Wenn Weill tanzt und Gershwin swingt: Das 20. Kurt Weill Fest in Dessau wurde mit einer Balletturaufführung eröffnet


(nmz) -
Am Wochenende wird getanzt in Mitteldeutschland. In Dresden beinahe rund um die Uhr, beim Treffen der Besten, zur Leistungsschau „Tanzplattform Deutschland“. In Magdeburg heißt der neue zweiteilige Ballettabend „Dancing in the City“, dabei eine Uraufführung des in Leipzig lebenden Choreografen Paul Julius. In Dessau wurde das 20. Kurt Weill Fest mit der Uraufführung „Hotel Montparnasse“, im Sinne des Festivalmottos, „Hommage à Paris“ eröffnet.
26.02.2012 - Von Boris Michael Gruhl

Im Focus des Festivals Werke von Kurt Weill, die in seiner Zeit des Pariser Exils entstanden sind, oder sich mit dort empfangenen Eindrücken und Einflüssen auseinander setzen. Weill, 1900 in Dessau geboren, war 1933 als Verfemter und seiner jüdischen Herkunft wegen nach Paris geflohen. Den Ausschlag gab eine Aufführung seines Stückes „Silbersee“ in Magdeburg, bei der es zu antisemitischen Ausschreitungen kam. Im Gepäck hatte der Vertriebene seine 2. Sinfonie, er hat sie in Paris vollendet, ein Jahr später wurde sie in Amsterdam unter der Leitung von Bruno Walter uraufgeführt.

Allein die Begegnung mit diesem zunächst von harten Klängen und wütenden Erinnerungen durchzogenen Werk, die mehr und mehr freieren, melodischen Passagen weichen, lohnte die Fahrt nach Dessau. Bevor vom Tanz die Rede ist, gilt das Interesse einer weiteren musikalischen Entdeckung. Im Winter 1934 wurde Weills Songspiel „Marie Galante“ uraufgeführt in dem es um das Schicksal einer jungen Pariserin geht, die im fernen Panama an Heimweh leidet. Das Stück kam gut an bei den Emigranten, der große Erfolg stellte sich aber nicht ein. In Dessau nun eine Konzertsuite von 1987, für Kammerorchester und Sopran. Das Stück ist eine echte Überraschung. Musikalisch ist Weill in Paris angekommen, aus den Songs der „Dreigroschenoper“ sind melancholische Chansons geworden, der Orchestersatz ist farbig, ein wenig exotisch auch, exzellente Unterhaltung. Dann Musik von George Gershwin, zunächst für Piano solo, Evergreens, wie „Lady be good“, The man I love“ oder „I got Rhythm“. Zum Schluss das bekannte Tongedicht „Ein Amerikaner in Paris“.

War bei solcher Abfolge zunächst vielleicht Skepsis angesagt, am Ende ergibt diese musikalische Dramaturgie durchaus Sinn, vor allem als Grundierung für das Ballett von Tomasz Kajdanski, in dem er Stationen eines Emigrantenschicksals in Paris, von der Ankunft bis zur Abreise, in vier Bildern inszeniert und choreografiert. Die Anhaltische Philharmonie erweist sich als versiertes Orchester der Stadt Kurt Weills, sei es in großer Besetzung im Orchestergraben oder kammermusikalisch auf der Bühne, und kann auch bei Gershwin punkten. Der Dirigent Daniel Carlberg überzeugt am Pult und am Piano.

Tomasz Kajdanski entwickelt die Stationen seines Emigrantenpaares, bei dem man sicherlich an Kurt Weill und Lotte Lenya denken kann, aus den unterschiedlichen Vorgaben der gewählten Musik. Es beginnt mit der Ankunft in Paris und dunklen Erinnerungen an Deutschland. Die belastende Situation untermalt die Sinfonie. Belastet ist auch die Beziehung der beiden Emigranten im so traurigen wie schlichten „Hotel Montparnasse“.

Dann, schon etwas aufgehellter, ein typisches Bild in einer Pariser Bar, dazu die Musik der Suite mit den Chansons, Orchester und Sängerin auf der Bühne. Das Paar findet wieder zueinander, wieder die Parallele zu Weill und Lenya: Liebe, Heirat, Trennung, Scheidung, wieder Heirat… Muse für immer. Das sind Vorgaben für den Tanz, für Varianten des Pas de deux, für Soli, für die Kompanie mit solistischen Passagen. Der Choreograf nutzt dies gekonnt, seine Tänzer danken es und das Publikum dankt es ihnen, immer wieder herzlicher Zwischenapplaus und Begeisterung am Ende.

Dann geht es doch nicht ganz ohne Klischees, beim Pariser Leben à la Gershwin, bei den Künstlern und solchen die es zu sein meinen, jetzt bekommen die Bilder Farbe, die Stadt Konturen à la Feininger im stimmungsgenauen Bühnenbild von Dorin Gal. In der Musik Gershwins deutet sich schon Weills nächste und künstlerisch erfolgreiche Station des Exils an. Es swingt, es jazzt, wir sind am Broadway unterm Eifelturm. Inhaltlich heißt das, und das lässt sich tänzerisch gut verarbeiten, Weill, der Musiker ist angekommen und anerkannt, das Bild durchzieht auch musikalisch so etwas wie einen Traum von Freiheit, Unbeschwertheit. Es gibt noch ein Affäre seiner Partnerin und Muse mit einem Künstlerkollegen, macht nichts, Menáge à trois, und wieder lässt sich das am besten tanzen. Dann auf nach Amerika. Am Ende wie zu Beginn mit Koffern, nur in ganz anderer Stimmung.

Tomasz Kajdanski inszeniert Tanztheater und ist dem Tanz wacher Korrespondenz mit der Musik verpflichtet. Er ist mit seiner Kompanie in vielen Stilen zu Hause, daher verbindet er klassisch anmutende Formen wie Pas de Deus, Sprünge, Pirouetten, mit expressivem Material des zeitgenössischen Tanzes und hat große Freude an vielem, was sich in bester Show-Manier präsentieren lässt. Sei es ein Pariser Tango, oder wenn es in Paris amerikanisch klingt, im Stile des Musicals à la Broadway. Da läuft die Kompanie zur Hochform auf, die Protagonisten besonders, Juan Pablo Lastras-Sanchez als Emigrant, Laura Costa Chand, die Gefährtin und Muse, Joe Jonathan, der Dritte im Bunde, und natürlich die exzellente Sängerin Ute Garerer im zweiten Bild in der Suite „Marie Antoine“. Sie erweist sich Spezialistin des Weillschen Stils, kommt aus Österreich, lebt in den USA, ist in diesem Jahr Artist-in-Residence beim Dessauer Festival und präsentiert in weiteren Konzerten Weills französische Musik.

So gelingt ein unterhaltsamer Ballettabend mit dunkler Grundierung, „Hotel Montparnasse“ zur Eröffnung des Jubiläumsfestivals kann man gerne als gelungen Hommage an den in Dessau geborenen Weltbürger Kurt Weill sehen und hören.  
  

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