Zeit im Fluss: zum 90. Geburtstag der Komponistin Ursula Mamlok


(nmz) -
Nur wenige jener Musiker, die von den Nationalsozialisten aus rassistischen oder politischen Gründen ins Ausland vertrieben wurden, sind in ihre alte Heimat zurückgekehrt. Viele warteten vergeblich auf eine Einladung oder waren sich unsicher, wie sie sich in einer Umgebung fühlen würden, aus der sie einst verjagt worden waren. Anders als etwa Hanns Eisler, Paul Dessau, Erich Kleiber oder Friedrich Holländer sind sie an ihren Zufluchtsorten geblieben. [aus nmz 2-2013]
01.02.2013 - Von Albrecht Dümling

Auch die 1923 in Berlin geborene Ursula Mamlok dachte lange nicht daran, von New York, wo sie seit 1940 lebte, wieder nach Deutschland zu ziehen. Ihr Mann, der aus Hamburg stammende Geschäftsmann und Dichter Dwight Mamlok, verwies auf die USA als neue Heimat. Allerdings unterhielten sich beide zuhause auf Deutsch. Obwohl Ursula Mamlok auf Englisch unterrichtete, war dies nie ihre „eigentliche“ Sprache geworden. Bis zum Februar 1939, als sie mit ihren Eltern auf einem Schiff nach Ecuador, ihrer ersten Exilstation, aufbrach, hatte sie Deutsch gesprochen. Zwar konnte sie sich bald auf Spanisch und Englisch verständigen. Aber in ihrer Muttersprache fühlte sie sich wohler.

Der Tod ihres Mannes im September 2005 bedeutete für die Komponistin eine tiefe Zäsur, denn sie war 58 Jahre lang mit ihm verheiratet gewesen. Nach einer Trauerphase entschloss sich Ursula Mamlok, ein neues Leben zu beginnen – in Berlin. Es war nicht mehr die Stadt, die sie 1939 verlassen hatte. Nach Zerstörung und Wiederaufbau hatten sich nicht nur die Häuser und Straßen verändert, sondern auch die Menschen. Bei einem Gesprächskonzert im Konzerthaus am Gendarmenmarkt war sie im Februar 2000 einer jüngeren Generation von Musikern und Musikfreunden begegnet, welche sich für ihr Werk und ihr Schicksal interessierten. Bei Boosey&Hawkes fand sie zudem einen Verlag, der ihre neuen Kompositionen in sein Programm nahm. So konnte sie im Jahr 2006 den Umzug von New York nach Berlin wagen.

Ursula Mamlok war zu diesem Zeitpunkt 83 Jahre alt. Obwohl sie in eine Seniorenresidenz zog, hatte sie keineswegs vor, sich aufs Altenteil zu setzen. Sie besuchte in Berlin nicht nur die Stätten ihrer Jugend, etwa die alte Schule in Charlottenburg, sondern widmete sich ihrer eigentlichen Heimat, der Musik. Mit lebhaftem Interesse war sie anwesend, wenn Musiker wie Kolja Lessing und Gruppen wie das Freiburger Ensemble Surplus, das Berliner Sonar Quartett, das Klenke-Quartett Weimar oder die musikFabrik NRW ihre Musik zur Aufführung brachten. Sie schrieb aber auch neue Werke wie die Aphorisms I für Violine solo, die Aphorisms II für zwei Klarinetten oder die Kontraste für Oboe und Harfe, welche sie Heinz Holliger zum 70. Geburtstag widmete (244). Immer noch hat sie weitere Projekte und ist schöpferisch tätig (vergleich das Werkverzeichnis auf ihrer Webseite…). In ihrer Musik ist sie keineswegs nostalgisch, sondern dem 21. Jahrhundert zugewandt, wenngleich der Einfluss ihrer Lehrer Stefan Wolpe und Raph Shapey spürbar bleibt. Auf den inzwischen drei CDs des amerikanischen Labels Bridge lässt sich in zumeist hervorragenden Aufnahmen die avancierte Fasslichkeit ihrer Musik erfahren.

Weiterhin besucht Ursula Mamlok regelmäßig Konzerte, wie schon in ihrer Berliner Jugend. Die Programmhefte hat sie aufbewahrt und sogar ins Exil mitgenommen. Sie gehören zu dem gut bestückten Archiv, das sich heute in ihrer Wohnung befindet. Auf diese Materialbasis sowie auf das gute Gedächtnis der Komponisten konnte sich der Musikpublizist Habakuk Traber stützen, als er eine Mamlok-Biographie in Angriff nahm. Unter dem Titel „Time in Flux. Die Komponistin Ursula Mamlok“ ist der Band, der die Lebensgeschichte mit Werkanalysen verbindet, vor wenigen Monaten bei Boehlau erschienen.

Zu ihrem 90. Geburtstag werden einige ihrer Werke erklingen. Das wichtigste Konzert findet am 1. Februar im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie statt. Im Rahmen der Spectrum Concerts werden in Anwesenheit der Komponistin Kammermusikwerke für Violine, Viola, Violoncello und Klarinette zu hören sein, das Armida Quartett spielt ihr anspruchsvolles Streichquartett Nr. 1 (1962). Kolja Lessing (Violine), Jakob Spahn (Cello), Holger Groschopp (Klavier) und das Klenke-Quartett bestreiten am 16. Februar ein weiteres Kammermusikkonzert in der Staatsbibliothek Berlin, wo dann auch das zweite Streichquartett zu hören sein wird. Am 28. Februar folgt sogar eine Uraufführung, wenn Lucas Macias Navarro, der Solo-Oboist des Concertgebouw Orkest, mit dem Göttinger Symphonieiorchester (Leitung Christoph-Mathias Mueller) das Concerto for Oboe and Orchestra aus der Taufe heben werden. In einem Konzert anlässlich des Holocaust-Gedenktages hatte die Kammersymphonie Berlin (Leitung Jürgen Bruns) bereits am 27. Januar im Großen Saal der Synagoge Oranienburger Straße ihr Concertino für Bläserquintett, Schlagzeug und Streicher zur Aufführung gebracht.

Noch in Arbeit befindet sich ein Dokumentarfilm über das facettenreiche Leben der Komponistin, den die Regisseurin Anne Berrini und der Kameramann Ronald König in Berlin, New York und Basel gedreht haben. Er begleitet Ursula Mamlok auf den verschiedenen Stationen ihres facettenreichen Lebens und lässt Freunde und Zeitzeugen, ihre Interpreten, Verleger und den Biographen, nicht aber sie selbst zu Wort kommen. Bei einer Autofahrt durch Berlin fragt sie aber auch: „Wieso bist Du eigentlich hier? Bist Du nicht ausgewandert?“ Sie erinnert sich dann, dass ihr Leben aus Bewegungen besteht, aus Movements – verschiedenen Sätzen eines gro-ßen, durchaus kontrastreichen Musikstücks.

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