Wellness avancierter Art – Grenzerfahrungen bei der Münchener Biennale 2018


(nmz) -
Die Neue Musik ist nicht gerade bekannt als Wohlfühloase, vielmehr als Ort der Grenzüberschreitung jenseits aller Komfortzonen. Sagt man so, ist aber längst nicht mehr State of the Art. Zumindest bei der Münchener Biennale, die neues Musiktheater auf der Suche nach Grenzerfahrungen radikal interpretiert – und dabei auch vor Wellness im engeren Sinn nicht zurückschreckt.
11.06.2018 - Von Anna Schürmer

Zu nennen ist hier zunächst das BATHTUBE MEMORY PROJECT: Eleftherios Veniadis (Komposition) und Eleni Efthymiou (Regie) bieten exklusiv Einzelbesuchern eine hygienisch einwandfreie und angenehm temperierte Badewanne, um längst verloren geglaubte Bereiche des kindlichen Unterbewusstseins hervorzurufen. Das passiert zum einen durch das körperwarme (Frucht-)Wasser, dann auch durch das griechische Wiegenlied der von einer Gambe begleiteten sanftstimmlichen Sängerinnen. Über den weißen Kokon, der die freistehende Wanne umschließt, laufen animierte Projektionen: Geflügelte Pferde, Teddys und Wolken in Scherenschnittästhetik gaukeln dem Badenden meist in schwarz-weiß, manchmal mit Farbklecksen versehen, prä- und postnatale Surrealismen vor. Man könnte die Produktion als Floating der avancierten Art bezeichnen, das auf ein körperliches und mentales Anders-fühlen zielt: durch die lediglich mit Badekleidung verdeckte Nacktheit, die surrealen Klangbilder und die durchaus verstörende intime Begegnung mit der Sopranistin. Tatsächlich aber stellt sich besonders nach dem Badeerlebnis ein seltsames Gefühl ein, als trete man aus einer Parallelwelt zurück in die Realität. Und dies ist durchaus bemerkenswert für eine 15-Minuten-Performance, die trotz ihrer kindlichen Assoziationen niemals ins Infantile abrutscht.

Ein Fußbad darf definitiv auch zum Wellnesssegment gerechnet werden. Mit Varianten wie Salbei (belebend) oder Hibiskus (beruhigend), kann man sich durchaus fürstlich fühlen. Für die Komponistin Saskia Bladt und Regisseurin Anna-Sofie Lugmeier ist das Fußbad Bestandteil zur Erzeugung eines „Königreich der Musik – ERDE“. Diese Phrase schrieb Ingeborg Bachmann in einem Telegramm an Hans Werner Henze, den Gründungsvater der Münchener Biennale. Für den aktuellen Festivaljahrgang, den zweiten unter der Ägide von Manos Tsangaris und Daniel Ott, haben Bladt und Lugmeier also ein REGNO DELLA MUSICATERRA entworfen: eine neuntägige Oper klingt erstmal nicht unbedingt nach Wellnessprogramm und ist das auch nicht in jedem Fall – denn jeder Termin in der Galerie LOVAAS in der Münchner Maxvorstadt läuft anders ab: Von installativen Klangobjekten, hat man sich während der Festivalwoche über den Gesang und einen Tanztag bis zur Wellness vorgetastet: besagtes Fußbad, zu dem ein geradezu klassisches Hauskonzert erklingt, von Geige und Klavier solo bis zum Duo. Dazu darf sich das geneigte Publikum Lektüre reichen lassen: von Shakespeare, über Trakl, bis hin zu Ingeborg Bachmann natürlich – und reizend sind deren „Geheimnisse der Prinzessin von Kagram“ bei einem schönen Fußbad zu genießen. Alles in allem ein wirklich schöner Wohlfühl- Nachmittag; was er im Rahmen der Münchener Biennale für neues Musiktheater zu suchen hat, wird allerdings an keiner Stelle wirklich klar.

Was das BATHTUBE MEMORY PROJECT und REGNO DELLA MUSICA: TERRA verbindet, ist der Versuch, die Realität zwischen Kunst und Leben ein stückweit zu verschieben. Das gilt auch und nicht zuletzt für Miika Hyytiäinens und Nicolas Kuhns avantgardistische Kaffeefahrt ins Grüne: auch ihre KÖNIGLICHE MEMBRANWERKE wollen situative Grenzerfahrungen durch ein radikales Wohlfühlprogramm erzeugen. Los geht es im Zug Richtung Starnberger See, wo die Voralpenidylle am Premierenabend mit Kaiserwetter aufwartet. Vom Bahnhof geht es per Doppeldeckerbus durch alten Baumbestand und an unfassbaren Anwesen vorbei hinauf zur Villa Waldberta. Im Park stehen Hornisten mit den Füßen im Wasser diverser Brunnenanlagen und entlocken ihren Instrumenten Ploppendes und Gurgelndes. Beim Einlass gibt es Wein-Eis-am-Stiel und muss der Besucher einem dezent futuristisch gekleideten Mitarbeiter/Performer seine Einverständniserklärung in einen Handrekorder abgeben: „I, Anna Schürmer, agree to the data policy of NOS“. Danach führt die CEO/Sopranistin Marie-Sophie Pollack in einem spektakulären Duett mit männlicher Stimme von Band in die Unternehmensphilosophie der Nomictic Solutions ein: Es geht um die „Secrets of Voice and floating Data“, „aqua-electronic intelligence systems“ und um nichts weniger als die Untiefen vokaler Identitätskonstruktionen inmitten des aquatischen Speichermediums Starnberger See.

Nach einer Horn-begleiteten Wanderung durch den Park geht es wieder per Bus durch die irreale Villenlandschaft. Zufällige Zaungäste, aber auch platzierte Botschaften wie „FCK NOS“ vermischen Realität und Spiel. Das ist es, was die KÖNIGLICHEN MEMBRANWERKE“ so gut macht. Am spiegelglatt in der Abendsonne ruhenden Starnberger See spielt ein durchgeknallter Hornist bis zum Bauch im und mit dem Wasser. Auf dem Schiff angelangt, hört man nicht nur musikalisch anregende Beschwörungseskapaden von Senior Chef Eberhard Lorenz und der Press officer Martina Koppelstetter, sondern darf dank Timing und Glück auch einen Sonnenuntergang der Extraklasse genießen. Bei der abschließenden Busfahrt zurück zum Bahnhof schlägt das Stück einen Bogen und ertönt über Bordlautsprecher eine Collage der anfangs aufgenommenen Einverständniserklärungen: Welcome in der schönen neuen Überwachungswelt fließender Daten – auch Komfortzonen können Grenzerfahrungen bieten!

Königliche Membranwerke - Nomictic Solutions. Foto: © Smailovic
regno della musica - TERRA.  Foto: © Smailovic