24 Jahre Kontinuität

Tonkünstlerfest Sachsen-Anhalt mit dem 22. Jugend-Kompositionswettbewerb Sachsen-Anhalt


(nmz) -
Als wären die bewegenden Themen des Herbstes 2015 lange vorauszusehen gewesen, war bei der Programmplanung des Tonkünstlerfestes Sachsen- Anhalt als Motto aus Luigi Nonos „Intolleranza“ vom Jahr 1960 der Spruch gewählt worden: „Lebendig ist, wer wach bleibt und sich anderen schenkt, das Beste gibt, niemals rechnet ...“. Zugleich sollte damit auch des 25. Todestags des Komponisten gedacht werden. Darüber hinaus erweist sich die Thematik auch 55 Jahre nach Entstehung des komplexen Werkes mit seiner Brecht`schen Botschaft „An die Nachgeborenen“ in ihrer Komplexität als höchst aktuell.
Ein Artikel von Rüdiger Pfeiffer

Das Festival-Team um die Landesvorsitzende Dr. Sigrid Hansen hatte im polyästhetischen Sinn die Einbeziehung verschiedener Genres wie Tanz, Chor, Sprache vorgesehen. Die langfristige Planung musste jedoch leider durch eine unerwartet einschneidende Kürzung der Landesfördermittel selektiert werden und konnte im letzten Moment nur durch zusätzliche Hilfe mit Fördermitteln der Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt, einen immensen Organisationsaufwand sowie das Verständnis aller Beteiligten im Kern des Toleranzgedankens aufgefangen werden.

So zog sich der Gedanke der Toleranz durch das Programm des 24. Tonkünstlerfestes Sachsen-Anhalt vom 20. bis 27. November 2015. Die Schirmherrschaft hatte der Präsident des Deutschen Tonkünsterverbandes (DTKV) Cornelius Hauptmann übernommen. In seinem Grußwort – nachzulesen im informativen Programmheft der Festtage von Sigrid und Kerstin Hansen – zieht er die Traditionslinie von der Vergänglichkeit kompositorischer Aktualität zur interpretatorischen Präsenz „alter“ und „neuer“ Musik und wirbt gleichermaßen für Toleranz, die sich zur Akzeptanz entwickeln solle.

Diesem großen bewegenden Gedanken und ihrer Tragweite waren die Musikwerke im Programm des 24. Tonkünstlerfestes Sachsen-Anhalt thematisch verbunden. Wie es seit Anbeginn der Tonkünstlerfeste Sachsen-Anhalt Usus ist, konnte wieder eine Reihe Uraufführungen von Werken sachsen-anhaltischer Komponisten realisiert werden.

Mit dem dreisätzigen Flötenkonzert D-Dur op. 25 von Stojan Stojantschew, dem 2015 verstorbenen langjährigen musikalischen Leiter des Magdeburger Puppentheaters und der Komponistenklasse an der Bezirksmusikschule Magdeburg sowie Mitbegründer des Tonkünstlerverbands Sachsen-Anhalt, hob das Eröffnungskonzert an. Brillante Ton-Eskapaden und rhythmische Vitalität des apollinisch heiteren Werkes wurden von der Solistin Iglika Christine Verständig ebenso gemeistert wie die volksliedhafte Intonation des langsamen Satzes. Einfühlsam begleitet wurde die Tochter des Komponisten von der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie unter Leitung des jungen Dirigenten Andreas Schulz.

Die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie, das „Hausorchester“ des Salzlandkreises in Sachsen-Anhalt, entwickelte sich unter der künstlerischen Leitung von Stefanos Tsialis, Christian Simonis und Gerard Oskamp zu einem bewährten Klangkörper neuer Musik und zum Festspielorchester der Tonkünstlerfeste Sachsen-Anhalt. Am Pult stand diesmal Gastdirigent Andreas Schulz, 1982 in Alma-Ata geboren und auch als gefeierter Pianist auf den internationalen Podien zu Hause. Er hatte sich in die kompositorischen Verlaufsstrukturen der aufgeführten Werke eingelesen und vermochte es, sie im Orchesterkolorit der Instrumentengruppen aufklingen zu lassen. Besonders intensiv war in der Probenzeit die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Peter Petkow (geb. 1950), der sich für die Uraufführung dieses Abends selbst an Klavier und Synthesizer für ebenso klangfärbende wie solistische Passagen ins Orchester setzte.

