Akustische Schwebstoffe

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Robin Hoffmann ist in allen erdenklichen Spielformen zeitgenössischer Musikkunst zu Hause und bringt dabei nicht selten „Dinge“ in völlig neue, überraschende Zusammenhänge. +++ Der litauische Komponist Vykintas Baltakas verbindet in seinen Stücken diverse Verfahren elektronischer Musik mit elaborierten Instrumentaltexturen. +++ Clara Iannottas Streichquartette gehörten zu den bemerkenswertesten Kompositionen beim Ultraschallfestival 2020. Jetzt sind sie, einem Zyklus gleich, im Rahmen der Edition zeitgenössische Musik erschienen.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Robin Hoffmann ist in allen erdenklichen Spielformen zeitgenössischer Musikkunst zu Hause und bringt dabei nicht selten „Dinge“ in völlig neue, überraschende Zusammenhänge. Die „Dinge im Radio“ geben einen Einblick in Hoffmanns elektroakustische Kompositionen, allesamt radiophone Auftragswerke des Hessischen Rundfunks. Die „Schlundharfe“ (2013/14) verkörpert ein imaginäres orales Rieseninstrument aus „25 chromatisch gestimmten Maultrommeln, ergänzt durch Atem-, Mund- und Rachenlaute“, das tief in die Mundhöhle abtaucht, um dort unter Einsatz elektronischer Transformationen so manch „unsichtbares Wesen“ zu entdecken bzw. überhaupt erst zu erschaffen. Zum Beispiel rudimentäre rhythmische oder melodische Gebilde oder Augenblicke des Absurden, die in diesem „Über-Mund“ einfach passieren: „So erscheinen bei der Absicht zu gestalten anarchisch heitere Momente des Un-Komponierbaren.“(Hoffmann)  Die Soundcollage „Maschinensingen“ (2009/10) war Teil der Gemeinschaftsarbeit „Dreimal Fulda Mit Ohne“ (mit Annesley Black) und ging zurück auf intensive Stadterkundungen, deren akustische Mitbringsel Hoffmann zu hybriden Räumen schichtete. Dinge der Jagd hingegen verselbständigen sich in „Waidmanns Ruf und Widerhall“ (2017/18), genauer gesagt eine illustre Sammlung von Vogelpfeifen und Wildlockern, die sich zu hochfrequenten Trugbildern von Naturlaut und Elektronik zusammenrotten. Dazu gibt es Texte von Tieck, Ferdinand Maximilian Klinger und aus dem Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Schräg. (Thorofon)

Der litauische Komponist Vykintas Baltakas verbindet in seinen Stücken diverse Verfahren elektronischer Musik mit elaborierten Instrumentaltexturen. „Lift to Dubai“ für Ensemble und Elektronik (2009) beginnt wie der Titel es verheißt: im Aufzug des Burj Al Arab Hotels („wow. oh ist das cool“), bevor die ersten Kontrabassschleifen sich ins urbane Gewimmel hineinmogeln. Feldaufnahmen, Rauschflächen und Instrumentalaktionen mischen sich hier zum akustischen Mosaik einer Touristen-Metropole. Baltakas realisiert das hier mit dem eigenen LENsemble Vilnius in ausgesprochen energetischer Weise. Auf rein instrumentaler Ebene verbleibt das Quintett „Smokey Arnold“ (2015), das mit turbulenten Klang-Strudeln einen gelegentlich ironischen Kommentar zu Schönbergs „Pierrot Lunaire“ abgibt, ein Quäntchen gebrochene Nostalgie und Melancholie inklusive. Gewichtiger kommt der „Ouroborus-Zyklus“ (2004/05) daher: Aus fragmentarischen Holzbläserklängen und Vokalartikulationen entwickeln sich ekstatische Interaktionen von Sopran, Ensemble und Elektronik. (Kairos)

Clara Iannottas Streichquartette gehörten zu den bemerkenswertesten Kompositionen beim Ultraschallfestival 2020. Jetzt sind sie, einem Zyklus gleich, im Rahmen der Edition zeitgenössische Musik erschienen, mit gehöriger Tiefenschärfe durchmikroskopiert vom formidablen JACK Quartet, das so allmählich dem Arditti-Quartett seine Monopol-Stellung auf dem Terrain innovativen Streichquartett-Spiels streitig macht. Man könnte glauben, dessen klangforscherisches Potential sei mit Lachenmanns Gattungsbeiträgen eigentlich auserzählt, aber was Clara Iannotta hier aus scheinbar geläufigen Ressourcen hervorzaubert, schließt tatsächlich neue Klangräume auf: mit dünnhäutigen Mischwesen aus Geräusch und Oberton, wo feinste Nuancen größte Bedeutung und das Imperfekte eine neue Qualität erhalten. Die Quartette bilden dabei (vielleicht abgesehen vom kontrastiver angelegten Erstling „A failed Entertainment“, 2013) ein großes Ganzes, das in sich subtil und immer wieder anders ausdifferenziert ist. Ganz erstaunlich, was scheinbar geläufige Glissando-, Oberton- und Präparationstechniken in diesen Quartetten hervorbringen, deren Resultate die Komponistin selbst mit ihrer Affinität zu den Erscheinungen der Tiefsee in Verbindung brachte. Ein mikrophoniertes Abtauchen in opak schillernde Klangtiefen ohne greifbare Dimensionen von Raum und Zeit, das da in „dead wasps in the jam-jar (iii)“ (2017/18), „Earthing – dead wasps (obituary)“ (2019) und „You crawl over seas of granite“ (2019/20) sich vollzieht, mit feinsten Schwebungen und Interferenzen seiner Partikel. (Wergo) 

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