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Michael Christians (Violine) bei "das ist taktlos". Foto: Hufner
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„Es gibt nur das“ – Der Geigenbaumeister

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Auf der Werkbank liegen Schnitzmesser, Hobel und zerknüllte Saiten. Der knarzende Holzdielenboden ist mit Sägespänen bedeckt. Das hölzerne 50er-Jahre-Radio neben der Werkbank ist so groß wie ein alter Röhrenfernseher, aus ihm dringen leise die Töne eines Streichorchesters. „Ich mag einen schönen Klang, und die modernen Radios klingen alle so nach Plastik“, sagt Florian Friedrich Lehmann.

Der Berliner Geigenbaumeister steht an der Werkbank, graue Haare, schwarzes Hemd, grüne Schürze. Draußen vor dem Fenster rattert eine S-Bahn vorbei. Lehmanns Blick schweift über die Geigen, die ringsum an den Wänden hängen. Rund 200 restaurierte Instrumente bietet der 57-Jährige in seiner Werkstatt in Berlin-Mitte zum Verkauf an.

Vorangegangen ist bei den meisten Instrumenten eine aufwendige Reparatur. Zerbrochene Stege, Risse in der Geigendecke, abgeplatzter Lack – solche Schäden machen den Großteil von Lehmanns Arbeit aus. An Aufträgen mangelt es nicht. „Täglich kommen 20 bis 30 Kunden vorbei – und jeder will etwas anderes.“ Sich auf eine Sache zu spezialisieren sei da unmöglich. Reparatur, Klangveredelung, Handel, Verleih und Neubau: „Wir versuchen auf allen Schienen so ein bisschen zu fahren.“ „Wir“, das sind Lehmann und seine Frau Sabine, gelernte Bogenbauerin.

Ein gewöhnliches Wohnhaus nahe des Bahnhofs Friedrichstraße. Das schwarze, blecherne Schild hat die Form eines Geigenkorpus', die Eingangstür ist hölzern. Lehmanns Werkstatt liegt mitten in Berlin, jeden Abend aber setzt sich der Geigenbaumeister ins Auto und fährt hundert Kilometer raus nach Brandenburg, zieht sich zurück in sein Haus am Waldrand. „Da sitze ich abends vor dem Kamin, lese – ich halte mich raus aus dieser schnelldrehenden Welt.“ Eile, Internet, Fernseher – „Ich mache da nicht mit“, sagt Lehmann.

Rund 500 Geigenbauer gibt es in Deutschland. Fast alles sind handwerkliche Kleinstbetriebe wie der der Lehmanns. Im Geigenbau ist alles Handarbeit, die Techniken sind mehrere hundert Jahre alt. „Alle Geigenbauer versuchen die Instrumente immer noch so zu bauen, wie es die großen Italiener getan haben“, sagt Lehmann. Namen wie Stradivari oder Amati stehen bis heute für die unerreichte Kunst der italienischen Meister.

Mit Maschinen kann Lehmann nichts anfangen. „Ich muss auf die Klangeigenschaften des Holzes eingehen.“ Lehmann zieht seine Hobel aus der Schublade, er braucht sie in allen Größen, der Kleinste ist so winzig wie die Kuppe seines kleinen Fingers. Fast das ganze Werkzeug stammt noch von seinem Altmeister, bei dem er vor mehr als 30 Jahren mit der Ausbildung begann und in dessen Werkstatt er bereits als Siebenjähriger ein- und ausging. „Für mich war immer klar: Es gibt nur das.“ Handwerker und Künstler zugleich muss ein Geigenbauer sein, findet Lehmann. Und noch etwas steht für ihn fest: „Ich denke, dass wir einer der wenigen Berufe sind, die auch in 100 oder 200 Jahren noch handwerklich in kleinstem Rahmen arbeiten.“

Lehmann erzählt von dem Holz, das er verarbeitet und das er zuhause in seinem Haus auf dem Schrank im Wohnzimmer lagert. Fichte, Ahorn – auch das Holz hat er von seinem Altmeister geerbt. „Die Hölzer müssen 30, 40 Jahre abgelagert werden, ich kann kein frisches Holz verarbeiten.“ Sonst klinge es nicht, sagt Lehmann. Ausgesuchtes Tonholz müsse es sein, langsam gewachsen mit engen Jahresringen. „Wenn ich ein paar Euro übrig habe, kauf ich auch mal ein schönes Holz, auf dem Hamburger Holzmarkt zum Beispiel.“

Selber verarbeiten wird er es wohl nie. Zum Neubau von Geigen komme er viel zu selten, erzählt Lehmann. Seit fast 30 Jahren ist er Geigenbaumeister, hat in seiner gesamten Laufbahn zehn Geigen gebaut. „Eigentlich habe ich mir zum Ziel gesetzt, jedes Jahr zwei bis drei Instrumente zu fertigen, aber das klappt eben nicht immer.“ Rund 200 Arbeitsstunden stecken in so einer Geige, verteilt über viele Monate.

