Schluss mit der ewigen Flugangst von Musikern und Musikerinnen! Darf ich mein Instrument mit in die Kabine nehmen? Kann ich den Platz neben mir fürs Cello buchen? Was ist, wenn mein wertvolles Instrument zu groß fürs Handgepäck ist? Muss ich bestimmte Steuern und Gebühren zusätzlich zahlen?
Bei „Geigenbau Goldfuss“ in Regensburg gehen Tradition und Innovation Hand in Hand: 2005 entwickelte Thomas Goldfuss einen neuartigen Cellosteg, der unter dem Titel „Premio“ patentrechtlich geschützt ist. Foto: Susanne van Loon
Verachtet mir die Meister nicht
Diese Fragen sind Vergangenheit: Wichtige Verbesserungen für reisende Musikerinnen und Musiker konnte jetzt die internationale Musikergewerkschaft (FIM) erreichen. Europa fängt jedoch für den Musiker und die Musikerin nicht erst bei der internationalen Konzerttournee an, das wird heute vor dem Hintergrund der volatilen weltwirtschaftlichen Lage immer deutlicher. Die Musik mit internationaler Ausstrahlung beginnt bereits im eigenen Land, bei den Zentren des Instrumentenbaus in Mittenwald, Nürnberg, Fürth, Markneukirchen, Klingenthal, Detmold, Berlin, Braunschweig oder Gärtringen. Vor diesem Hintergrund muss man auch die Gründung des Verbands der European Soundmakers – Musical Instrument Confederation im Jahr 2025 sehen. Er vereint nationale Fachverbände aus Tschechien, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien sowie Hersteller, Händler und das traditionelle Handwerk, um der Branche auf EU-Ebene eine starke Lobby zu geben.
Der Markt für Musikinstrumente in Europa erzielte 2025 einen Umsatz von etwa 5 Milliarden Euro. Prognosen zufolge soll das Marktvolumen weiter wachsen und bis 2029 auf 7 Milliarden Euro ansteigen. Die Hauptabsatzmärkte für deutsche Instrumente befinden sich primär in Europa, wobei Frankreich, das Vereinigte Königreich, Österreich, die Schweiz, die Niederlande, Polen und Spanien die stärksten Handelspartner sind. Darüber hinaus spielen die USA sowie wichtige asiatische Märkte, insbesondere China und Japan eine zentrale Rolle. Der deutsche Musikinstrumentenbau exportiert Instrumente im Wert von ungefähr einer Milliarde Euro. Die Importe lagen im gleichen Zeitraum bei rund 842 Millionen Euro: Deutschland verzeichnet hier also einen Handelsbilanzüberschuss.
Doch die Zukunft trübt sich ein: Der größte Exportmarkt ist nach wie vor China, protektionistische Maßnahmen sowie ein Technologiertransfer im Bereich der industriellen Produktion lassen nur noch Instrumenten eine Marktchance, die auf höchstem handwerklichem Niveau gefertigt werden. Dazu kommt eine nicht geklärte Zollpolitik in den USA – auch wenn jetzt die ersten Zölle wieder zurückgezahlt werden müssen –, steigende Ölpreise durch die Schließung der Straße von Hormus und der Russisch-ukrainische Krieg in Europa. Dadurch fallen wichtige Märkte für deutsche Instrumentenhersteller weg. (Quelle: Offizielle Statistik des grenzüberschreitenden Warenverkehrs, miz.org)
Rund 1.200 Unternehmen befassen sich in Deutschland mit dem Bau von Musikinstrumenten. Was ist die Kunstfertigkeit der handwerklichen Musikinstrumentenbauer heute noch wert? Welche Chancen bieten sich musikinteressierten Schulabgängern in einem nicht-digitalen Berufsfeld unter Berücksichtigung der angespannten Marktlage?
Die Boomer gehen in Rente, doch der Arbeitsmarkt entspannt sich dadurch nicht automatisch. Im Gegenteil, die Krisen unserer Zeit verschärfen die Situation: Herausforderungen, denen sich die Deutschen Musikinstrumentenbauer heute stellen müssen, sind Betriebsnachfolge, Fachkräftemangel, Nachwuchsgewinnung, Berufsschulstandorte, Meister- und Gesellenausbildung, Musikalische Bildung, Digitalisierung, regulatorische Anforderungen, die Zukunft des stationären Handels oder auch die zunehmende Spezialisierung von Unternehmen.
Prinzip Innovation
Im Gegensatz zu dem atemberaubenden Tempo bei der Erfindung elektronischer und digitaler Instrumente galt im klassischen Instrumentenbau lange: Ein Klavier ist ein Klavier, eine Geige eine Geige und eine Flöte eine Flöte. Innovationen beim Instrumentarium eines Sinfonieorchesters wurden zuletzt in vergangenen Jahrhunderten gemacht – ein Vorurteil, denn Innovationen sind Alltag im Instrumentenbau. Hier nur einige Beispiele: In Europa war die Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart das erste Ausbildungsinstitut, das über einen Flügel mit einer Oktavbreite von 6.0 Zoll verfügte. Seit 2020 widmet sich die „Zukunftsinitiative SIRIUS 6.0“ der HMDK Stuttgart erfolgreich der Verbreitung und Weiterentwicklung von Klaviaturen mit verkleinerter Mensur, deren Tastenbreite statt der Norm von 6.5 Zoll (zirka 16,5 cm) nur noch 6 Zoll (zirka 15,2 cm) beträgt.
Silent-Instrumente beflügeln den Klavierbau, die Piezotechnologie und MIDI-Pickups verbinden mittels Sensoren Gitarren oder Violinen direkt mit Synthesizern, Effektgeräten oder Computern. Die Werkstoffe Carbonfaser und alternative Hölzer befreien die Hersteller aus der Abhängigkeit von Einfuhrbeschränkungen. Echtzeit-Stimmmechaniken bei Gitarren, verbesserte Klappensysteme bei Klarinetten finden breiten Anklang – die Liste der Innovationen wird täglich länger.
Moderne Instrumente sind schlichtweg besser als die alten, die eine oder andere Geige von Guarneri ausgenommen. Und auch diese ist nur deshalb so kostbar und heutzutage noch spielbar, weil Jahrhunderte an meisterlichem Geigenbauwissen inklusive Service drinstecken. Der Bedarf an Reparaturen wird im Fachhandel auch in Zukunft da sein, ja steigen. Hier schließt sich der Kreis zu den Erfahrungen der Musikinstrumentenindustrie, die maßgeblich für den hohen Stellenwert des deutschen dualen Ausbildungssystems war. Die Industrie wusste stets: Sie fertigt zwar die Produkte, aber für die Endpflege und eine lange Lebensdauer braucht es Service. Es nützt niemandem etwas, einen tollen Flügel – sei es ein Fazioli, ein Bechstein oder ein anderes Spitzeninstrument – zu besitzen, wenn es beim Kunden vor Ort nicht gepflegt und gewartet wird. Wenn diese Unternehmen heute schrumpfen und nicht mehr in gewohnter Stärke ausbilden, bricht das System weg. Das spürt die Branche bereits massiv an den zurückgehenden Schülerzahlen: Ziel muss es sein, auch kleinere Betriebe und Manufakturen zu unterstützen, damit sie ihre handwerkliche Qualität durch guten Nachwuchs sichern können. Um hier neue Lösungswege zu finden, müssen Hersteller, Bundesinnungsverband für das Musikinstrumenten-Handwerk und Berufsfachschulen künftig noch enger zusammenarbeiten.
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