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Prof. Dr. Martin Andree bei der Keynote „Digital Uprise – How to reclaim the internet from Big Tech“. Foto: Rainer Nonnenmann

Prof. Dr. Martin Andree bei der Keynote „Digital Uprise – How to reclaim the internet from Big Tech“. Foto: Rainer Nonnenmann

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„We are suckt by all these monopolies!“ – Fragen, Analysen, Appelle und Modelle bei der dritten Kölner „AI Music Conference“

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„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, schrieb Friedrich Hölderlin 1803 in seiner Hymne „Pathmos“. Die Zuversicht des Dichters verhinderte indes nicht, dass er wenig später die restlichen 36 Jahre seines Lebens in mehr oder minder selbst gewählter Gefangenschaft im Tübinger Turm verbrachte. Das Bild des Käfigs diente nun auch bei der dritten „AI Music Conference“ als Metapher für den Eingang des Menschen in selbst verschuldete Unmündigkeit.

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Veranstaltet von SoundTrack_Cologne (Leiter Michael P. Aust) und Landesmusikrat NRW (Geschäftsführer Robert von Zahn) gab es einen Tag lang parallel in drei Räumen der Comedia Theater Köln verschiedene Vorträge, Gesprächsrunden, Präsentationen und Workshops über Anwendungen und Auswirkungen künstlicher Intelligenz in Komposition, Produktion, Film, Musikindustrie, Wissenschaft, Verbänden und Politik.

Der Professor für digitale Medien Martin Andree veranschaulichte, dass das Internet inzwischen 60 Prozent der gesamten weltweit auf Medien gerichteten Aufmerksamkeit erhält, während sich alle anderen Medien die restlichen 40 Prozent teilen. In einem Koordinatensystem zeigte der Medienwissenschaftler die Verteilung der Gesamtnutzungsdauer Sozialer Medien in Deutschland (gemessen in Millionen Stunden) auf diverse Anbieter. Verblüffend am Schaubild war, dass es überhaupt keine Verteilungskurve erkennen ließ. Weil die fünf größten Plattformen Google, YouTube, Meta, Whatsapp und ChatGPT bis zu 90 Prozent der Internetzeit aller Nutzer okkupieren, ist deren Ausschlag mit der nach oben offenen y-Achse identisch, während die abertausenden übrigen Anbieter nicht über die Messbarkeitsgrenze bzw. Nulllinie der horizontalen x-Achse hinausreichen. Andrees Fazit: „We are suckt by all these monopolies!“

Grave Yard versus Hotspot

Die „Big Five“ verstärken ihre ohnehin schon erdrückende Dominanz zusätzlich, indem ihre KI-Tools auf die gigantischen Mengen an Bildern, Texten und Musik zugreifen, die Milliarden von Usern bei ihnen hochgeladen haben, ohne dafür honoriert zu werden. Zu dieser Massenenteignung geistigen Eigentums kommt dann auch noch der Profit aus dem Verkauf all dieser Contents. Diese perverse Win-Win-Situation ist nur möglich, weil der Zugang zu Musik nicht über die Webseiten der einzelnen Musikschaffenden erfolgt, sondern nahezu ausschließlich über die von den Plattformen generierten Playlists. Und diese fluten die Konzerne inzwischen immer mehr mit KI-generierter Musik, damit sie demnächst überhaupt keinem Musikschaffenden mehr irgendwelche Anteile am Profit abtreten müssen.

Weil diese Mechanismen so deutlich sind, sieht Martin Andree die Chance, die Marktmacht der Major-Plattformen ganz einfach dadurch zu brechen, dass man zu anderen Anbietern wechselt oder neue Plattformen gründet, bei denen die Urheber am erzielten Gewinn angemessen beteiligt werden, statt sie mit zehn oder weniger Prozent der kapitalisierten Aufmerksamkeit abzuspeisen. „Wir können weiter im Käfig bleiben, heulen und klagen, aber wir sind frei, diese Plattformen zu verlassen.“ Das Rezept klingt simpel und revolutionär. Das Problem ist nur, dass niemand als „Walking Dead“ auf dem riesigen „Grave Yard“ der Unbemerkten liegen möchte, sondern alle auf die Hotspots der wenigen Digital-Giganten drängeln.