Inspiriert von Luigi Nonos „Intolleranza“ (1960), war es ihm ein Anliegen, Toleranz zu musikalisieren und mit den Mitteln stilistischer Klangkombinatorik verschiedener Musikrichtungen aufzuzeigen, dass ein Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen heutzutage nicht nur möglich, sondern erforderlich sei. Aus diesem Grund erscheint der Titel auch in der internationalen Kunstsprache des Esperanto: „Tolero“. Klassische Orchesteranklänge kommunizieren mit Reihentechniken, freier Tonalität, elektronischer Klangwandlung und Balkan- Rhythmik sowie Orgelklang, um sich anzuverwandeln, anzupassen und zu einer akustischen Einheit zu verschmelzen.

Etwas sphinxhaft scheinen im Titel der Komposition von Jens Klimek (geb. 1984) die geografischen Koordinaten „60 Grad, 1 Minute, 25 Sekunden nördlicher Breite und 10 Grad, 14 Minuten, 53 Sekunden östlicher Länge“ auf. Der aus Magdeburg stammende und am Landes-Gymnasium für Musik Wernigerode geschulte und nunmehr lehrende junge Komponist, Pädagoge sowie Chor- und Ensembleleiter ist bereits auch international gefragt. Mit seinem Werk, dessen Koordinaten die kleine Insel Utøya vor der norwegischen Küste ortet, auf der Anders Breivik wahllos Jugendliche erschoss, und das hier eine Wiederaufführung durch die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie erfuhr, setzt er ein Mahnmal gegen „animalische Grausamkeit, die im Menschen zutage treten kann, wenn Fanatismus und Ideologie sich verbinden“ (Programmheft). Unterschiedliche musikalisch extreme Ebenen werden klanglich symbolisiert: Höhe gegen Tiefe, Starre gegen Bewegung, Dröhnen gegen Stille – eine sehr nachdenkliche Klangartikulation, die betroffen machte, ehe der Beifall einsetzte.

Mit einer weiteren äußerst konzentrierten strukturellen Arbeit leitete das Eröffnungskonzert des 24. Tonkünstlerfestes Sachsen-Anhalt in die Nacht: „Piccola musica notturna“ (1954) von Luigi Dallapiccola. Es erklang die Kammermusik-Fassung dieses auf Mozarts „Kleine Nachtmusik“ anspielenden Werkes auf der Grundidee der lyrischen Verse „Noche de Verano“ von Antonio Machado, mit dem Dallapiccola seine Synthese heteronomer und musikimmanent autonomer Parameter aufklingen lässt. Das Publikum feierte ein Eröffnungskonzert, das mit seinem dramaturgischen Bogen ebenso überzeugte wie mit den musizierten Werken und der künstlerischen Interpretation durch die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie.

In Zusammenarbeit mit den Komponistenklassen in Sachsen-Anhalt ist die Förderung junger kompositorischer Begabungen eine besondere Herzensangelegenheit des Tonkünstlerverbands Sachsen-Anhalt und stellt jedes Mal eine neue Herausforderung dar. Gemeinsam mit dem Musikalischen Kompetenzzentrum Sachsen-Anhalt im Fachbereich Kunst und Kultur der Landeshauptstadt Magdeburg, dem Konservatorium „Georg Philipp Telemann“ Magdeburg und dem k.o.m. Musikverlag konnte im Rahmen des 24. Tonkünstlerfestes Sachsen-Anhalt der 22. Jugend-Kompositions-Wettbewerb ausgetragen werden. In diesem Jahr war die Ausschreibung für Vokal-Bariton, Oboe, Horn in F, Violine, Viola, Violoncello und Klavier in beliebiger Besetzung vom Duo bis zum Septett erfolgt.

