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Chaya Czernowin. Foto: Christopher McIntosh

Chaya Czernowin. Foto: Christopher McIntosh

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„Man muss immer Hoffnung haben“ – Die Komponistin Chaya Czernowin im Portrait

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Die Komponistin Chaya Czernowin ist Porträtkünstlerin bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik. Mit ihren Werken sagt sie Nein auch zur aktuellen israelischen Politik.

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Boston. Sie geht. Schritt für Schritt. Tritt in einem steten Rhythmus auf der Stelle, und doch geht es voran. Das Laufband gibt den Takt der Bewegung vor. Chaya Czernowin mag an diesem hellen Bostoner Morgen nicht länger sitzen. Sie läuft los. Zugleich hört sie genau hin. Gibt erst Antwort, wenn die Frage für sie präzise ist. Will verstehen, sucht den Punkt, der interessant genug ist, um weitergeführt zu werden – zu einem nächsten Punkt. Und so entsteht etwas: ein Gespräch über das beständige Suchen nach etwas Substanziellem, das hinter dem Offensichtlichen liegt. Aufgespürt mit detektivischem Scharfsinn, eingefangen nach einem konzentrierten, unermüdlichen Jagen und immer, immer vollkommen neu und anders.

Chaya Czernowin komponiert. Sie kommuniziert über Klänge, Töne, Tempi. Sie schreibt auf, was sie entdeckt. „Und dann beginnt eine Art Dialog zwischen dem, was auf dem Papier ist, und dem, was ich fühle“, sagt sie. Möglich, dass, was notiert ist, wieder verworfen werden muss; doch vergebliche Mühe war’s nicht. Wie eine Anglerin wirft sie auf der Basis der gewonnenen Erfahrung ihre Rute erneut aus. „Es ist eine konstante Suche nach etwas, was ich hoffentlich noch nicht kenne.“

Ihre Fundsachen teilt sie. Spätestens seit den frühen 1990er Jahren vertritt die 1957 in Haifa geborene und aufgewachsene Künstlerin eine prägende Position in der zeitgenössischen Musik. Ihre Werke sprechen aus der Gegenwart in eine Gegenwart, die aus Vergangenem geworden ist und in die Zukunft weist. Czernowin zeichnet Linien nach, verstärkt sie oder bricht sie, lässt ein Neues entstehen, das tiefer geht, als es der Moment erlaubt. Vielleicht rührt ihre Musik deshalb so an. Sie rüttelt auf, führt an den Rand des Denkbaren, auch des eigentlich Unsagbaren.

Bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik (24. bis 26. April 2026) ist sie als Porträtkomponistin eingeladen. Auf dem Programm stehen überwiegend jüngere Werke. Mit „The Redheaded Man – ,... and then I realized that I am the world, but the world is not me’” stellt sie ein neues Werk vor: „Mein Ausgangspunkt sind drei sehr kurze Texte von Daniil Charms“, sagt sie. Der klarsichtige russische Absurdist (1905-1942) sei im stalinistischen Russland als verrückt beurteilt worden. Er starb in einer psychiatrischen Anstalt, „von den Autoritäten ermordet“. Auf der Basis seiner Texte habe sie „ein imaginäres Narrativ“ entwickelt, „ein bisschen abstrakt“ und mit „sehr viel, dunklem, Humor“. Sie lacht auf und kommt im Interview plötzlich sehr schnell von Stalin zu Trump und dem, „was er braucht, was er will und was er tut, um das zu bekommen“.

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Die in Haifa geborene Komponistin Chaya Czernowin lebt in Boston. Ihre Werke sprechen aus der Gegenwart in eine Gegenwart, die aus Vergangenem geworden ist und in die Zukunft weist. Bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik ist sie in diesem Jahr als Porträtkünstlerin zu Gast. Foto: Christopher McIntosh

Die in Haifa geborene Komponistin Chaya Czernowin lebt in Boston. Ihre Werke sprechen aus der Gegenwart in eine Gegenwart, die aus Vergangenem geworden ist und in die Zukunft weist. Bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik ist sie in diesem Jahr als Porträtkünstlerin zu Gast. Foto: Christopher McIntosh

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Sie sei Israelin und (!) Amerikanerin, betont die Komponistin und lächelt mit einem „Tja“ im Blick. Nach ihrem Studium in Tel Aviv hat sie Israel mit 25 Jahren verlassen, ist nach Berlin gezogen, von dort in die USA, ist viel gereist und doch tief mit dem Land, das ihr Heimat ist, verbunden. „Das ist sehr schmerzhaft für mich, was Israel gerade ist“, sagt sie. Räumlich ist sie weit weg vom Geschehen, emotional aber so dicht dran, dass sie nicht anders kann, als sich zu positionieren. Czernowin sagt in ihren Werken: NEIN!

Sie verweist auf die Programmanmerkungen zu ihrem Stück „the divine thawing of the core“ (2025): „Der Titel entstammt der Beobachtung des politischen Geschehens der letzten schwierigen Jahre – und insbesondere des Wandels, den Israel, mein Heimatland, derzeit durchläuft. Es ist zutiefst erschütternd, die Ereignisse der letzten zwei Jahre zu verfolgen: zu sehen, wie diverse lange im Untergrund schwelende Prozesse – der nunmehr 57 Jahre andauernde Zustand der Besatzung sowie Probleme, die bereits seit der Staatsgründung Israels bestehen – nun gewaltsam ausbrechen und die letzten verbliebenen Reste einer Kultur, die einst noch Hoffnung auf Frieden und die Fähigkeit zur Empathie besaß, mit aller Macht in eine Finsternis aus Wildheit und Brutalität zermahlen – bis hin zum Ausmaß einer ethnischen Säuberung der Palästinenser unter dem Deckmantel der Religion.“

Außerordentlich schätze sie das Engagement israelischer NGOs, die den palästinensischen Hirten im Westjordanland mutig beistünden, um sie vor Übergriffen gewalttätiger Siedler zu schützen, unterstreicht die Künstlerin. Eine Möglichkeit für Frieden – hier wie da wie dort – berge allein die Kommunikation. Auch im Protest kommuniziere sie, und das impliziere letztlich die gewisse Zuversicht. „Man muss immer Hoffnung haben.“

In Witten findet sie Raum, gleich mehrfach gehört zu werden. Auch andernorts wurde und wird ihr Schaffen gerade besonders gewürdigt: beim Musikverein Wien („Komponistin im Fokus“), beim Festival „w e i t ! neue musik weingarten“ (Residenzkünstlerin) sowie beim Hangzhou Contemporary Music Festival in China. Für sie eine Ehre. Und eine Chance.

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