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Kompositionsauftrag des notabu.ensemble neue musik: Mark-Andreas Schlingensiepen während der Uraufführung von „Supernova – Windy City“ von Hauke Berheide in der Tonhalle Düsseldorf im Oktober 2022. Foto: Susanne Diesner

Kompositionsauftrag des notabu.ensemble neue musik: Mark-Andreas Schlingensiepen während der Uraufführung von „Supernova – Windy City“ von Hauke Berheide in der Tonhalle Düsseldorf im Oktober 2022. Foto: Susanne Diesner

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Er brachte viel Frucht

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Nachruf auf den Dirigenten, Ensemblegründer und Komponisten Mark-Andreas Schlingensiepen
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Ganz sicher gehört es zu den wunderbarsten Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben machen darf, dass ihm die Kunst, dass ihm die Musik zum Lebensinhalt wird. Was zunächst einmal bedeutet, dass sie dann mehr ist. Mehr als das Hobby, das einer hat oder nicht. Mehr als eine Nebensache und sei sie noch so schön. Was es schon eher trifft, ist Passion. Das andere Wort für die Berufung, die das Feuer ist im Beruf, den Berufsausüber bewahrt vor der sprich­wörtlich lähmenden Routine. Womit dann aber auch die Chancen nicht schlecht stehen, die Welt, das Leben ringsum, mit eben diesem Zauber zu beglücken, zu bereichern, mithinein­zureißen. Mark-Andreas Schlingensiepen, der Musiker, der Komponist, der Dirigent, der Ensemblegründer war so ein Mensch. Tiefe Liebe zur Musik ging in ihm zusammen mit starkem Sendungsbewusstsein und dem Händchen, den Elan auch in anderen zu wecken.

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Die Anfänge liegen in Bradford, Nord-England. Dort ist er 1956 als Sohn deutscher Eltern zur Welt gekommen. Der Vater Pas­tor in der deutschsprachigen Gemeinde. 1960 verlegt die Familie den Lebensmittelpunkt nach Berlin, 1969 nach Düsseldorf. Den Alltag der Familie bestimmt Musik. Mark-Andreas lernt Klavier, lernt Horn. Bald zieht es ihn ans Pult, zum Dirigieren, er gründet ein erstes Orchester. 1976 ist Studiumbeginn an der, wie sie später heißen wird, Robert-Schumann-Hochschule. Klavier Max Martin Stein, Dirgieren Wolfgang Trommer. Dann die Begegnung, die dem Musikerdasein Mark-Andreas Schlingensiepens den alles entscheidenden Schub verleihen wird. Günther Becker (1924-2007) tritt in sein Leben. Der Komponist, der Professor für Komposition und Live-Elektronik, steht für den Fingerzeig auf die Gegenwart, auf die Musik der Zeitgenossen und der Generation davor. Sie vor allem sei es, die Anwälte braucht, so Becker. Die Botschaft, der Weckruf finden Gehör. 1983, zu Studium­abschluss, gründet Mark-Andreas noch an der Hochschule ein Ensemble für neue Musik. Bis 1992 bleibt man dort. Dann verselbständigt sich das, nennt sich bald „notabu.ensemble neue musik“.

Die Fäden nach draußen hatte man schon vorher geknüpft. Es ist ein hellsichtiger Tonhalle-Intendant, Peter Girth, der das Ensemble 1985 an das Haus bindet, das von da ab zentraler Wirkungsort bleiben wird. Mit großartigen Programmen. Mit einem Festival „Ohren auf Europa“ beispiels­weise, von dem das Ensemble zehn Ausgaben stemmt. Die Idee: Wechselnde Kuratoren einzuladen, um „auf sich spielen“ zu lassen, heißt, unterschiedliche Sichtweisen aufs Zeitgenössische hörbar zu machen. Und mit der eigenen Konzertreihe, kommt ein neuer Tonfall in eine lange Jahre von elitärem Gehabe geprägte Szene: „Na hör’n Sie mal“. Nicht zu vergessen die andere, von Mark-Andreas gepflegte Leidenschaft, die Stummfilmmusik, was ihm gleich nach dem Studium eine Einladung nach Lugano einträgt. Wobei es nicht bleibt. Über­haupt gäben die Engagements in diesem Musikerdasein ein eigenes Kapitel ab. Gastdirigate führen Schlingensiepen ans Pult zahlreicher europäischer und internationaler Orchester. Die Stilistik entfaltet sich breit. Große Sinfonik, dirigierte Kammermusik, Musiktheater, Silent Movie.