Im Konzertsaal des Konservatoriums „Georg Philipp Telemann“ Magdeburg hatte das Ensemble Sinfonietta Dresden Platz genommen, um nach der Begrüßung durch Bernhard Schneyer den Dirigenten, Komponisten und Leiter der Komponistenklasse Sachsen- Anhalt unter der Leitung von Uwe Zimmermann das vom Ensemble gekürte Werk „Kompass“ von Leonora Schlünz zu musizieren. Dieser gelungenen musikalischen Eröffnung folgten ausgewählte Werke aus dem Jahreskonzert der Komponistenklasse Sachsen-Anhalt und die preisgekrönten Werke aus den Einsendungen der Jugendlichen. Sie wurden jeweils von einem der Juroren Charlotte Seither, Thomas König, Klaus-Dieter Kopf, Peter Petkow sowie Frank Helfrich und Sigrid Hansen mit tieferlotenden Ausführungen vorgestellt. Bei den eingesandten Musikstücken zeigte sich neben einer weitgefächerten Spannbreite diesmal auch eine wesentlich stärkere Differenzierung von Innovation, Kreativität und Stagnation in den verwendeten kompositorischen Techniken und stilistischen Mitteln. Insbesondere in der vorzüglichen Interpretation durch die fabelhaften Musiker und Musikerinnen des Ensembles Sinfonietta Dresden wurde bei aller Heterogenität der gekürten Werke die Freude der jungen Komponisten und Komponistinnen am Musikmachen deutlich. Neben den ersten drei Preisen für Ole Jena (19 Jahre, Dresden), Maike Androsch (18 Jahre, Naumburg) und Theodor Striese (15 Jahre, Wernigerode) gab es noch zwei weitere Preise.

Der verstorbene Komponist, Musiker, Verleger und langjährige Geschäftsführer des Deutschen Tonkünstlerverbandes Klaus Obermayer hatte sich für die Initiierung des Jugend-Kompositionswettbewerbs mit ganzem Herzen engagiert und hatte angeregt, dass der Hauptpreis mit der Besonderheit verbunden sein soll, das Musikwerk als Verlagsedition in Druckfassung herauszubringen. So gab es 2015 den k.o.m. Verlagspreis aus der Hand des Verlegers Frank Helfrich an den 17-jährigen Carl-Frederik Zeh aus Halle. Den Klaus- Obermayer-Förderpreis überreichte Irmela Obermayer an den sechs Jahre jüngeren Bruder Max Ferdinand Zeh aus Halle.

Seit Einstellung der Musikausbildung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg dünnt insbesondere der Norden Sachsen-Anhalts an Musiklehrern und Musikpädagogen verstärkt aus. Um so höher ist das Engagement der verbleibenden Musik-, Instrumental- und Gesangspädagogen zu schätzen. In der „Wiege Brandenburgs und Preußens“ waren nach der deutschen Wiedervereinigung als erste das Konzertorchester Salzwedel aufgelöst und am Theater der Altmark Stendal die Musiksparte abgeschafft worden.

Seit einigen Jahren gibt es den Kinder- und Jugend-Wettbewerb „Neue Musik für die Altmark“, den das engagierte Musikpädagogen-Ehepaar Christine und Jens-Peter Dossin, zugleich Mitglieder des erweiterten Landesvorstandes des Tonkünstlerverbandes, mit Unterstützung ortsansässiger Förderer ins Leben gerufen hat. Im Konzertsaal der Kreismusikschule des Altmarkkreises, die sich im restaurierten Gebäudekomplex des hochherrschaftlichen Geburtshauses von Jenny von Westphalen, spätere Ehefrau von Karl Marx, in der Hansestadt Salzwedel befindet, fand das Schüler-, Lehrerund zugleich Preisträger-Konzert des 4. Wettbewerbs „Neue Musik für die Altmark“ statt. Dabei stellten sich die jüngsten Musikanten ebenso vor wie die Teilnehmer bei „Jugend musiziert“ und ließen ihr beachtliches Niveau hören. Die 9-jährige Maria Dossin begeisterte als Preisträgerin mit einer eigenen Komposition, die sie – begleitet von der Gitarre – selbst auf der Violine vortrug: „An der schönen grünen Jeetze“. In diese Matinee brachte sich auch DTKVMitglied Dorothea Schuffenhauer ein, die 2016 auf 25 erfolgreiche Jahre Privat- Musikschule in Sachsen-Anhalt zurückblicken kann.

