Wie ich kürzlich einmal einen Liebesbrief an die Bundeskanzlerin schrieb


(nmz) -
Liebe Bundeskanzlerin Angela Merkel, ganz herzlichen Dank für den wunderbaren Dresdener Bildungsgipfel. Wer hätte gedacht, dass Sie in diesen finanzpolitisch doch so unruhigen Zeiten die Muße finden, sich immerhin vier Stunden lang um einen doch eher weichen und besten­falls mittelfristig wirksamen gesellschaftsformenden Faktor – die Bildung eben – zu kümmern. (Vorabveröffentlichung aus „politik und kultur“ 6-08)
30.10.2008 - Von Theo Geißler

Gratulation auch zu Ihren Style­Beratern. Sie sahen – wie in den letzten Jahren übrigens immer öfter – wirklich toll aus, auch noch bei der abschließenden Pressekonferenz. Ihr Auftritt dort, Ihre feine und doch präzise Wortwahl hat mich total begeistert und mir auch ein wenig zu denken gegeben. Ich finde es ganz richtig, dass Sie die für die Bildungspolitik zusätzlich nötigen Mittel an unser Bruttosozialprodukt koppeln. Damit behalten Sie, und zugleich unsere Wirtschaft, die Zügel voll in der Hand. Denn wer weiß schon, wie wir uns im Rahmen der in allgemein gesellschaftlichem Interesse hochnotwendigen Bankensanierungen in den nächsten Jahren zum Beispiel steuerlich entwickeln. Da kann man dann mit Hinweis auf die von uns allen solidarisch zu bewältigende Katastrophe immer noch abspecken. Und nehmen Sie die Landesfürsten richtig ran. Auf dem Weg über die allfällige Stütze durch den Bund für die so genannten Landesbanken geraten doch alle Fäden in Ihre herrlichen zart­harten Hände.

Nahezu genial finde ich als Kern der zukünftigen Bildungskonzeption Ihre Konzentration auf die so genannten MINT­Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften – Biologie, Chemie, Physik – und Technik). Da hat wohl Ihre eigene sympathische Sozialisierung den richtigen Weg ge­wiesen. Ja, wir brauchen zuvorderst kluge, bilanzkundige Rechner, taffe, patentfähige Ingenieure und höchst­spezialisierte Naturwissenschaftler im Allgemeinen. Sie sollen losgelöst von Ablenkungen wie Kunst, Kultur, vielleicht auch Tourismus und Extremsport effektiv arbeiten können für ihre Firmen. In diesem Zusammenhang, verehrte, liebe Angela Merkel, begreife ich auch Ihr entschiedenes Bekenntnis zur frühkindlichen Erziehung. Denn was nützt uns Deutschen ein jugendlicher, zum Beispiel kurdischer Integrations­Krüppel – egal welchen Geschlechtes – wenn unsere Muttersprache als Grundlage gerade auch wirtschaftsrelevanter oder tech­nologischer Kommunikation nicht wenigstens funktional beherrscht wird? Stecken Sie die Ziele für den Sprach­Eingliederungs­Test in unsere Grundschulen beruhigt sehr hoch – und sorgen Sie bitte für unkomplizierte Abschiebungs­Verfahren.

Natürlich gab es aus den einschlä­gig bekannten Zirkeln auch Kritik. Die Opposition warf Ihnen vor, Sie hätten nur eine Personality­Show abgezogen, Vorwahlkampf sozusagen, ohne greifbare Ergebnisse und konkrete Ziele. Und unsere Gewerkschaften hatten nichts Besseres zu tun, als vor allem an der Finanzierung und der „Durchlässigkeit“ unseres künftigen Bildungssystems rumzukritteln. Dabei profitieren doch gerade diese Beschäftigungs­Anstalten für lebensuntüchtige Fachschul­Absolventen vom bislang mäßigen Bildungszustand hierzulande nicht schlecht. Woher kämen sonst noch die Mitglieder? Undank ist eben der Welt Lohn.

In diese Kategorie wäre auch das Gezeter der versammelten Kulturverbände einzureihen. Sie fühlen sich – wie immer – übergangen. Als hätten Sie, liebe Frau Bundeskanzler, nicht gerade Millionen lockergemacht für Film, Tanz und Musik. Es ist wie mit Hunden, denen man einen Knochen hinwirft: Erst streiten sie untereinan­der – und kaum ist er abgenagt, schon fangen sie wieder an zu knurren. Solange diese „Kultur­Clubs“ keine besseren Argumente haben als das ständige Nachfordern von Geldern für unklare Ziele, würde ich sie komplett von der finanziellen Herz­Lungenmaschine abknipsen!

Ach: Scheren Sie sich nicht um das Gemecker. Denn kann man das Fundament, zugleich die Vision des Bildungsgipfels charmanter, schöner, kuschelig­knackiger (Entschuldigung, manchmal geht meine Phantasie mit mir durch) auf den Punkt bringen, als Sie es getan haben: „Bildung ist die Grundlage unseres gesellschaftlichen Wohlstandes – also brauchen wir das Bildungsland Deutschland“. Großar­tig, übermenschlich und doch so vernünftig. Nur seien Sie ein klein wenig vorsichtig, dass all der Bildungs­Input auch in die rechte Bahn gelenkt wird. Gerade allzu viel Bildungs­Vielfalt – beispielsweise im Bereich der überkommenen so genannten „Herzens­bildung“ – kann unproduktiv­kritische Potenziale generieren – oder einfach ablenken vom großen sozialen Wohlstandsziel.

Aber Sie, liebe Angela Merkel, kriegen das schon hin. Gerade sind Sie doch aus China zurückgekommen: Ja, auch von den „Schlitzaugen“ kann ausgerechnet eine „Schlitz­Ohrin“ in Sachen Gesellschafts­Disziplin und Erhalt der Wirtschaftsordnung sicher einiges lernen. Bildung ist eben keine Einbahnstraße.

In diesem Sinne ganz, ganz herzlich:

Ihr Theo Geißler

Die aktuelle Ausgabe von „politik und Kultur“, der Zeitung des Deutschen Kulturrates erscheint am 1. November 2008.

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