Proteste gegen die Senatsentscheidung


(nmz) -
Als im Februar 1989 in Berlin-Kreuzberg die Konzertreihe „Unerhörte Musik“ begann, wurde dies in der Presse enthusiastisch begrüßt. Denn endlich sollte es hier unabhängig von Festivals einen Ort geben, an dem man sich regelmäßig über neue Trends der zeitgenössischen Musik informieren konnte. Tatsächlich haben die Komponisten Rainer Rubbert und Martin Daske, die beiden Initiatoren, von diesem Tag an jede Woche interessante Programme mit attraktiven Interpreten präsentiert.
06.06.2014 - Von Albrecht Dümling

In den Dachgeschossräumen des BKA (Berliner Kabarett-Anstalt) konnte man seit 1989 immer wieder Entdeckungen machen. Auch nach dem 1000. Konzert haben sich die Veranstalter nicht auf die faule Haut gelegt. Vielmehr ließen sie ihrer Phantasie freien Lauf, spannten ihr Kontaktnetz weit auf und fanden immer wieder neue Zugangswege zu zeitgenössischen Klängen. Eine große Vielfalt von Musikrichtungen aus aller Welt wurde dabei auf hohem Niveau unter wechselnden Aspekten vorgestellt.

Der Berliner Senat, der diese Reihe 25 Jahre lang förderte, hat aus unerfindlichen Gründen beschlossen, die Förderung im nächsten Jahr einzustellen. Sollte diese einzige wöchentliche Konzertreihe für Neue Musik in Deutschland zum Aufgeben gezwungen werden, verlöre die Neue-Musik-Szene Berlins einen ihrer wichtigsten Vermittlungsorte.

Die Nachricht von der merkwürdigen Senatsentscheidung stieß bei vielen Musikfreunden auf Empörung und Unverständnis. So wies Aribert Reimann in einem Brief an Kulturstaatssekretär Tim Renner auf die Verdienste der Programmverantwortlichen hin: „Gerade die stilistische Offenheit für alle vielfältigen Strömungen in der Neuen Musik ist ein spezielles Anliegen der Komponisten Rainer Rubbert und Martin Daske, die diese Reihe durch viele Jahre selbstlos mit großem Engagement zu etwas Einmaligem gestaltet und geprägt haben mit einem begeisterten Publikum.“ Ein Ende dieser Konzertreihe wäre laut Reimann „ein unfassbarer Verlust nicht nur für Berlin, sondern auch für den gesamten deutschsprachigen Raum, da die ‚Unerhörte Musik‘ weit und breit die einzige Reihe ist, die wöchentlich ein Konzert mit Neuer Musik veranstaltet. Für viele junge Komponisten ist diese Konzertreihe ein Forum, ihre Werke einem interessierten Publikum vorzustellen, ebenso für viele junge Interpreten auf allerhöchstem Niveau.“

Charlotte Seither nannte in ihrem Votum die „Unerhörte Musik“ das „Rückgrat der Freien Neue Musik Szene“ und einen unschätzbaren Dreh- und Angelpunkt für Ensembles und Komponisten. „Die Unerhörte Musik ist Herzschlag und Lebensader der Neuen Musik in Berlin.“ Was wird durch die Einstellung eigentlich gespart, fragte Matthias Zschokke: „Die Mittel, die zur Weiterführung benötigt werden, stehen im Verhältnis zum Ruf, den die Reihe über die Grenzen der Stadt hinaus genießt, in keinem Verhältnis.“

Vielen heute bekannten Komponisten und Interpreten bot die „Unerhörte Musik“ erstmals eine Möglichkeit, sich einem Fachpublikum vorzustellen - auch für den Australier Brett Dean, der als Bratschist der Berliner Philharmoniker erst allmählich in die Komponistenrolle hineinwuchs. Als der mittlerweile international bekannte Komponist jetzt von der drohenden Einstellung dieser Reihe erfuhr, empörte er sich spontan über die Senatsentscheidung. Neben ihm, Aribert Reimann und Matthias Zschokke haben sich bislang schon die Komponisten Helmut Zapf, Helmut Oehring, hespos, Sidney Corbett, C. René Hischfeld, Peter Ablinger, Max E. Keller, Isabel Mundry, Orm Finnendahl, Susanne Stelzenbach, Ralf Hoyer und Ulrich Krieger mit Protestbriefen an den Senat gewandt. Ihr Unverständnis äußerten auch der Landesmusikrat Berlin, die Akademie der Künste, die Deutsche Gesellschaft für elektroakustische Musik sowie viele Interpreten und Ensembles. Für das Jahr 2015 ist die Entscheidung endgültig gegen die „Unerhörte Musik“ gefallen. Zu hoffen ist jedoch, dass ab 2016 die bisherige Förderung wieder aufgenommen wird – falls Rainer Rubbert  und Martin Daske dann dafür noch zur Verfügung stehen.

 

 

 

Eins vorweg: Die drohende

Eins vorweg: Die drohende Einstellung der Reihe "Unerhörte Musik" im BKA ist ein katastrophaler Verlust für das Berliner Kulturleben. Nach meinem Informationsstand - ich äußere dies in aller Zurückhaltung, weil ich kein Insider der Berliner Szene bin - ist die Annahme einer einfachen ersatzlosen Mittelstreichung durch den Senat jedoch irreführend:

Meines Wissens nach wurde die Förderung, welche die Reihe im BKA bisher jährlich mehr oder weniger garantiert erhielt, nun öffentlich ausgeschrieben. Dies muss man nicht verstehen, war allerdings aufgrund bestimmter Statuten juristisch möglicherweise unumgänglich. Soweit ich informiert bin, wurde diese Förderung nun dem vom Acker Stadt Palast eingereichte Programmkonzept mit Neuer Musik von dem Gremium, das über die Vergabe dieser Förderung zu entscheiden hat, zugesprochen.

Wenn dies stimmt, ich kann mich für die Richtigkeit dieser Information nicht verbürgen, wäre - bei aller verständlichen Kritik und Empörung - der Vorwurf einer ersatzlosen Mittelstreichung des Berliner Senats für die Kultur an sich so nicht richtig und damit auch nicht zielführend. Vielleicht wäre in diesem Falle eine Kooperation der nun geförderten Institution mit dem BKA zu dessen Rettung anzuregen, wenn das Interesse an einer Rettung der Reihe "Unerhörte Musik" wirklich so universell ist, wie sich aus den Kommentaren seit Bekanntgabe der Entscheidung herauslesen lässt.


no comment

falls es wirklich zur Streichung der Reihe “Unerhörte Musik” kommen sollte wissen wir alle woran wir sind - die neue “Dummheit” feiert fröhliche Urständ’

als einzige wöchentlich agierende Reihe mit zeitgen. Musik im deutschsprachigen Raum
ist ein Verschwinden nicht zu akzeptieren


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