Zu viele Worte, zu wenig Musik: „DroodGame oder das Jahrhundert-Spiel“, eine Uraufführung in Görlitz


(nmz) -
Als Charles Dickens 1870 starb, hinterließ er einen unvollendeten Roman. „Das Geheimnis des Edwin Drood“ gilt als einer der ersten Kriminalromane und erschien in Fortsetzungen. Die aber brechen genau da ab, wo zu vermuten wäre, das geheimnisvolle Verschwinden Edwin Droods könnte aufgeklärt werden. Edwin ist ein Waisenkind und durch vormundschaftliche Finten zwangsverlobt mit Rosebud, ebenfalls Waise, aber im Gegensatz zu Edwin mit beträchtlichem Vermögen ausgestattet. Dieses aber, sollte die Verbindung nicht zustande kommen, geht ihr verloren und würde an den bigotten Kirchenmann Mr. Jasper fallen, der eh seiner jungen Gesangsschülerin Rosebud viel näher kommt als es das Gesetz erlaubt. Und genau dann, wenn die jungen Leute sich entscheiden ihre eigenen Wege zu gehen und auf Verlobung und Geld zu pfeifen, verschwindet Edwin Drood. Der Verdächtige ist schnell ausgemacht, es ist Neville. In der Görlitzer Sicht ein Gaststudent aus Ceylon.
16.04.2012 - Von Boris Michael Gruhl

Was hier bei Dickens endet, hat man jetzt in Görlitz fertig gemacht. Zur Uraufführung kommt ein Kriminalstück für Musiktheater. Es beginnt mit einer Diskussion zwischen Darstellern und einem Regisseur darüber, wie man das Stück aufführen könnte. Dass diese Diskussion schon nach nicht einmal 60 Sekunden ihren Tiefpunkt erreicht, steht im Text. Den hat Sebastian Ripprich mit viel Fleiß und großem Anliegen verfasst. Er will ständig belehren mit Erkenntnissen, die wir längst wissen. Seine Figuren sind von Pappe und lassen Sprechblasen los. Klischees ohne Ironie sind ermüdend. Da ist alles „dünn wie ein Haar“, steht auch so im Text.

Obwohl schon zur Pause, nach der langatmigen Adaption der fragmentarischen Vorlage dank vieler Hinweise mit hoch erhobenen Zeigefingern klar ist, wie schlecht die Welt ist und wer die Schuld daran hat, werden wir mit dem Versprechen entlassen, man wolle das alles nach der Pause nochmal spielen, aber dann im 21. Jahrhundert: „DroodGame oder das Jahrhundert-Spiel“, aha!

So also ist die Gegenwart. Aus der Opiumhöhle ist ein Puff geworden in dem die Erotik so heiß ist wie ein erkaltetes Ofenrohr. Der Kirchenmann eilt vom Altar dahin und zurück. So ein bigotter Kerl. Hatten wir aber schon. Es geht noch um den zweiten Arbeitsmarkt und kriminelle Geschäfte in der Baubranche, Lokalpolitik, Bestechung und natürlich Ausländerfeindlichkeit. Aus den ceylonesischen Gaststudenten sind ukrainische geworden und ein lokaler Drahtzieher mit supernationalistischen Ansichten tritt gleich in schwarz mit Stiefeln auf und muss die schüttere Stimme verstärken lassen. Aus Zeigefingern werden Zaunlatten.

Edwin Drood ist jetzt ein Rapper, Rosebud besucht eine Eliteschule, wird wieder befingert und muss erfahren, dass sie gar kein Waisenkind ist, sondern die Tochter von Sally. Und die ist, richtig geraten, Bordellchefin. Die ist dann mal kurz tot, lebt aber wieder und liest dem Heuchler Jasper die Leviten. Eine muss ja die Moral auf Beinen sein. Dafür ist Edwin unser Rapperjunge wieder richtig tot, verdächtig ist der Zigeuner aus der Ukraine. Da hat der Autor aber dem Volk genau aufs Maul geschaut. Wenn dann die Truppe wieder aus den Rollen steigt und darauf dringt, noch einen Schluss mit Happy End zu spielen, dürften auch Atheisten die Hände falten und nicht nur um ein glückliches, vor allem um ein gnädiges, sprich baldiges, Ende zu bitten. Das wird erhört. Das Finale ist kurz.

