Alles anders?

Hochschulen sprechen mit einer Stimme, etwas monoton


(nmz) -
Wir schreiben das Jahr 2010. Es ist nicht Fünf vor Zwölf. Im Gegenteil, ein neuer Morgen scheint angebrochen zu sein für die deutschen Musikhochschulen, 60 Jahre nach Gründung der „Arbeitsgemeinschaft der Direktoren der Staatlichen Musikhochschulen in der Bundesrepublik einschließlich West-Berlins“, heute prägnant kurz: „Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen in der HRK“ (abgekürzt: RKM).
Ein Artikel von Martin Hufner

 24 Exemplare von ihnen gibt es, alle müssen und mussten sich wohl oder übel einigen Veränderungen stellen, die die Harmonisierung der Bildungsabschlüsse im europäischen Rahmen nötig werden ließen. Grundstimmung der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen: Es ist alles besser geworden oder wird dies noch. Es gibt höchstens noch offene Fragen, und weniger Geld und das Problem der schlecht bezahlten Lehrbeauftragten. Aber sonst?

Fangen wir mit dem „Aber sonst?“ einmal an. Zum ersten Mal überhaupt sprechen die deutschen Musikhochschulen mit einer gemeinsamen Stimme und formulieren in einem Positionspapier vier aktuelle Forderungen an die Politik. Man versteht „Musik als Bildung“, und damit verbunden ergeht an die Politik die Forderung, „in allen Schularten und Jahrgängen eine Doppelstunde Musik pro Woche obligatorisch“ zu machen. Die größten Mängel vermuten sie dabei in Grund- und Hauptschulen. Das zweite Ansinnen gilt der Rückführung der Finanzierung von kommunalen Musikschulen. Gab es früher die Regelung, dass zur Finanzierung zu je einem Drittel Land, Kommune und Eltern beitrugen, haben sich die Länder hier auf ein Maß von zehn Prozent zurückgezogen, so dass der Löwenanteil nun bei den Eltern liegt. In einem dritten Punkt fordern sie den Erhalt der Theater- und Orchesterlandschaft. Der langsame und stetige Abbau soll gestoppt werden. Ein Ausbau wird jedoch nicht vorgeschlagen. Im letzten Satz begründet die RMK dies damit, dass „das internationale Ansehen Deutschlands als einer führenden Kulturnation“ sonst gemindert würde. Das freilich ist ein Wert an sich, versteht sich. Im letzten Punkt fordern die Musikhochschulen einen „Dritten Zyklus“. Damit ist gemeint, dass man bestimmte künstlerische Leistungen solchen aus dem wissenschaftlichen Bereich gleichstellt. Man könnte das etwas salopp als künstlerische Promotion bezeichnen. Aber es gehören auch übergreifende Forschungsvorhaben, sogenannte künstlerische Entwicklungsvorhaben in diesen Bereich.

So weit so schön, es wird sich kaum ein Gegner finden, dem diese Vorstellungen nicht passten, außer selbstverständlich die Finanzministerien. Und zu Punkt 4 vielleicht auch die eine oder andere Universität, die ein anderes Selbstverständnis haben mag. Aber dazu sind Resolutionen ja irgendwie da, sie sollen guten Willen dokumentieren.

Anders sieht es aus bei Fragen, die den Bologna-Prozess in der Hochschulbildung betreffen. Das Positive zuerst: Mit den neuen Studiengängen zu Bachelor- und Masterabschlüssen und der damit einhergehenden Modularisierung des Studiums wird in den künstlerischen Fächern der Hochschulen die Verschulung gelockert; das ist gegenläufig zu vielen universitären Studiengängen. In Trossingen beträgt der Anteil der vollkommen frei wählbaren Studienleistungen beispielsweise zehn Prozent. Das war früher anders. Ferner bietet die Modularisierung die Möglichkeit, die Richtung des Studiums leichter zu wechseln. Man ist nicht mehr so festgenagelt. Das sind die Vorteile, neben der zumindest papierenen Möglichkeit, die Hochschule x-beliebig im europäischen Hochschulraum zu wechseln, wegen der gegenseitigen Anerkennung von Studienleistungen. Dabei zeigt sich allerdings, dass offenbar die Nähe zwischen deutschen und außerdeutschen Hochschulen viel größer ist, als die zwischen den deutschen Hochschulen selbst. 16 Landesverfassungen sind offenbar ein größeres Problem als nationale Grenzen.

Diese Vorteile sind aber nicht ohne Folgen. Jann Bruns, der Sprecher der Kanzlerinnen und Kanzler der deutschen Musikhochschulen, wies darauf hin, dass mit den verschiedenen neuen Notwendigkeiten auch Kostensteigerungen verbunden sind. Um die Verfahren durchzuführen, wurden üblicherweise Bologna-Beauftrage (befristet) eingestellt; um die Studiengänge zu akkreditieren, mussten Akkreditierungsagenturen beauftragt werden. Pro Studiengang kommen durchschnittlich 12.000 Euro (Zahlen gelten für die HMT Hannover) zusammen. Kosten für Reakkreditierungen, die notwendig sind, kommen etwa alle fünf Jahre erneut auf die Hochschulen zu. Der Mehraufwand für die Modulprüfungen kann, laut Bruns, in einzelnen Studiengängen bis zum Sechsfachen steigen und führt zu Personalaufstockungen in den Prüfungsämtern; die Kosten für die dafür erforderliche Software sollen in den letzten drei Jahren um 800 Prozent gestiegen sein. Weitere Preissteigerungen in diesem Bereich werden erwartet und sind angekündigt. Es ist klar, dass hier finanzielle Ressourcen aufgebraucht werden, die woanders dann fehlen: ausdrücklich in der Lehre oder in der künstlerischen Ausbildung!

