Abenteuerliche Zustände im Paradies

„Adventure“– eine Kooperation von HfMT Köln und Ensemble Musikfabrik


(nmz) -
Kompositionsstudierende schreiben Musik für bis zu sechzehn Instrumente und wissen schon im Voraus, dass ihre Werke dann auch tatsächlich gewissenhaft einstudiert und bestmöglich aufgeführt werden, und zwar von Spitzeninterpreten. Wo gibt es denn so etwas? Nur im Traum oder einem musikalischen Schlaraffenland?
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Üblicherweise fahnden junge Komponistinnen und Komponisten dies- und jenseits des Hochschulalltags Hände ringend nach Interpreten, die dann mit mehr oder weniger Begeisterung und spieltechnischem Können manche Aufführungen eher wie Kompromisse zwischen künstlerisch Gewolltem und interpretatorisch Machbarem erscheinen lassen. Geradezu paradiesische Proben- und Aufführungsbedingungen beschert nun aber „Adventure“, die neue Kooperation zwischen dem Institut für Neue Musik der Hochschule für Musik und Tanz Köln und dem Solistenensembles für neue Musik Musikfabrik. Finanziert wird die im Sommersemester 2019 gestartete Veranstaltung für zunächst fünf Jahre vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Ausgearbeitet haben die Partnerschaft Michael Beil, Leiter des Instituts und Professor für Elektronische Komposition der Hochschule, und Thomas Fichter, Intendant der 2003 in Köln ansässigen Musikfabrik.

„Wir wollen uns nicht in die pädagogischen Aktivitäten der Hochschule einmischen“, so Fichter, „sondern eine Zusammenarbeit auf künstlerischer Ebene. Die Förderung durch das Land setzt uns jetzt in die Lage, den Kompositionsklassen der Hochschule pro Jahr zwanzig Projekttage mit allen sechzehn Mitgliedern der Musikfabrik zur Verfügung zu stellen. Dieses Kontingent können wir ganz flexibel handhaben, also zu verschiedenen Zeiten auch ganz unterschiedliche Besetzungen für Solisten oder Kammermusik auswählen, auch Elektronik und Video einsetzen. Wir wollen mit den Studierenden experimentieren und gemeinsam Dinge entwickeln, die man nicht im üblichen Projektrahmen von drei bis fünf Tagen Probe und dann Konzert leisten kann.“

In der neuen Kooperation gehen bereits bestehende Zusammenarbeiten zwischen Ensemble und Hochschule auf, namentlich die seit 2008 gelaufene Reihe „Departure“ für instrumental-elektronische Arbeiten sowie die Serie „Composer Collider“, bei welcher die Musikfabrik seit 2013 mit sämtlichen Kompositionsklassen der vier Musikhochschulen in NRW zusammenarbeitete. Darüber hinaus sind einzelne Musiker des Ensembles zusätzlich durch Lehraufträge mit der Kölner Hochschule verbunden, seit 2013 Oboist Peter Veale und erst jüngst Schlagzeuger Dirk Rothbrust. „Insofern ist ,Adventureʻ das“, so Michael Beil , „was wir schon hatten, nur noch toller. Alles läuft jetzt unter einem Namen und die bisherige Trennung von elektronischer und instrumentaler Musik ist überwunden. Wir möchten von Seiten der Hochschule unterstreichen, dass die Klassen endlich durchlässig sind und wir keinen Unterschied mehr machen zwischen rein medialen und rein instrumentalen Projekten. Darin sehe ich einen ganz großen Schritt nach vorne. Außerdem sollen die Studierenden über den Gesamtablauf und die visuellen und performativen Aspekte eines Konzerts nachdenken und ihre Überlegungen dann umsetzen können.“

Flexibler Umgang

Michael Beil betont die Vorteile des flexiblen Umgangs mit den zwanzig Musikertagen: „Wir können entweder weniger Proben mit dem kompletten Ensemble oder viele Proben mit kleineren Besetzungen machen, je nachdem was die Studierenden wünschen. Es ist eine tolle Erfahrung für die jungen Komponistinnen und Komponisten, dass sie von den Musikern lernen und auf deren Feedback mit langem Vorlauf reagieren können. Die Musiker der Musikfabrik sind sehr engagiert, auch tolerant. Wenn in den Partituren Mal etwas nicht so gut gelungen ist, dann wird ein Auge zugedrückt und trotzdem gut gespielt. Wir haben nun in den drei Kompositionsklassen die tolle Chance, vier Jahre vorauszuplanen und neue Formate zu versuchen, mehr performativ oder installativ, oder die Studierenden möchten für Streichquartett oder Blechbläser schreiben. Wir können in drei, vier Jahren auch ein großes Projekt mit mehreren Musiktheaterminiaturen planen und dann mit komplettem Ensemble die Opernmaschinerie im Konzertsaal der Hochschule einsetzen.“

