Alles easy, magic, groovy und connected?

Messenachlese 2015: Musikpädagogische Neuerscheinungen, Themen und Herausforderungen


(nmz) -
Gerade liegen zwei musikpädagogisch relevante Großereignisse hinter uns: Auf der Frankfurter Musikmesse und beim Musikschulkongress in Münster traf sich die Szene und konnte sich quasi im Schnelldurchlauf und anhand unterschiedlichster Formate über die aktuellen Themen austauschen. Partizipation, Inklusion und kulturelle Vielfalt waren die zentralen und durchaus herausfordernden Begriffe beim VdM-Kongress und auf den Messebühnen. An den Verlagsständen und in den Werbeprospekten zu den Neuerscheinungen für den Unterricht klingt das so: Ganz „easy“ sind sie angeblich, die Stücke aus den angepriesenen Spielheften und Lehrwerken, klingen aber von Anfang an einfach „magic“ und „groovy“. Vorausgesetzt natürlich, man ist entsprechend „connected“, vermutlich in erster Linie mit dem Internet, eventuell auch mit den Mitspielerinnen und -spielern, am Ende sogar mit der guten alten Lehrkraft aus Schule und Musikschule?
Ein Artikel von Renate Reitinger

Diese Zuspitzung wird dem auch in diesem Jahr wieder äußerst umfangreichen Angebot an neuen Publikationen sicher nicht vollständig gerecht, und bei näherer Betrachtung wird schnell deutlich, dass es vielfach um die gleichen Anliegen geht: Wie können möglichst viele Menschen qualitätvoll und mit Freude teilhaben am Musikleben, Musikerleben und aktiven Musizieren, unabhängig von Alter, Könnensstand, Herkunft oder Musikgeschmack? Wie können Lehrkräfte gegebenenfalls mit Hilfe neuer Materialien der Heterogenität ihrer Schülerschaft und der Heterogenität der Musikkultur professionell begegnen und umgekehrt potenzielle Schülerinnen und Schüler beziehungsweise Publikumsschichten einen möglichst barrierefreien Zugang zur Musikkultur erhalten?

Die digitale Revolution und die damit einhergehenden Möglichkeiten des informellen Lernens via YouTube & Co. führen dazu, dass die Grenzen zwischen Unterricht und wildem Lernen zunehmend verschwimmen. Diese machen die Lehrkraft nicht überflüssig, sondern eröffnen auch neue Chancen, aurale und schriftorientierte Didaktik weiter miteinander zu verzahnen. So nehmen etliche neue Lehrwerke und Materialien für sich in Anspruch, sowohl für den Unterricht als auch für selbstgesteuertes, autodidaktisches Lernen geeignet zu sein. Konzeption und Aufmachung beinhalten sowieso mittlerweile fast durchgängig Datenträger mit zusätzlichem Material, Audio-Dateien zum Mit- und Nachspielen, weitere Downloadmöglichkeiten im Netz, Video-Tutorials, mindestens jedoch ausführliche Kommentare, Hintergrundinformationen, Übetipps und anderes mehr.

Klavier für Wiedereinsteiger und Autodidakten

Besonders im Fach Klavier stechen einem eine Vielzahl an Neuerscheinungen ins Auge, die sich (auch oder hauptsächlich) an Erwachsene, Wiedereinsteiger und Autodidakten wenden. So zum Beispiel „Probier Klavier… ! Klavierschule für Anfänger und Wiedereinsteiger“, Band 1 mit CD von Klaus Dietz (Robert Lienau), in der Hits und Evergreens sowie poppige Eigenkompositionen des Autors das Repertoire bestimmen oder „Es ist nie zu spät … Klavier zu lernen“ von Pam Wedgwood (Edition Peters/Faber Music), ähnlich in der Stückauswahl, aber mit zusätzlichen Übehinweisen und Material für die ersten beiden (Unterrichts-) Jahre. Daniel und Jeannette Hellbach nennen ihre Klavierschule „Flying Fingers“ im Untertitel „Lehrgang für Klavier“ und bieten neben zwei CDs mit Solo- und Begleitversionen der Stücke auch ein eigenes Begleitheft für die Lehrkraft und kostenlos zugängliche Videoaufnahmen für das Selbststudium (Acanthus). Sie widmen sich insbesondere auch dem Erwerb von Noten- und Musiktheoriekenntnissen und der Improvisation und decken damit neben dem Erlernen der Spieltechnik zwei (nicht nur) für den Erwachsenenunterricht zentrale Lernfelder ab. Der zweite Band erscheint voraussichtlich im Januar 2016. Spielerinnen und Spieler auf Mittelstufenniveau will Lang Lang mit seiner fünfbändigen „Piano Academy: Mastering the Piano“ ansprechen (Edition Peters/Faber Music). Zwar werden hier explizit auch Kinder und Jugendliche angesprochen (vgl. nmz 5/2015, S. 12), die einzelnen „Lektionen“ rund um ein Stück können jedoch gerade auch Erwachsene zum Selbststudium anregen und sollen ihnen das Gefühl vermitteln, „vom Meister persönlich“ zu lernen.