Am Ende, nach 40 Jahren, sind es mehr als 500 Werke, die Mark-Andreas Schlingensiepen allein mit „notabu“ in die Öffentlichkeit gestellt haben wird, praktisch sämtliche Klassiker der neuen Musik, dazu eine unüberschaubar gewordene Zahl von Uraufführungen. Aufgehoben, eingelöst damit ganz nebenbei das Desiderat, das Schlingensiepen zu Anfang seiner Laufbahn erstaunt zur Kenntnis genommen hatte, jene eigentümliche Paradoxie, dass die Musik des 20. Jahr­hunderts da ist und zugleich auch wieder nicht, nicht ange­kommen. Was der Ausgangs­punkt war, der Kairos, das plötzliche Erkenntnismoment, das einen seine Aufgabe erkennen lässt. Mark-Andreas hat sie angenommen. Und zwar mit dem Mut, den Immanuel Kant meinte, der für ihn am Anfang von jedem Großem steht. Hier übersetzt als Neugier auf das Neue. Was erkennbar Charme hat. Einer, den Mark-Andreas in Person verkörperte. Wann immer man ihn traf, mit ihm sprach, war er aufgeschlossen, zugewandt, die Freundlichkeit in Person.

Ein Charakterzug, dem man auch in seinen Kompositionen begegnete. Zum Kunsternst, den Mark-Andreas, wenn er am Pult stand, wie kein Zweiter ausstrahlte, trat zumal hier das Spielerische, zum homo faber kam der homo ludens wie man früher gesagt hätte. Vorgeführt wurde das seinem Publikum, das ihm in den letzten Jahren immer zahlreicher zugewachsen war, noch einmal beim Geburtstagskonzert am 29. April, für das „notabu“ lauter Schlingen­siepen-Kompositionen programmiert hatte. Dirigieren konnte er da schon nicht mehr. Korres­pondieren aber schon. Postwendend kam das PDF mit den Noten. Das bekundete Interesse an seinen Arbeiten hat ihn gefreut.

Da war, da ist dieser Reigen von Fantasiestücken, denen man schon an der Besetzung das Spielerische, das ihm eigen war, anmerkte. »fantaseria« heißt der Zyklus. Stücke um und fürs Toy-Piano, für rezitierende Trommler, sprechende Soprane, Kontrabassflöte, Perkussion, Elektronik und mehr. Andere Werke offenbarten seine Liebe für Italien, die Leichtigkeit des Tages unter südlicher Sonne. „Canto della vita di tutti giorni“ für Horn und Streichquartett, also „Gesang vom alltäglichen Leben“. Und dann war da noch die Arbeit, die eigentlich Wolfgang Rihm hätte schreiben sollen. Ein Stück mit dem ebensosehr passenden wie fragenden Titel „... und dann?“. Wechselnde 12-Ton-Akkorde mit Echo- und Hallbildung. Sehr strukturell. Was Mark-Andreas eben auch verkörperte. Das finale Ensemblewerk „Tanz um das Goldene Kalb“ offenbarte dann zu guter Letzt das Protestantische, das in seiner Familie und ganz sicher in ihm prägend war und blieb. – Für all das Schöne musste er das Pult aber schon dem Kollegen Christoph Maria Wagner überlassen. Zu übermächtig die vor drei Jahren entdeckte Erkrankung. Wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag ist Mark-Andreas Schlingensiepen am 2. Mai im Kreis seiner Familie gestorben.

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