Dafür gibt es jetzt als Entschädigung die Studiengänge mit den Abschlüssen Bachelor und Master. Kritik daran hat erst kürzlich der Präsident der Universität der Künste Berlin, Martin Rennert, formuliert. In einem Gastkommentar in der Zeitung „Die Welt“ fragte er: „Wie modularisiert man künstlerische Entwicklung? Lernt man das hohe C erst im Master? Kann ein Bachelor der Architektur ein Haus bauen oder besser doch nur eine Garage? B.A.-Schauspieler sollten nur im Vorabendprogramm aufscheinen, Tatort-Kommissare brauchen einen Master? Die Universität der Künste Berlin hat für ihre freien Künste Ausnahmen erkämpft. Aber in den meisten anderen unserer 40 Studiengänge arbeiten wir seit Jahren an der Begrenzung des Schadens, den die Qualität durch Verknappung und Verkürzung genommen hat.“ (19.11.2009)

Kritik dieser Art prallt an den Vertretern der RMK ab. Ein Künstler ist fertig, wenn er fertig ist. Man geht mit dem Problem um, als sei es mehr oder weniger nicht existent. „Wenn ein Schauspieler einen Master hat, ist es meistens ein Ausweis dafür, dass er nicht sonderlich gut ist, da parkt er nämlich noch“, meint Prof. Dr. Werner Heinrichs, der Vorsitzende der RMK. Inwieweit also der kleinere Abschluss, der Bachelor, ein berufsqualifizierender Abschluss sei, ist eine weitere Frage, der man eher ausweichend antwortete: „Ein Künstler ist fertig, wenn er zum Vorspiel geht“, sagt Prof. Jörg Linowitzki, Vizepräsident der RMK und ergänzt: „Wenn er dafür sieben Semester gebraucht hat, hat er dafür sieben Semester gebraucht; wenn er dafür neun Semester gebraucht hat, hat er dafür neun gebraucht. Ob ich das Ding Diplom oder Bachelor nenne, ist uns, als Musikhochschulen, letztlich sowas von egal, das können Sie sich gar nicht vorstellen.“ Der Grundgedanke von Bologna sei jedenfalls hervorragend, die Umsetzung dagegen sei „nicht hervorragend“, weil viel teurer als man angenommen hat.

Also alter Wein in neuen Schläuchen? Jörg Linowitzki sagt: „Der alte Wein, das ist das Hauptfach, der Unterricht bleibt der Gleiche. Ende der Durchsage.“ Oder heißt es nicht: alles beim Alten, statt vier Abschlüssen gibt es jetzt so viele verschiedene wie es Studierende gibt. Gleichzeitig explodieren jedoch die Kosten. Und so wird sich leider nicht viel ändern bei jenen, die als Lehrbauftragte eine Säule des Systems darstellen, gleichwohl sie als moderne Sklaven gehalten werden, wie man durchaus einräumt.

So gesehen wiegen die Nachteile die Vorteile offenbar mehr als auf. Könnte man meinen. Die RMK sieht es trotzdem anders und verteidigt den Bologna-Prozess, was insofern verständlich erschiene, als sich sonst in den „Art Tanks“ wenig bewegt hätte. Ob dieser Prozess tatsächlich so gründlich positiv zu bewerten ist, aus Ausbildungs- aber auch akademischer Sicht, daran bestehen Zweifel. Sichtbarer sind sie im Bereich der universitären Ausbildung, bei der der Bamberger Soziologe Richard Münch die Entwicklung eines akademischen Kapitalismus diagnostiziert, der freilich auch schon vor dem Bologna-Prozess eingesetzt hat. In der künstlerischen Ausbildung haben die Entwicklungen ein etwas anderes Gesicht. Zur Zeit will man ein gutes Gesicht machen und traut sich nicht daran, den Problemen auf den Grund zu gehen. Basta –alles eigentlich gut, klingt es über den Übezellen aus der Administration.

Ein gutes Gesicht will man übrigens auch mit der neuen Image-Kampagne der deutschen Musikhochschulen machen, die das ganze Spektrum der Leistungsfähigkeit in Exzellenz und Breite aufzeigen soll. Der Aktionstag vom letzten November wird als Erfolg gefeiert. Dass es mit der Kommunikation nach außen dennoch hapert, belegt ein bisschen die mangelnde Präsenz der Öffentlichkeit bei der Pressekonferenz. Fünf Vertretern der Musikhochschulen saßen drei Pressevertreter gegenüber (Deutschlandfunk, Deutschlandradio und die nmz).

Dossier: 
Musikhochschulen

Was viel wichtiger ist...

Hallo!
Ich habe gerade den Artikel gelesen und will mal meine Erfahrungen kurz loswerden.
Ich selbst habe an einer Musikhochschule studiert und denke es gibt auch noch andere Probleme. Zum Beispiel, was ist mit den ganzen klassischen Musikern, denen plötzlich die Aufgabe gestellt wird, populäre Musik zu spielen?
Sehr oft ist mir aufgefallen, dass perfekt spielende Studenten, beispielsweise Streicher oder Bläser, bei der doch (sollte man zumindest für einen Musikstudenten meinen) einfachen Aufgabe einen modernen Popsong zu spielen, kläglich versagt haben. Und diese Aufgabe wird zukünftig - vor allem in den pädagogischen Ausbildungen - immer wichtiger, weil sich auch der Musikunterricht ändern wird.
Hier sollten meiner Meinung nach die Hochschulen zukünftig anpacken, neue Lehraufträge, Seminare oder Vorlesungen ins Leben rufen um einem Musikstudenten nicht nur einseitig auf das Hauptfach, sondern auch mal die anderen Zweige der Musik vorzubereiten.


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