Eines der berührendsten Konzerte am Vorabend des Totensonntags führte in die Kathedralkirche St. Sebastian Magdeburg. Auf der Empore der hervorragend disponierten Eule-Orgel hatten drei exzellente Improvisationspartner Aufstellung genommen: Am Orgeltisch Matthais Mück und neben dem Rückpositiv Warnfried Altmann (Saxophon und Maultrommel) sowie Wilfried Staufenbiel (Violoncello und Gesang). Von oben senkten sich archaisch anmutende Klänge in das Kirchenschiff, formten sich zu alt-kirchlichem Gesang, mutierten beim Wandeln vom Westportal zur Vierung, erhielten Kontur, vermischten und verflüchtigten sich wieder, griffen außereuropäische Intonationen auf, um zurück auf der Orgelempore zu einem mächtigen Hymnus anzuheben … klangintensive Reflexionen der aktuellen Situation von Bedrohung und Krieg, Flucht und (In-) Toleranz.

Mit einem fulminanten Abschlusskonzert klang das 24. Tonkünstlerfest Sachsen-Anhalt im Schinkelsaal des Magdeburger Gesellschaftshauses aus. Das modern art ensemble stellte Komponisten aus Sachsen-Anhalt in den Werke-Kontext von Arnold Schönberg und Luigi Nono. Bernhard Schneyers (geb. 1968) „Vorwärts“ von 1991 gewährte in der Überarbeitung von 2015 einen Rückblick auf das eigene Anfangsschaffen und die Auseinandersetzung des Komponisten mit der Entwicklung der eigenen Schaffensästhetik, dem Tempo des Lebens und dem Zeitgefühl.

Zwei Uraufführungen hatte das modern art ensemble für diesen Abend einstudiert. Klaus-Dieter Kopf (geb. 1941), einer der Nestoren der Magdeburger Komponistenszene und Mitbegründer sowie langjähriger Leiter der Komponistenklasse, experimentiert und lässt in seiner „Fantasie für Violine und Klavier“ „unterschiedliche Triebkräfte aufeinandertreffen. So werden Grenzen in verschiedenen Bereichen gebildet“ (K.D. Kopf).

Der 1962 in Halle (Saale) geborene Komponist und Pianist Axel Gebhardt nahm für sein neues Werk die aktuelle Entdeckung des fernen erdähnlichen Planteten „Kepler-452b“ im Sommer 2015 zum Anlass, musikalische Unschärfen und Verschwimmungen, Schärfen und Fokussierungen bei Annäherungen zur Betrachtung eines Objektes zu musikalisieren.

All den hohen Ansprüchen an die Ensemble- Interpretation gab das modern art ensemble in herausragender Weise klangliche Gestalt. Aus dem hinteren Zuschauerraum musizierten Peter Rainer und Jean-Claude Velin Luigi Nonos suchendes Vermächtnis „Hay que caminar“ sognando für zwei Violinen mit höchster Klangsensibilität.

Ein großartiges Meisterwerk der klassischen Moderne erklang zum Abschluss der Festtage. Die Sängerin Anna Clementi betrat das Podest, um anschließend mehr zu sprechen als zu singen. Das Ensemble setzte mit den ersten Tönen ein und schon war das Publikum fasziniert in den Bann dieser vehementen, künstlerischen Interpretation gezogen: Nicht enden wollender Applaus für die überragende Darbietung des „Pierrot lunaire“ von Arnold Schönberg un das 24. Tonkünstlerfest Sachsen-Anhalt.

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