Fake versus Music

Dystopisch wirkte auch das von Francisco Tigre Moura gezeigte Szenarium. Erste KI-Startups habe es bereits seit 2012 gegeben, als man noch die Hoffnung hegte, es würde bald mehr Anbieter geben, so dass die wenigen Gatekeeper zurückgedrängt und die Kreativität und Einnahmen der Musikschaffenden gestärkt würden. Dass es anders kam, hatte zuvor Martin Andree demonstriert. 2025 waren 10 Prozent aller hochgeladenen Inhalte KI-generiert, im April 2026 waren es bereits 44 Prozent. Allein die Plattform Deezer bietet 120 Millionen Songs und verbucht täglich 75.000 neue KI-generierte Uploads. Darunter sind immer mehr Deepfakes von Bands und Popgrößen, deren Musik unrechtmäßig für diese Plagiate genutzt wurde. Umfragen bei über fünfzigtausend Usern zeigen, dass diese solche „Artificial Creativity“ positiv aufnehmen, was die Gewinnmargen nach oben treibt und die Konzerne veranlasst, noch mehr von dem Zeug zu produzieren.

Bei dieser rücksichtslosen Monetarisierung bleiben ästhetische und ethische Werte komplett auf der Strecke. Für den Professor für Marketing an der IU University of Applied Science in Bad Honnef steht daher fest: „It’s only a money game“, das zu immer stärkerer Homogenisierung führt. Die mit populären Songs trainierte KI produziert ähnliche Ergebnisse, deren Streamings von Algorithmen ausgewertet werden, damit von den am häufigsten angeklickten Tracks dann noch mehr generiert und dabei immer häufiger auf zuvor bereits durch KI generierte Musik zurückgegriffen wird. Moura ist überzeugt: „Wir verlieren unsere Stimme. Schon jetzt reagieren Musikschaffende auf KI-generierte Musik und können 90 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer nicht unterscheiden, ob Musik von Menschen oder Maschinen gemacht wurde, und letztlich ist ihnen das auch egal.“ Der Zirkel von Produktion, Konsumption, Evaluation und erneuter Produktion schließt sich bei diesem „Money making scheme“. Dennoch hegt der Markt- und Konsumforscher die zarte Hoffnung, der KI-Hype führe irgendwann zu Übersättigung und Skepsis gegenüber den fatalen Auswirkungen auf Gesellschaft, Kultur, Klima und zu einer neuen Wertschätzung von Seltenem, Rarem, Individuellem, Selbstgemachtem.

GEMA versus Suno

All diese Einschätzungen, Befürchtungen und Hoffnungen sind nicht neu. Von anderen wurden sie so ähnlich auch schon bei den vorherigen AI Music Conferences 2024 und 2025 oder anderswo geäußert. Doch diesmal wurden sie eindrücklich mit wissenschaftlich erhobenen Zahlen und Evaluationen belegt. Bekannt sind auch die Positionen der GEMA. Michael Duderstädt unterstrich als deren „Direktor Politische Kommunikation“ einmal mehr den ökonomischen Schaden, den generative Musik-KI anrichtet. Inzwischen sehen 71 Prozent der Mitglieder der Verwertungsgesellschaft ihre wirtschaftliche Basis gefährdet. Entgegen Andrees Appell, die Plattformen zu verlassen, möchte die GEMA deren KI-generierte Musik für Kaufhaus, Club, Internetradio, U-Bahnen oder Zuhause pauschal lizensieren. Denn frei nach dem Lebensmittelhinweis „Kann Spuren von Erdnüssen enthalten“ basiert alle KI-generierte Musik mehr oder minder auf von Menschen gemachter Musik, mit der die KI trainiert und gepromptet wurde.

