Zweifel und Gewissheit: Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ in Gera


(nmz) -
Einer von mehreren Themenzyklen, mit denen Generalintendant Kay Kuntze und sein Chefdramaturg Felix Eckerle den kräftig in die überregionale Beobachtung aufsteigenden Spielplan des Theaters Altenburg-Gera überziehen, lautet „Wider das Vergessen“. Am 6. Januar sendete der Deutschlandfunk die Aufzeichnung der hebräischen Kammeropern „Saul in Ein Door“ von Josef Tal und der Uraufführung „Die Jugend Abrahams“ von Michail Gnesin. Bundesweit war das eine der aufwändigsten und wichtigsten Studioproduktionen dieser Spielzeit, jetzt folgt mit Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ in der durchkomponierten Fassung von 1985 ein weiteres ambitioniertes Projekt der kleineren Form „Zum 75. Gedenktag der Widerstandsbewegung“.
12.02.2018 - Von Roland H. Dippel

Ebenfalls auf die Bühne am Park gelangt dieser Klassiker, der neben Rihms „Jakob Lenz“ in den Jahren von Perestroika und Wiedervereinigung in beiden Teilen Deutschlands zum Prototyp der neuen Kammeroper wurde. Diese Inszenierung von „Weiße Rose“ ist überdies eine Hommage zum 75. Geburtstag ihres Komponisten Udo Zimmermann am 6. Oktober 2018.

Unter den Geraer Premierengästen befand sich Götz Schneegaß, Sänger des Hans Scholl zur Uraufführung der ersten Fassung in Schwerin 1968, und erinnerte sich: „Das waren damals 70% Dialoge, 30% Musik“. In der zweiten durchkomponierten Fassung hatte Udo Zimmermann dann alle dramatischen Dialoge und alle Rollen außer den Geschwistern Scholl gestrichen. Durch diese Straffung konzentrierte er 1985 das nun umso mehr beklemmende Werk auf die inneren Vorgänge: Hans und Sophie Scholl nach der Verurteilung durch die Nationalsozialisten, in der Extremsituation des Wartens auf die eigene Hinrichtung am 22. Februar 1943 im Gefängnis München-Stadelheim. Beide eint das Bewusstsein, mit den Flugblatt-Aktionen der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ gegen das Terrorregime im Hauptgebäude der Universität München legitim gehandelt zu haben – und ihre Verzweiflung. Über ihren Todesgedanken kreist die im Text weniger aufscheinende, aber in die Partitur beredt eingewobene Klage über den Verlust der jungen, kaum begonnenen Erwachsenenleben.

Je weniger man szenisch und dekorativ diese siebzig Minuten der sechzehn Szenen mit äußerer Bewegung ergänzt, umso besser. Ronald Winter setzt als visuellen Rahmen ein Eisengitter zwischen den Geschwistern und hinter ihnen zwei weiße Wände, die sich im großen Zwischenspiel, dem einzigen pathetisch auftrumpfenden Moment der Partitur, teilen. Zwei Mitglieder des Thüringer Opernstudios erobern sich die riesigen und durch die erforderliche Sensibilität für die richtige Balance des emotionalen Ausdrucks äußerst schweren Partien. Juliane Stephan zwingt ihnen in ihrer Regie keine weitere szenische Belastung ab, eröffnet den Solisten vor allem einen Pfad durch das riesige Ausdrucksspektrum vom „wachen Herz“ zur „Vision vom Ende“. Bei Emma Moore merkt man das genau stimmige, leichte vokale Flirren hinter dem jungen gesunden Sopran. Das enthebt ihre Sophie Scholl der naheliegenden Verführung, Zimmermanns an Alban Berg geschulte Linien im Übermaß zu veredeln. Florian Neubauer zeigt, dass er viel mehr an Nachdruck und Differenzierung modellieren kann als ein nur perfekt runder Bariton. Diese beiden jungen Sängerdarsteller stellen sich intensiv und kongruent der inneren Dramaturgie, das hört und sieht man in jeder Sekunde.

Akustisch idealer Ort

Für nicht ganz klein besetzte Kammerwerke erweist sich die Geraer Bühne am Park einmal mehr als akustisch idealer Ort. Udo Zimmermanns sehr kantabel gedachte Instrumentation mit ihren wirkungsvollen Gemischen für Harfe, Klavier und Schlagwerk findet in Takahiro Nagasaki einen Dirigenten, der zwischen Rundung und Reibung genau ausbalanciert. Die fünfzehn Musiker aus dem Philharmonischen Orchester Altenburg-Gera sind prächtig disponiert. „Weiße Rose“ erfährt in Gera die Überhöhung zu einem deutschen Requiem mit mehr Traurigkeit als Trost, dem Aufruf zum Widerstand gegen Antihumanität gestern, heute, morgen. Man erlebt keine makellose Überhöhung oder opernhaft posierende Selbstgefälligkeit, sondern eine bewegende Selbstbefragung über Zweifel und letztlich doch Gewissheit.

  • Wieder am So 25.02./18.00 Uhr – Di 06.03./18.00 Uhr – Sa 17.03./19:30 – Sa 24.03./19.30 Uhr, Bühne am Park in Gera (Premiere in Altenburg in der Spielzeit 2018/19)