Aktionismus

Absolute Beginners 2022/03


(nmz) -
Eine meiner größten Sorgen zu Beginn der Pandemie war, dass meinen Studierenden weniger Möglichkeiten zur Verfügung stehen würden, um ihre Musik aufzuführen oder die diversen Studienmöglichkeiten zu nutzen, die so wichtig für Komponierende am Anfang ihrer Laufbahn sind. 2020 und 2021 war es auch so – Konzert- und Projektabsagen gab es zuhauf und ich versuchte wie viele andere Kolleginnen und Kollegen die Studentenschaft mittels Zoom-Unterricht und Online-Seminaren bei der Stange zu halten. Pandemiebedingt wurden Klassenkonzerte kurzerhand zu Internetprojekten umgewandelt und es entstanden zahlreiche Kompositionen für Video- und Streaming Formate.
Ein Artikel von Moritz Eggert

2022 aber wandelt sich das Bild zunehmend. Statt einer Unterforderung entsteht zunehmend eine Überforderung. Jede Woche werde ich überschüttet mit kurzfristigen Projektanfragen, geradezu verzweifelt werden junge Studierende gesucht für Aufgaben aller Art: Bühnenmusiken, Jingles für Podcasts wie auch richtige Kompositionsaufgaben. Den Terminkalender meiner Studierenden zu managen ist inzwischen ein Fulltime-Job, ständig muss ich Buch führen, wer jetzt gerade wieder wo eingeteilt ist und wann jeweils Musik fertig sein muss. Wenn ich unterrichte, reicht die Stunde oft nicht aus, um durch alle aktuellen Themen durchzugehen, daher muss ich regelmäßig Partituren per E-Mail durchschauen oder telefonische Beratung bieten.

Für mich als Komponisten sieht es ähnlich aus: Kompositionen, die erst einmal nur tentativ angefragt waren, werden in kürzester Zeit konkret und müssen plötzlich innerhalb der nächsten Monate fertig werden. Mein Terminkalender füllt sich plötzlich und unerbittlich so schnell, dass ich schon selbst den Überblick verliere. Und wenn man dann einem Auftraggeber sagt, dass man das jetzt so kurzfristig nicht mehr schafft, bettelt er einen händeringend an, dass man es doch dieses Jahr auf jeden Fall versuchen sollte, denn das wäre ganz, ganz wichtig!

Um diese skurrile Situation in Zeiten der täglichen Konzertabsagen und großen Ungewissheit über die Zukunft zu verstehen, muss man einen Blick auf das föderale Förderungssystem werfen, von dem nicht nur zeitgenössische Musik seit den Nachkriegsjahren komplett abhängig ist. Förderungen werden immer in Jahreszyklen vergeben. Eine Förderung kann nur abgerufen werden, wenn das beantragte Projekt tatsächlich stattfindet, ansonsten entfällt die Förderung komplett. Das erklärt, warum im Moment gerade gegen Jahresende immer eine besondere Hektik entsteht, die wegen Corona verschobenen Projekte doch noch irgendwie stattfinden zu lassen. Dass dann einiges vielleicht nur mit einer Handykamera unter dem Weihnachtsbaum gestreamt wird, mag also nicht überraschen.

Aber es ist noch komplizierter: Oft muss eine bestimmte Förderung abgearbeitet werden, damit die nächste beantragt werden kann. Wird also das zuletzt beantragte und wegen Corona verschobene Projekt nicht rechtzeitig fertig, kann das nächste Projekt gar nicht erst beantragt werden.

Den öffentlichen Institutionen wie zum Beispiel Opernhäusern geht es ähnlich – da in den Corona-Jahren tatsächlich Geld eingespart wurde wegen ausfallender Aufführungen muss jetzt viel Geld ausgegeben werden, damit man im Folgejahr dasselbe Budget be­willigt bekommt. Das erklärt die Zunahme von sehr kurzfristigen Aufträgen vor allem für Jugendopern an junge Komponierende, die im Moment überall vergeben werden.

Natürlich wäre ich der letzte, der dies meinen Studierenden nicht gönnt. Lieber haben sie zu viel zu tun als zu wenig, das ist vollkommen klar. Ich bin trotzdem beunruhigt. Warum?

Weil hinter dem momentan rein systemischen Aktionismus ein großes Fragezeichen steht, was die Jahre nach Corona angeht.

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