Vor dem Landgericht München klagt die GEMA aktuell gegen den US-amerikanischen KI-Anbieter Suno, weil das Unternehmen urheberrechtlich geschützte Aufnahmen bekannter Songs von GEMA-Mitgliedern zu Trainingszwecken verwendet, gespeichert und über sein KI-Tool wiedergegeben hat. Dies ist das erste Verfahren in Europa über die Nutzung von Audioinhalten durch KI-Unternehmen. Einen früheren Prozess gegen die unzulässige Nutzung von Songtexten durch OpenAI hatte die GEMA bereits im November 2025 gewonnen. Duderstädt fordert von der Politik die Gültigkeit von EU-Recht auch für US-Konzerne, ferner die Verpflichtung zu Transparenz und proaktiver Meldung der für und von KIs genutzten Inhalte, sowie angemessene Gewinnbeteiligung aller Eigentümer der Urheber- und Nutzungsrechte. All das wurde auch schon bei der Konferenz vor zwei Jahren vom GEMA-Aufsichtsratsmitglied Matthias Hornschuh gefordert. Nun versicherte auch die Präsidentin der European Composer & Songwriter Alliance (ECSA) Helienne Lindvall, sich für diese Ziele einzusetzen. Die Politik der gegenwärtigen US-Administration habe inzwischen die EU aufgeweckt, sich verstärkt um den Schutz von europäischen Kulturen und Rechten von Kunst- und Musikschaffenden gegenüber amerikanischen Tech-Giganten zu kümmern. Das Bekenntnis der Songwriterin, „Wir sind nicht gegen KI, sondern gegen deren nicht-lizensierten Gebrauch“, ist rhetorisch pointiert, bleibt in der Sache aber unverbindlich, denn die Schwierigkeiten liegen wie immer im Detail.

Mensch versus Maschine

Copyright ist komplex sowie in Deutschland, der EU und den USA anders. Das Landgericht München stellte fest, dass Copyright „technologie-neutral“ sei, also gleichermaßen für alle möglichen Verwertungs-, Ab- und Ausspielwege gelte. Zudem ist das deutsche Urheberrecht an natürliche Personen gebunden, kann also nicht für Maschinen reklamiert werden. Doch diese juristische Klärung wirft weitere Probleme auf. Welche Rechte erwerben Nutzer einer KI-Maschine, die durch aufwändiges Prompten Songs generieren? Gemäß dem Urteil des Bayerischen Gerichts kann dafür kein Copyright beansprucht werden. Der Anwalt für Geistiges Eigentum und Wettbewerbsrecht Dennis Engbrink von der Berliner Kanzlei Zirngibl bekräftigte daher, wie wichtig es ist, dass reale Menschen als Urheber agieren und firmieren und bei der Durchsetzung ihrer Rechte von Verwertungsgesellschaften vertreten werden. Doch wie will man zweifelsfrei nachweisen, dass eine Musik wirklich ohne KI entstand, wenn die Unterscheidung von KI-generierter und menschengemachter Musik immer schwieriger wird, gerade bei angewandter Musik für Film, Medien, Werbung?

Moderator Anselm Kreutzer spielte in der Gesprächsrunde „Rights Attribution for AI Works“ den Advocatus diaboli, indem er darauf verwies, dass Musikschaffende nicht voraussetzungslos arbeiten, sondern ihre Fähigkeit und Inspiration auch der Kenntnis der Musik anderer verdanken, so dass sich ihre Stücke nicht prinzipiell von KI-generierten unterscheiden. Zudem würden viele Musikschaffende selbst KI-Tools zur Hervorbringung von Musik nutzen. Bei der Frage der Ausschüttungsmodalität und Verteilungsgerechtigkeit folgte der freischaffende Komponist für Fernsehen, Film und Werbung der Linie des gegenwärtigen GEMA-Vorstands: „Kommen wir in einen Ausschüttungs-Kommunismus, wenn alle gleichermaßen bedacht werden, deren Content bei YouTube oder Spotify präsent ist? Oder sollten nicht auch Reichweiten nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage vergütet werden?“ Indem bei der GEMA fortan ausschließlich das Inkasso der Quantitäten von Aufführungen, Besuchszahlen, Sendungen, Clicks und Streams zählt, werden unterschiedliche Qualität, Dauer, Besetzung und Arbeitsaufwand der Stücke ebenso übergangen wie die solidarische Verantwortung des besserverdienenden Mainstreams für die Förderung von Nischen, Innovation, Experiment und Nachwuchs.