Und die Musik? Gute Frage – bei weit über 20 Szenenwechseln musste der Komponist Ernst Bechert erst einmal jede Menge Umbaumusiken schreiben. Die müssen auch immer kräftiger werden, irgendwann ist es den engagiertesten Technikern nicht mehr möglich die klotzigen Versatzstücke von Britta Bremer lautlos oder gar elegant zu bewegen.

Und was ist ein Kriminalstück für Musiktheater? Die Vorspannmusik vom „Tatort“ wird eingespielt, sonst wird geredet und geredet und geredet. Dann geht der Text  über in ein Melodram, es wird gesungen, Ansätze von Ensembles gibt es auch. Das deutsche Kunstlied kommt vor, der Choral auch, ein wenig verfremdet. Dann lässt auch einmal Kurt Weill grüßen, die deutsche Schlagerseligkeit sowieso, Operettenklischees ohne Wenn und Aber, lupenreiner, somit völlig stubenreiner, Rap und die bekannten Töne aus den Krimis seliger Filmerinnerungen in schwarz-weiß. Nur dass es in diesen Filmen zwischen Schwarz und Weiß viele Farbfacetten gab. In Görlitz nicht. Der aufzusagende Text ist übermächtig. Die knappen musikalischen Einschübe fügen sich nicht zu einem Ganzen. Es fehlt an Raffinesse, Pfiff und Spannung. Nicht gerade günstig bei einem Kriminalstück, selbst wenn es fürs Musiktheater sein soll.

Das Görlitzer Ensemble und die Mitglieder der Neuen Lausitzer Philharmonie unter Leitung von Ulrich Kern liefern verlässlich ab, was von ihnen verlangt wird. Mehr aber können sie nicht tun. Und der regieführende Generalintendant Klaus Arauner, eigentlich immer auf der Suche nach Doppelbödigkeit, nach assoziativen Bildern, er hat hier schon genug damit zu tun, das Auf und Ab der Protagonisten zu organisieren. Dann stehen sie da, reden oder singen und gehen wieder oder es wird dunkel. Wenn ich richtig verstanden habe, wurde einmal gesagt, dass man nur zeigen könne, wie die Welt besser sein könnte. Muss es denn immer gleich die Welt sein? Man könnte ja erst einmal beim Theater anfangen. Oder hätte man es in diesem Falle lieber ganz sein lassen sollen?

In Görlitz aber lässt man sich nicht entmutigen. Die nächste Uraufführung fürs Musiktheater ist bestellt. In der nächsten Saison stirbt ein Banker. Viel mehr war da noch nicht zu erfahren, nur so viel: neue Runde, neue Chance und neues Team.

DroodGame

Also ich bin überhaupt nicht der Meinung, das Stück sei missglückt. Nein, ganz im Gegenteil. Ich kenne das Theater schon seit Jahren und ich weiß, dass sowohl die Sänger als auch die Musiker immer ihr Bestes geben und dies auch hier deutlich wurde. Die Geschichte ist einfallsreich und gut umgesetzt. Außerdem muss man bedenken, dass das Theater seit Jahren mit der Finanzierung zu kämpfen hat, weil es zu wenig Förderungen gibt. Ich meine, ich bin erst 15 und vielleicht ist meine Meinung nicht besonders wichtig , aber dennoch sollte man bei Kritiken sich nicht immer nur auf das Negative beschränken. Das lernt man schon in der Schule, dass eine gute Kritik immer beide Seiten der Medaille betrachtet und hoffe, dass sich trotz dieses Urteils viele Menschen ins Theater Görlitz trauen und sich vom Gegenteil überzeugen lassen. http://www.g-h-t.de/de/Spielplan/?v…


Erwartung vs. Programm

Ich kann mich der Kritik des Autors beim besten Willen nicht anschließen. Es wurde wirklich viel Unterhaltung geboten. An etlichen Stellen konnte ich sogar sehr herzlich lachen. Die Musik war hervorragend ausgewählt und vorgetragen. Zuviel Text mitnichten! Dann gehen Sie einmal in eine Castorf Vorstellung aber selbst dort gehört es einfach dazu. Vielleicht sind Hollywood Blockbuster von der Stange besser geeignet. Wenig Text, viel mehr Erotik und noch schnellere Szenenwechsel, um vom mangelhaften Inhalt abuzulenken - wem es gefällt, bitte, das nächste Kino hat geöffnet. Ich habe jedenfalls großaritge Unterhaltung genossen und verneige mich vor allen Beteiligten, die daran mitgewirkt haben.


