Ach, wir kennen uns wenig

Kein Deutschkurs ohne Lied: Flüchtlingsgedanken und Kultur


(nmz) -
„Ach! wir kennen uns wenig“. Wohl wahr, Herr Hölderlin. Ach, wir lernen wer wir sind. Wohl wahr, Frau Merkel. Wir, die Bürger eines der reichsten Länder der Erde, wir, die guten, hässlichen, klugen, dumpfbackigen, sozialen, asozialen, weltoffenen, rassistischen, rationalen und emotionalen, herzlosen, empathischen, gedankenreichen und kulturlosen Gesellen, wir, die Deutschen. Beim Thema Flüchtlinge finden wir uns in diesen Tagen wieder in Strudeln von Informationen und Emotionen, von gutem und schlechtem Gewissen, von Unsicherheit, Ablehnung, Hass, Misstrauen, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft. Wie den kühlen Kopf zurückgewinnen?
Ein Artikel von Irmgard Merkt

Erstaunlicherweise helfen Statistiken. Bestimmte Zahlen finden recht selten den Weg in die Öffentlichkeit: Im Jahr 2012 sind nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes 1.080.936 Personen nach Deutschland gezogen. Davon waren fast 90 Prozent ausländische Menschen (965.908 Personen). Demgegenüber haben 711.992 Menschen Deutschland verlassen. Bei dieser Wanderungsbewegung beträgt der Anteil der ausländischen Menschen 81,3 Prozent (578.759 Personen). 2014 sind übrigens 914.000 Menschen wieder fortgezogen. Hätten Sie das gedacht? Dass gar nicht alle bleiben wollen? Ja, es kommen deutlich mehr als gehen, aber es bleiben längst nicht so viele Menschen da, wie medienmäßig gefühlt. Wen könnte eine Information wie diese entlasten? Nun, all diejenigen, die doch gelegentlich von einem Unbehagen beschlichen werden, wie das nun alles und auf die Dauer weitergehen soll. 

Ja, diesmal ist es anders. Diesmal ist Vieles anders, weil es in der Tat so Viele sind. Anders ist, dass nun die Stimmen lauter werden, die in früheren Jahren zwar immer da, aber leiser waren: Flucht und Vertreibung ist ein Thema, das uns nicht kalt lässt. Die Generation unserer Großeltern hat nicht selten am eigenen Leib erfahren müssen, was es bedeutet, heimatlos zu sein. Eine Willkommenskultur zu fördern ist uns eine Herzensangelegenheit. So das Netzwerk Flüchtlingshilfe Donauwörth. Die „Tagesschau“ verbreitet auf einer eigenen Internetseite Integration von Flüchtlingen – Gute Ideen, bundesweit Informationen über Projekte, an denen sich beteiligen kann, wer mag.

Willkommens-Kultur

Immer häufiger tauchen im Kontext zivilgesellschaftlicher Hilfsangebote auch kulturelle Aktivitäten auf. Integration durch Musik, Abbau von Berührungsängsten durch Theater. Das Bundespolizeiorchester spielt für Flüchtlinge, die Musikschule Bochum sucht Trommeln für ein Flüchtlingsprojekt. Der Verein Zuflucht Kultur e.V. hat prominente Mitstreiterinnen wie Cornelia Lanz und hat bereits die zweite Mozartoper – Zaide – inszeniert, mit aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Nigeria geflohenen Künstlerinnen und Künstlern. So wurde „unsere“ Musikkultur noch nie aufgeführt: Jede Rolle dreifach besetzt und interpretiert, der Orchesterklang um die persische Oud und ein Harmonium ergänzt, das – letztlich als koloniales Erbe – in der orientalischen Musik benutzt wird. Andernorts sind Rockmusik und Hip Hop, Tanzkurs und Disco im Angebot.

Viele der in früheren Jahren nach Deutschland als Arbeitsmigranten oder Flüchtlinge gekommenen Menschen werden jetzt zum Hilfs-Motor: Sie sprechen die Sprache der Flüchtlinge, haben diverse Behörden-Prozesse durchlaufen, kennen sich in Deutschland aus, kennen die Gedanken- und Gefühlswelt der Ankommenden. Sie kennen die „Codes“ zweier oder mehrerer Länder und den „Code“ der Migration. Die Künstlerinnen und Künstler unter ihnen kennen sehr oft auch die „Codes“ zweier Musikkulturen. Haben sie in ihren Ländern eine musikalische Ausbildung durchlaufen, kennen und lieben sie oftmals auch „unsere“ Musik.

Im Sendesaal Bremen fand jüngst das Gründungskonzert des Syrian Expat Philharmonic Orchestra statt. „Das ist eine ganz wichtige Initiative, die unbedingt unterstützt werden muss. Es hat in Damaskus ein recht gutes Sinfonieorchester gegeben und viele der Musiker irren nun in Europa umher und haben kaum Gelegenheit, ihre Instrumente weiter zu spielen. Ihnen die Möglichkeit zu geben, ihren Beruf weiter auszuüben und anerkannt zu werden, ist ganz, ganz wichtig!“ So Björn Luley, ehemals Leiter des Goethe-Instituts in Damaskus. (Siehe hierzu auch den Bericht auf Seite 4.)

Kulturförderung bekommt nun eine ganz neue Dimension. Kommt erst das Fressen, dann die Moral? Kommt erst das Quartier, dann die Kultur? Dass Stadtkämmerer die Krise bekommen, wenn sie Kultur statt Quartier finanzieren sollen, leuchtet unmittelbar ein. Besser also: Wie funktionieren Quartier und Kultur? Es ist wie immer: Die eine Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Grundsatzantworten gibt es schon, zum Beispiel in Form des Textes des Deutschen Kulturrats von 2010: „Lernorte interkultureller Bildung im vorschulischen und schulischen Kontext“.

Betroffenheitslyrik vermeiden

Vor dem Hintergrund eines solchen Grundsatztextes muss jeder Empfänger öffentlicher Gelder die Frage beantworten können: Wie hältst Du’s mit der Interkultur? Als Antwort bitte keine Ausreden und keine Betroffenheitslyrik. Sondern a) pragmatische Anwendung künstlerischer Elemente in der sprachlichen und allgemein-gesellschaftlichen Sozialisation derer, die jetzt kommen. Das meint zum Beispiel kein Deutschkurs ohne Lied, Gedicht und Rollenspiel. Und b) künstlerisch-facettenreiche Auseinandersetzung mit Themen, die alle etwas angehen. Schicksal. Macht und Ohnmacht. Recht und Unrecht. Opfer und Täter. Sicherheit und Unsicherheit. Nähe und Distanz. Glück. Schönheit. Wunder. Die künstlerische Auseinandersetzung mit solchen und anderen relevanten Themen hat Menschen in allen Kulturen und zu jeder Zeit klüger gemacht und gestärkt. Warum sollte dies gerade jetzt in diesem Land nicht gelingen?

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