Empathie versus Robotik

Praktische Workshops bot die Konferenz zu den audiovisuellen Tools Delphos.ai und Mirelo AI. Etwas vage blieb die Vorstellung des im März 2026 gegründeten „NRW Kompetenznetzwerks K3 KI.Kunst.Kultur“, dessen Geschäftsstelle an der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität angesiedelt ist. Etwas beliebig geriet auch die Präsentation „KI als Sparingpartner für Instrumental- und Gesangslehrkräfte“ der Musikpädagogin Kerstin Weuthen von der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. Sie machte Vorschläge zur Nutzung von KI für Unterrichtsvorbereitung, Optimierung von Unterrichtsplänen, Ideengeber, Materialfundus sowie die Generierung netter Comics zur Begleitung von Klavierunterricht für Kinder. Die Antwort von ChatGPT auf die Frage, was ein Gitarrenlehrer mit einem zwölfjährigen Schüler machen solle, der mutmaßlich seit drei Wochen nicht mehr geübt hat, hätte jeder einigermaßen erfahrene Pädagoge ebenso geben können und auf der Grundlage persönlicher Kenntnis des Schülers gleich empathisch umgesetzt.

In der anschließenden Diskussion stellte Thomas Hanz heraus, dass der unterfinanzierte Bereich der Musik- und Instrumentalpädagogik durch KI die bestmögliche Expertise aus Pädagogik, Entwicklungspsychologie, Methodik, Rhythmusvermittlung und Motivationstraining bekommen könne. Als Beispiel nannte der Referent für Digitalisierung beim Landesverband der Musikschulen in NRW einen Schüler, der beim häuslichen Üben durch KI dazu ermahnt werden könne, ein Stück nicht schneller als im Tempo 104 zu spielen. Antje Valentin wies dies entschieden als „Robotisierung“ des Musikunterrichts zurück, weil es in dieser oder jener Verfassung für den Schüler vielleicht gerade richtig sei, das Stück schneller zu spielen und dabei die Erfahrung zu machen, dass er es in diesem Tempo nicht kann und erst langsamer üben muss. Zudem unterstrich die Generalsekretärin des Deutschen Musikrats, dass Musizieren immer mit Leiblichkeit, Haptik, Atmosphäre, Befindlichkeit und menschlichem Miteinander verbunden sei. Schließlich plädierte die Musik- und Medienwissenschaftlerin Anna Schürmer von der FU Berlin für den künstlerischen Umgang mit der Fehler- und Sprunghaftigkeit von KI, um aus den Positiv-Feedback-Schleifen und Standardisierungen von ChatGPT, Gemini und Konsorten auszubrechen.

Kant versus KI

Studierende der HfMT Köln präsentierten Tools zu interaktiver Klanggenerierung, die sie unter Anleitung des Professors für digitale Innovation Florian Hollerweger auf der Basis von Ableton, Audacity und OpenVINO entwickelt hatten. Dieses spielerische Erkunden von Möglichkeiten war insgesamt symptomatisch für den offenen Umgang mit KI, der im Vergleich mit der AI Music Conference von vor zwei Jahren entspannter wirkte. Dieses Mal ging es weniger euphorisch-messianisch beziehungsweise alarmistisch-apokalyptisch zu, sondern eher faktenbasiert und sachlich, ohne größere Hysterie. Gleichwohl blieben viele Stellungnahmen und markige Ansagen letztlich unverbindlich, vorläufig und nicht zu Ende gedacht, was angesichts der komplexen und permanent sich wandelnden Gemengelage auch kaum anders sein kann.

Bei der finalen Gesprächsrunde fragte Moderator Martin Villinger nach der „Haltung“, die man heute gegenüber KI einnehmen könne, solle, müsse. Philipp Bojahr, Postdoc am Cologne Game Lab (CGL) der TH Köln, fragte zurück: „Wir sind alle im Tsunami der KI-Entwicklungen. Welche Haltung sollte man einnehmen, wo sich alles so schnell verändert?“ Florian Hollerweger plädierte für künstlerische Autonomie: „Als Künstler und Menschen sollen wir nicht nur reagieren, sondern müssen wir selbst agieren. Das kann auch heißen, keine durch Big Data trainierte KI zu nutzen, sondern nur durch eigene Musik gespeiste Programme.“ Anna Schürmer wendete die Frage nach der KI zu einem Appell, sich als Mensch selbst zu befragen: Wer ist man, welche Ressourcen nutzt man, welche Privilegien genießt man, welche Zugänge zu Wissen hat man, und welche Verantwortung erwächst einem daraus? So konfrontiert uns die KI letztlich mit den ebenso alten wie stets aktuellen und wohl nie abschließend zu beantwortenden Kardinalsfragen von Immanuel Kant: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Und: Was ist der Mensch?“

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