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Gute alte Zeit: nmz-Herausgeber Theo Geißler während einer taktlos-Sendung des BR. Foto: Martin Hufner

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„Zeitenwende“ beim ÖRR?

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MDR Klassik transformiert sich ins Digitale – BR Klassik übernimmt Radiosendeplatz
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Wie ein Damoklesschwert hängt der Reformstaatsvertrag seit Dezember 2025 über den Sendern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ziel der Reformen sei es, die Angebote des ÖRR „qualitativ zu stärken“ und dafür „quantitativ zu begrenzen“. Auch und insbesondere die Dritten Programme wurden deshalb verpflichtet, die Palette ihrer linearen Rundfunkangebote auszudünnen – je nach Sendegebiet um bis zu vier Radio­programme.

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Beim Mitteldeutschen Rundfunk traf es nun, wie im Juni bekanntgegeben, den MDR Klassik, zusammen mit der MDR Schlagerwelt und MDR Tweens.

Die MDR Klassik-Hauptabteilungsleiterin Annette Josef veröffentlichte unter dem euphemistischen Titel „MDR stärkt digitale Klassikangebote und baut ARD‑Kooperation mit BR Klassik aus“ eine Pressemitteilung, die nichts Geringeres als das Ende des MDR Klassik in seiner jetzigen Form verkündete. Was hier als „Stärkung des digitalen Angebots“ beschrieben wurde, bedeutet tatsächlich die vollständige Aufgabe des Sendeplatzes im DAB+ Radio und dem damit einhergehenden kontinuierlichen Sendeprogramm. Stattdessen sollen in Zukunft ausgewählte Inhalte über das gebündelte Digitalangebot „ARD Sounds“ verbreitet werden. Die „ausgebaute Kooperation mit BR Klassik“ hingegen meint, dass der ehemalige MDR Klassik-Sendeplatz fortan vom BR übernommen und bespielt wird, sodass BR Klassik künftig als Klassiksender von vier Bundesländern fungieren wird.

Viele relevante Fragen blieben durch die Pressemitteilung im Juni allerdings ungeklärt: Was wird aus den beschäftigten Kulturschaffenden von MDR Klassik – der Redaktion, den langjährig tätigen freien Autor:innen und insbesondere den Musiker:innen des MDR Rundfunkchors und MDR Sinfonieorchesters? Warum wird mit MDR Klassik ausgerechnet ein zentrales Kulturprogramm gestrichen anstatt zum Beispiel ein Unterhaltungssender? Welche kulturpolitischen Implikationen bringt es mit sich, dass Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im Radio künftig zum Bayerischen Rundfunk schalten müssen, um Klassik aus ihrer Region hören zu können?

Durch eine umfangreiche Presseanfrage an den MDR und BR erhielten wir zumindest teilweise Aufklärung.

Digi­­tal durchstarten

Von offizieller Seite aus betont der MDR abermals, man müsse die bevorstehenden Änderungen weniger als Verlust des Klassik-Radiosenders, sondern vielmehr positiv als Transformation der Klassikinhalte hin zu neuen digitalen Ausstrahlungsräumen betrachten, mit denen im Idealfall sogar eine Ausweitung der Zielgruppe einhergehen könnte.

Es werde künftig zwar quantitativ weniger Beiträge geben, als die bisher „vier Stunden moderierte Strecke am Tag“, aber man versuche qualitativ durch den Ausbau neuer Programmformate innovativ nach vorne zu schreiten: „Derzeit entsteht beispielsweise ein neuer True Crime-Podcast aus der Klassikwelt für ARD Crime Time.“ Bezüglich der Sorgen um die Redaktion und Kürzungen der Personalstellen erklärt uns der MDR indes beschwichtigend, man brauche auch künftig für die Aufbereitung und den Transfer der Programminhalte ins Digitale „gut ausgebildete Autor:innen und Redakteur:innen“. Auffällig ist dennoch, dass sich der MDR zu spezifischeren Nachfragen bezüglich Personal- und Budgetkürzungen nicht genauer äußern möchte.

Hinter den Kulissen schien es seit der Ankündigung vom 18. Juni jedenfalls kräftig zu brodeln. Insider aus dem Sender berichteten von einer frustreichen Atmosphäre aufgrund intransparenter interner Kommunikation. Beschäftigte Redakteur:innen wie auch langjährig zuarbeitende freie Autor:innen bekamen zentrale Informationen über die Zukunft des MDR Klassik – und damit auch ihres eigenen Arbeitsplatzes – erst über öffentliche Pressemitteilungen, ohne zu wissen, ob sie nur Monate später überhaupt noch Teil der neuen, transformierten Redaktion sein würden.