Die ersten beiden Projektphasen von „Adventure“ fanden im Juni 2019 statt, mit den Dirigenten Clement Power und Elias Peter Brown sowie dreizehn Kompositionsstudierende aus den Klassen von Michael Beil, Brigitta Muntendorf und Markus Hechtle. Letzterer hat seinen Lehrauftrag an der Kölner Hochschule inzwischen aufgegeben. Seit dem Wintersemester 2019/20 ist dafür Miroskav Srnka mit einer neuen Kompositionsklasse dabei. Die intensiv geprobten und dann in zwei höchst diversen Konzerten uraufgeführten Stücke hatten alle eine andere Besetzungen vom Solo über Kammermusik bis zum vollen Ensemble, nutzten teils auch Gesang, Elektronik, Licht, Video, Bewegungen und räumliche Dispositionen. Etliche Videodokumentationen davon sind inzwischen auf YouTube zu sehen. Das nächste Konzert „Adventure #3“ mit sechs Uraufführungen findet am 20. Dezember statt.

In Tuchfühlung mit der Jugend bleiben

Das Altern von Ensembles und deren Mitglieder lässt oft auch die von ihnen aufgeführten Komponisten altern, so dass die Formationen Gefahr laufen, irgendwann die Tuchfühlung mit jüngeren Entwicklungen zu verlieren. Die 1990 gegründete Musikfabrik verabreicht sich nun mit „Adventure“ eine Verjüngungskur. Intendant Thomas Fichter verfolgt dabei eine langfristige Absicht: „Unser erster Kooperationsvertrag mit der Hochschule ist für fünf Jahre abgeschlossen, aber wir hoffen, dass es danach weitergeht. Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung als Musiker, dass Kontakte, die man jung knüpft, ein Leben lang halten. Und ich rechne damit, dass die Verbindungen, die jetzt zwischen der Musikfabrik und der jetzt jungen Komponistengeneration geknüpft werden, langfristig wirken, und zwar gegenseitig. Die Komponisten bekommen optimale Bedingungen für ihre Stücke,  und dadurch auch gespiegelt, wie gut oder schlecht diese gerade sind, woran also gegebenenfalls noch gearbeitet werden muss. Die Studierenden können sich für die Dauer ihres Studiums in Köln ein Projekt für die Zusammenarbeit mit dem Ensemble ausdenken. Und für das Ensemble werden diese Kontakte langfristig sehr wichtig.“

Außerhalb der Hochschule ist die selbstverantwortliche Organisation von Konzerten, Terminen, Räumen, Technik, Werbung unerlässlich. Könnte die exquisite Zusammenarbeit mit der Musikfabrik den Kölner Kompositionsstudierenden nun wichtige Erfahrungen in diesen praktischen Belangen vorenthalten? Michael Beil teilt solche Bedenken nicht: „Pro Semester werden voraussichtlich sechs Studierende an ,Adventureʻ teilnehmen können. Wir haben in allen drei Klassen aber 25 Kompositionsstudierende. Das heißt, jeder wird in seinem Studium auf jeden Fall einmal die Chance haben, mit der Musikfabrik zu arbeiten. Darüber hinaus gibt es in der Hochschule aber noch viele andere Projekte, bei denen Kompositions- und Instrumentalstudierende zusammentreffen.“

Auch Thomas Fichter bekräftigt: „Die zwischen Studenten entstehenden Verbindungen sind selbstverständlich genauso wichtig. Wir hatten auch bei den bisherigen Proben- und Konzertphasen Instrumentalstudierende im Ensemble dabei.“ Ideal wäre es, die neue Kooperation auch dafür zu nutzen, innerhalb der Hochschule Brücken zu anderen Fachbereichen zu schlagen, insbesondere zur Musikpädagogik. Chancen hierfür sieht Michael Beil: „Wir bieten an der Hochschule schon seit mehreren Jahren die Möglichkeit, auch im Lehramtsstudium Komposition zu studieren, doch bisher hatten wir hierfür nur eine einzige Bewerbung. Das spiegelt den Handlungsbedarf wider, mehr junge Menschen im Studium und auch schon während der Schulzeit intensiv mit neuer Musik in Berührung zu bringen, etwa wenn sie zu Proben, Konzerten, Informationsveranstaltungen kommen. Auch dafür kann jetzt ,Adventure­‘ sorgen.“

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