Drood Game

Es ist immer ein Wagnis, heute, in einer Zeit, in der schon alles gesagt ist, einer Zeit, die sich immer und wieder neu zu erfinden versucht, eigene Gedanken in die Öffentlichkeit zu bringen.
Eigentlich hat doch die Bibel schon alles erzählt …
Viele Theatermacher der Vergangenheit konnten noch neue Theorien und Dramenkonzepte entwickeln, sich über Aristoteles und die Klassiker hinwegsetzen: Theater im Theater ist spätesten seit Shakespeare bekannt, das epische Theater hat überall seine Einflüsse hinterlassen, Dürrenmatts „Mausefalle“ funktioniert auch nur noch dann, wenn der Zuschauer die Absicht des Dichters nicht schon vorher kennt.
Der ironisch kritische Ton von Herrn Gruhl und der damit verbundenen Totalverriss einer Neuinszenierung lässt vermuten, dass er bessere inhaltliche Ideen hat. Nur behält er sie vorerst für sich.
Ich habe weder während noch nach der Premiere nur Negativmeinungen gehört – im Gegenteil: Zeitbezug, der uns so oft fehlt und die Auseinandersetzung mit der Gegenwart, die uns zeigt: die Charaktere, die Dickens beobachtet und dargestellt hat, haben sich nicht verändert, sie agieren unverändert – nur in einer anderen Zeit.
Gerade für junge Leute ist diese offene Form des Theaters interessant. Sie sind leider oft gelangweilt von tradierten Formen, bekannten Musicals, die sich Oma und Opa immer wieder gern ansehen, Volksopern, …
Sebastian Ripprich erreicht besonders die Menschen, die Dickens nicht aus freien Stücken lesen und zeigt ihnen, wie interessant und aktuell der alte Engländer ist. Auch wenn es nichts Neues ist, was uns die Schauspieler im zweiten, dem aktualisierten Teil sagen, so ist es doch unsere Realität, unsere Gesellschaft, es sind unsere Klischees, die wir so gern pflegen und hochhalten, uns wird der Spiegel vor die Nase gehalten – das ist nicht immer angenehm.
Und das Ende? Es gibt zwei Varianten: eine so unglaubwürdig und unbefriedigend für den Zuschauer wie das andere. Das erste Ende - die Welt kann nicht von Intrigen und Geld regiert - will man nicht wahrhaben, das Happy-End passt erst recht nicht, ein Schlagertext, der den Zuschauer einlullt und wenn dieser es zulässt, ihn zufrieden nach Hause gehen lässt: „Vom Glück ein großes Stück …“
Also Herr Ripprich! Da wussten Sie wohl selbst nicht mehr weiter?
Nein, ich sehe es anders: Ich bin nicht so beschwingt nach Hause gegangen wie nach einem Operettenabend, aber ich habe noch viel über das Stück nachgedacht, darüber gesprochen und es als SPIEL begriffen – man kann nicht auf alles eine Antwort haben und Hut ab vor denen, die heute noch nachdenken und uns an ihren Gedanken teilhaben lassen.
So unterschiedlich und subjektiv ist die Wahrnehmung der Musik, dass ich mir sogar gewünscht hätte, sie im ersten Teil wegzulassen, das Theaterspiel und nicht das Musiktheater in den Vordergrund zu stellen – aber Görlitz bedient nun mal nur die Sparte des Musiktheaters und würde sicher vielfältiger und genrereicher aufführen wollen, wenn die Forderung nach Wirtschaftlichkeit nicht wäre.
Ich freue mich auf das nächste Experiment des Görlitzer Ensembles


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