Zu viel Erfurcht in Erfurt: Gioacchino Rossinis „Petite Messe solennelle“, theatral aufbereitet


(nmz) -
Fragen nach Öffnungszeiten melden sich zu Beginn der Kreation, zu dem zwei Darsteller unter einem kess geschwungenen Bogen hervortreten. Der überwölbt – womöglich in Erinnerung an den vom Gott des Alten Testaments gesetzten Regenbogen und an die Produktästhetik der 1950er Jahre – die Bühne des Erfurter Theaters. Derlei Fragen bildet einen probaten Auftakt für ein Theaterprojekt, das eine Meßkomposition „um intime Zeugnisse des Glaubens und Zweifeln“ zu bereichern beabsichtigte.
11.09.2011 - Von Frieder Reininghaus

Zu den Intimitäten gehört die Frage „Did you see the Pope?“ Ha, so wird das Publikum informiert, das sei nicht entscheidend – es gehe vielmehr darum, ob der Papst dich gesehen hat. Das eigentlich in Weimar angesiedelte Festival pèlerinages präsentierte in der Landeshauptstadt Gioacchino Rossinis „Petite Messe solennelle“, ein 1864, kurz vor dem Tod des Großmeisters der Opera buffa und Schöpfers der Grand Opéra uraufgeführtes Werk. Als ausführende Organe berufen wurden Nico and the Navigators – das in der Berliner Off-Theater-Szene seit Jahren rührige Künstlerpaar Nicola Hümpel (Gruppendynamik und Regie) und Oliver Proske (Bühne) samt Charakterdarstellern, die grenzüberschreitend als Schauspieler und Körperartisten wirken.

Vielen Hörern kam und kommt Rossinis kleine Messe nicht sonderlich feierlich vor, sondern eher allzu heiter, mitunter „schräg“ und insgesamt eher aus dem Geist des musikalischen Entertainment als von kirchenmusikalischen Gattungstraditionen genährt: Musik mit „verrutschter“ Würde und gelegentlicher Situationskomik, die dem „lieben Gott“ (dennoch oder erst recht) wohlgefällig sein mag. Rossinis Spätwerk stützt sich nicht auf die traditionelle Arbeitsteilung von Soli, Chor und Orchester, sondern wird von einem Dutzend Sänger, zwei Klavieren und Harmonium bestritten.

Zwei Flügel wurden nun also in Erfurt zum Harmonium geschoben, das schon auf der Bühne sichtbar in Stellung gebracht war und das Surrogat eines Bläsersatzes präsentierte. Die drei Tasteninstrumente unterfütterten und umspielten die Turn- und Sporteinlagen des von Yui Kawaguchi angeführten Spezialdarsteller-Quartetts und den zwölf Sängern, die allesamt auch charakteristische „Typen“ sind: Milos Bulajic, der tenorale Tenor, und der geschmeidig-profunde Bassist Nikolay Borchev, die scharf pointierende Sopranistin Laura Mitchell und die mit ruhiger, warmer Stimme überzeugende Mezzosopranistin Ulrike Mayer. Sie nobilitiert das „Agnus Dei“ zu einem großen Ruhepol der Produktion. Der mitunter wie in Trance auf die Bühne herumfuchtelnde oder auch lässig winkende Dirigent Nicholas Jenkins animierte das singende und hämmernde Team in angemessener Weise: die Kontraste wurden scharf profiliert.

Nicola Hümpel präsentierte im Vorfeld der Rundreise von Benedikt XVI. und mit mancherlei mehr oder minder humoristische Anspielungen auf den Papst einen exzessiven und intensiven Theaterabend, der sich im Gefolge von Christoph Marthaler, Alain Platel und anderer im letzten Jahrzehnt bedeutsam gewordenen Tanzkonzeptkünstler bewegt und verharrt: ein „Konzert der Körper“, das mit Anmut, aber eben auf begriffslose Weise den Meßtext und die ihm zugesellte Kirchenkonzertmusik „hinterfragt“. Da mag sich andeuten, daß „Demut“ so etwas wie „Eitelkeit auf Knien“ sein kann und daß es heute mit dem Glauben so vertrackt ist wie mit dem Zweifel. Eine Ereiferung über das unergründliche Schlüsselwort „Amen“ scheint ein kleines Gebersten der religiösen Sphäre aufs Korn zu nehmen – die größeren Krankheiten bleiben ohne Diagnose.

Der mit unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten dahindümpelnde Abend gewinnt noch einmal Drive und Intensität, wenn zwei der Akteure auf geschwungenen Sitzelementen zu turnen beginnen und demonstrieren, wie schwer sich der Mensch in die schwerelos wirkende Schwebe begeben kann. Allerdings rührt Hümpels Theater-Rezeptur nicht an die Fragen der Glaubensüberlieferung, an womöglich obsolet gewordene religiöse und kirchenmusikalische Riten oder die Fragen des autoritären und selbstgerechten Papsttums.

Von den durch sie und ihre autoritär geführte Truppe herbeibemühten Theaterbildern vernünftige Auseinandersetzung mit dem derzeit wieder wogenden Glaubensbedürfnis oder den überschwemmungsartig ausbreitenden Wellen des Aberglaubens zu erwarten, hieße diese heillos überfordern. Im pietistischen Randsegment des (seiner Genese nach strikt wortbezogenen) Protestantismus tummeln sich seit längerem Vorstellungen einer „nonverbalen Verkündigung“, die womöglich von Bräuchen der Voodoo-Kulte nicht allzu weit entfernt liegen. Hümpels sensible und esoterisch angehauchte Annäherung an die Probleme des Glaubens im frühen 21. Jahrhundert und die Kritik von Glaubensbekenntnissen kreiert mancherlei hübsche Theaterbilder, verfehlt aber sämtliche Zentren und sogar die Epizentren der anliegenden Probleme. So lange die fällige Kritik so nett und lammfromm daherhümpelt, kann Benedikt weiterhin ruhig schlafen.

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