Die Personal- und Budgetfragen hören derweil nicht bei der Redaktion auf. An den Sendeapparat von MDR Klassik sind die hauseigenen Klangkörper – MDR Rundfunkchor und MDR Sinfonieorchester – strukturell angebunden; das Radioprogramm stellte für sie stets das zentrale Ausstrahlungsorgan dar. Was passiert nach dem 12. Oktober mit diesen Klangkörpern und den dort beschäftigten Musiker:innen?

Auch hier gibt die MDR-Pressestelle vorsichtige Entwarnung; man möchte das Volumen an Audio-Mitschnitten auf einem vergleichbaren Niveau halten. Eine weitere Formulierung bezüglich des Inhalts künftiger Musikproduktionen lässt allerdings aufhorchen: „Im Bereich der Produktionen konzentrieren wir uns auf solche, die für unsere digitalen Ausspielwege geeignet sind.“ Welche Produktionen aus dem klassischen Musikbereich wären nicht für die digitalen Ausspielwege geeignet? Wonach wird künftig diese „Eignung“ entschieden? Möglicherweise über Klickzahlen oder gar darüber, wie gut die Inhalte als Social-Media-taugliche Hochformat-Kurzvideos verarbeitet werden können?

BR Klassik bis hoch zur Ostsee

Der mit dem 12. Oktober vakant werdende Sendeplatz DAB+ von MDR Klassik soll fortan von BR Klassik bespielt werden. Umgekehrt soll der nun in Mitteldeutschland sendende Bayerische Rundfunk die dortige klassische Musik­landschaft ins Programm aufnehmen und abbilden.

Konkret vereinbart und bestätigt durch beide Sender ist, dass man künftig für das BR Klassik-Programm die Sendung „Bach-Kanal mit Michael Maul und Bernhard Schrammek“ und das halbstündige „Orgelmagazin“ von der MDR-Redaktion zuspielen lasse, einzelne Konzertmitschnitte mitteldeutscher Ensembles sende und Beiträge für die hauseigenen Formate „Allegro“ und „Leporello“ von der MDR-Redaktion einholen werde.

Um dafür Sendezeiten bereitzustellen, müsse BR Klassik in Zukunft auf das „Forum Alte Musik“ im Programm verzichten, auf dessen Platz nun der „Bach-Kanal“ rückt. Bezüglich eigener finanzieller Ressourcen und Personal erklärt der BR: „Weder Etat noch Personal wurden verlagert, es entstehen keinerlei zusätzliche Kosten.“

Was die Übernahme – oder besser: Übergabe – des Sendeplatzes angeht, so sind sich beide Sender einig, dass dieser Schritt nur folgerichtig ist, da „MDR Klassik und BR Klassik die einzigen Radiosender der ARD mit einer durchgängigen Klassikfarbe“ seien. Dies bedeutet in der Konsequenz allerdings auch, dass es bei der ARD fortan nur noch einen einzigen solchen Radiosender mit „durchgängiger Klassikfarbe“ geben wird – einen einzigen öffentlich-rechtlichen Klassiksender für ganz Deutschland.

Die einstige Vielfalt an regionalen „Dritten Sendern“ sollte ursprünglich auch der Festigung föderaler demokratischer Strukturen und medialer Pluralität dienen und damit ein Gegenmodell zum einheitlichen „Großdeutschen Rundfunk“ des NS-Regimes etablieren. Ob dieser Zweck regionaler Programme nun ausgedient hat?

Der MDR verspricht, ohne großen Verlust an inhaltlicher Tiefe neue Zielgruppen und Ausstrahlungsräume zu erschließen und dabei obendrein Ressourcen einzusparen; der BR erwartet durch die Übernahme des Sendeplatzes und einiger Inhalte von MDR Klassik eine signifikant wachsende überregionale Abdeckung ohne Anstieg an Aufwand oder Kosten. Ein Win-Win für alle Beteiligten also?

Erst die Zeit wird zeigen, ob der jetzt vollzogene Einschnitt durch den Reformstaatsvertrag tatsächlich zur erhofften „dornigen Chance“ für MDR Klassik wird, oder der Sender durch den Verlust seines linearen Radioprogramms gänzlich in der Versenkung verschwindet – und mit ihm ein wichtiges Standbein der mitteldeutschen Kulturrepräsentation.

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