Willkommen in Pop-up-Arkadien: Vivaldis „La fida ninfa“ am Theater Regensburg


(nmz) -
Ein barocke Pastoraloper mit über drei Stunden Spiellänge – das könnte ganz schön zäh werden. Das Theater Regensburg trat mit Antonio Vivaldis „La fida ninfa“ (1732) die Flucht nach vorn an, kürzte beherzt und fand ein modernes Setting, das dennoch Raum für poetische Weltflucht bot. Juan Martin Koch floh gerne mit.
30.10.2019 - Von Juan Martin Koch

Regisseur Johannes Pölzgutter siedelt die Geschichte rund um einen zusammen mit seinen Töchtern entführten Hirten kurzerhand in einem modernen Verbrechermilieu an. Gangsterboss Oralto hält Narete, Licori und Elpina in einem düsteren Keller gefangen, wobei auch sexuelle Ausbeutung angedeutet wird. Ein wenig Trost spendet allein das Pop-up-Buch von der „treuen Nymphe“. Dank schöner Videoprojektionen (Manuel Kolip ist auch fürs ingeniöse Bühnenbild verantwortlich) vergrößern sich die verheißungsvollen Bilder daraus zunächst nur vorübergehend, um dann im zweiten Teil in einer imaginierten Flucht auf wunderbare Weise komplett Raum zu greifen.

Das nicht sonderlich tiefgreifende Beziehungsgeflecht aus Liebesgetändel und Eifersüchteleien rückt so – was nicht von Nachteil ist – in den Hintergrund. Andererseits stellt sich somit eigentlich nur in den Szenen mit dem Nachwuchsgangster Morasto, der ein Auge auf Licori geworfen hat, so etwas wie dramatische Spannung – sieht man einmal von dem etwas zu häufigen Fuchteln mit Pistolen ab. Dennoch gelingt es Pölzgutter durchweg, die zwar nicht wie bei Händel ausladenden, aber eben doch der Da-Capo-Form huldigenden Arien plausibel szenisch zu unterfüttern.

Besonders gern folgt man hier der Sopranistin Sara-Maria Saalmann, die die Hosenrolle des Morasto nicht nur glaubwürdig burschikos darstellt, sondern auch aus einer profunden Tiefe heraus mit ausgereifter, stilsicherer Koloraturtechnik bewältigt. Auch der mit ausgezeichneter Höhe ausgestattete Sopranist Onur Abaci als Osmino weiß natürlich, wie man Vivaldi singt, allein die Fokussierung der Stimme könnte noch besser sein. Das übrige Ensemble schlägt sich in Anbetracht der Tatsache, dass da keine Alte-Musik-Spezialisten am Werke sind, sehr beachtlich: Theodora Varga als Licori, Vera Semieniuk als Elpina und Brent Damkier als Narete nehmen ihre Stimmen immer wieder gut zurück, der gefährlich wendige Johannes Mooser gibt den Oralto als glaubwürdigen Oberschurken.

Aus dem Graben kommt dazu stilbewusste Unterstützung: In kleiner Besetzung sparen die Streicher des Philharmonischen Orchesters am Vibrato, nicht aber an rhythmischer Straffheit und klanglicher Raffinesse, auch wenn bei dieser ersten Aufführung nach der Premiere die Spannung nicht durchweg hochgehalten wird. Das abwechslungsreiche, mitunter je nach Sängern zwischen Cembalo und Theorbe wechselnde Continuo und der gute Kontakt, den Dirigent Tom Woods zur Bühne hält, sind weitere Pluspunkte.

Dass in dieser vielleicht nicht subtil, aber doch kurzweilig zwischen Illusion und Desillusion changierenden Inszenierung kaum Platz für ein Happy End sein dürfte, zeichnet sich bald ab, und so darf man der Intervention der überdrehten Zuckerfee Juno und des blauen Dickwansts Äolus (Maria-Magdalena Fleck und Selcuk Hakan Tıraşoğlu in den herrlichen Kostümen Janina Ammons) natürlich nicht wirklich trauen…

Weitere Termine: 01.11., 09.11., 19.11., 21.11., 17.12., 22.12.

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