Die letzten Geigen, die Lehmann gebaut hat, gingen nach Finnland. Zuerst bestellte die Konzertmeisterin eines großen Orchesters, nun ziehen die anderen Musiker nach. Was die Geige koste, hänge davon ab, wie sie klinge und ob er die Erwartungen des Musikers erfülle, erzählt Lehmann. „Wir hatten schon Geigen für 15 000 Euro, aber auch welche für 10 000 oder 6000 Euro.“ Lehmann selbst spielt nur noch selten – vielleicht zu Weihnachten ein paar Lieder. „Ich bin kein Musiker“, sagt er. „Die Geige zum Klingen zu bringen, das ist mein Job. Streichen soll sie der Musiker.“

Auf dem Tisch neben der Werkbank hat Lehmann Papiere ausgebreitet. Abrechnungen, Buchführung. „Am liebsten würde ich eine Sekretärin einstellen, die sich um den ganzen Kram kümmert, aber wir Geigenbauer sind ja alle keine Millionäre“, sagt Lehmann und seufzt. Einfach nur alte Instrumente zum Klingen bringen, sehen, wie der Musiker sich freut, wenn er seine Geige in den Händen hält, das wäre sein Traum.

„Dass man Umsatz machen muss, das ist so 'ne Sache, die nervt an dem Beruf.“ Lehmann tippt auf seinem Laptop, der zwischen alten Hölzern, Werkzeugen, dem alten Radio und den Sägespänen am Boden wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt wirkt. Ihn stören Leute, die Geigen einfach nur verkaufen, weil es ein Geschäft ist. „Ich verkaufe eine Geige gern an einen Musiker, der Vertrauen zu mir hat und meine Arbeit und mein Wissen achtet“, sagt Lehmann. Ein Fremder aus München, der die Geige nur kauft, um sie später an den nächstbesten weiterzuverhökern, bekäme bei ihm kein Instrument.

Die Kundschaft hat sich verändert, sagt Lehmann. „Früher war die Achtung vor meinem Beruf größer.“ Heute kämen die Leute rein, wollten einen Geigenkasten ausprobieren, gingen dann wieder, kauften im Internet. „So wie man zu Media Markt geht, um ein Schnäppchen zu machen, so gehen manche heute auch zum Geigenbauer.“ Diese Schnäppchenmentalität passe nicht zu seinem Beruf, findet Lehmann.

„Da kommen Leute, die eine gut klingende Geige gar nicht unterscheiden können von einer schlechtklingenden, die einfach ein Schnäppchen machen wollen und das so rauskehren.“ Lehmann findet das schade. „Früher war ein schönes, gut klingendes Instrument wichtiger als der Preis.“ Für einen Musiker sei das auch noch immer so.

Dass er einmal keinen Nachfolger finden könnte, macht Lehmann keine Sorgen. Sein Geselle lernt gerade an einer Geigenbauschule in Italien. „Irgendwann wird er zurückkommen und die Werkstatt übernehmen“, sagt Lehmann. An Nachfrage mangelt es ohnehin nicht. „Ich habe jede Woche Anfragen für ein Praktikum oder eine Lehrstelle.“ E-Mails kommen aus der ganzen Welt, Korea, Japan, Russland, gerade eben aus Chile. „Ich muss die alle wegschicken.“

Mit einer Anfrage sei es eben nicht getan. „Wenn jemand zehnmal hier war, und ich merke, dass er es ernst meint, können wir vielleicht drüber reden – sonst ist das Quatsch.“ Sein Geselle ist praktisch in Lehmanns Werkstatt groß geworden, am selben Tag geboren wie sein Sohn. Die Familien lernten sich im Kreißsaal kennen. „Das ist kein Fremder für uns, das würden wir auch nicht machen, das würde niemand machen.“

Die Klingel durchbricht die Stille in der Werkstatt. „Jetzt kommt ein Profimusiker, um seine Geige abzuholen“, sagt Lehmann. Acht Wochen lang hat er das Instrument restauriert, mit einem selbst angesetzten Lack gestrichen, am Klang gefeilt. Dabeisein, wenn der Musiker zum ersten Mal seine Geige anspielt, darf niemand. Lehmann steht auf, geht langsam zur Tür, der Dielenboden knarzt. „Ich hoffe, er ist zufrieden.“

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