Ergänzend gibt es ein fast unüberschaubares Angebot an leicht zu spielenden Pop-Kollektionen, Alben, Songbooks und „Easy Hits“ für Klavier, etwa die Reihe „Klimperspaß“ von Sikorski, die „Easy Charts“ von Schott oder die „21 Amazingly Easy Pieces“ von Barbara Arens (Breitkopf), die das Blattspiel mit Hilfe einfacher Stücke ermöglichen, die durch Satz und Fingersatz leicht zu realisieren sind, jedoch motivierend „kompliziert klingen“. Mit dem fünften Band der Reihe Urtext Primo (Wiener Urtext Edition) bietet Nils Franke den Klassikfans unter den Hobby-Pianistinnen und -Pianisten leichte Originalwerke von Chopin, Liszt und Hiller mit Übehinweisen, Kurzbiographien und Hintergrundinformationen in bewährter Urtext-Qualität, die den Übergang von der Klavierschule zum Literaturspiel erleichtern sollen und gemeinsam mit den bereits erschienenen Bänden eine einschlägige Sammlung an Originalwerken vom Barock bis zur Romantik darstellt. Explizit an Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger wendet sich – mit prominenter Unterstützung durch Entertainer Harald Schmidt – die von Sylvia Hewig-Tröscher herausgegebene Reihe „Am Klavier“ (Henle Urtext). 2015 erscheinen die Bände zu Bach, Beethoven, Chopin, Grieg, Liszt, Schubert und Schumann, ebenfalls mit leichten bis mittelschweren Originalwerken und wertvollen Kommentaren und Übetipps in hochwertiger Ausführung, trotz moderater Preisgestaltung. Anfängerinnen und Anfänger aller Altersgruppen dürfen schließlich auf die von Sigrid Naumann unter dem Titel „Spielregeln – Spielräume“ entwickelte Sammlung von leichten Klavierstücken aus vier Jahrhunderten gespannt sein, die jeweils mit improvisatorischen Einstiegen und weiterführenden Gestaltungsmöglichkeiten kombiniert werden und über die Improvisation ein tieferes Verständnis für Struktur und Form der Kompositionen vermitteln können (demnächst bei Breitkopf).

Elementare Musikpraxis und Instrumentalunterricht

Die Lehrwerke für die Altersgruppe der unter 3-Jährigen, die bisher vor allem in der Eltern-Kind-Pädagogik eingesetzt wurden, werden künftig ergänzt durch das von Ruth Wörner erarbeitete Konzept „Musikwichtel“ für den Unterricht in Kindertagesstätten – ohne Eltern (Schott). Die Basis bilden am Jahreskreis orientierte Spielsituationen, die von den Lehrkräften wie in einem interaktiven Konzert inszeniert werden sollen. „Timpano“ heißt das neue Lehrwerk für die elementare Musikpraxis von 0–10 Jahren, das neben den klassischen Lehrplaninhalten auch die Themen Inklusion und Frühinstrumentalunterricht berücksichtigt. Das Autorenteam aus Spezialistinnen und Spezialisten für Elementare Musikpädagogik, Tanz und Rhythmik hat ein in Themenkreise gegliedertes Gesamtkonzept mit zahlreichen Materialbausteinen erarbeitet, das voraussichtlich im Herbst erscheinen wird (Bosse). Für die Arbeit mit musikinteressierten Menschen im (späten) Erwachsenenalter gibt es das neue Praxisbuch „Musik und Tanz 66 plus“ von Michael Forster, das sich als Sammlung von kommentierten Stundenbeispielen und Materialien an Elementare Musikpädagoginnen und -pädagogen wendet, die sich dieser immer größer werdenden Zielgruppe zuwenden und hierfür auf vielfach praxiserprobtes Material,weitgehend jenseits des tradierten Repertoires, zurückgreifen wollen (Schott).

Insbesondere stilübergreifende Aspekte versucht Barbara Strack-Hanischs Saxophonschule „Magic Saxophone“ zu integrieren. Improvisation, moderne Spieltechniken, Body-Percussion und stilistisch breites Spielmaterial in je zwei Bänden und Spielheften für Alt- und Tenorsaxophon sollen dabei Spielfreude und Lernerfolg gewährleis­ten (Universal Edition). Den ungebrochenen Trend zur (preisgünstigen und handlichen) Ukulele in Einzel-, Gruppen- und Klassenunterricht greift die von Michael Fromm entwickelte Schule „Uku & Lele. Spielend Ukulele lernen“ auf (Helbling). Eltern und Kinder können hier mittels der begleitenden Video-Tutorials auch jenseits des Unterrichts auf Anleitungen und Unterstützung für das häusliche Üben zurückgreifen. Im Streicherbereich gibt es ergänzend zum „Sassmannshaus“ unter dem Titel „Sassmannshaus Violin Album“ zwei neue Spielhefte für Geige und Klavier für die erste Lage. Alle Stücke finden sich als Einspielungen bei YouTube (Bärenreiter). In Vorbereitung befinden sich mit „The Groove String/Cello ConneXion“ zwei Sammlungen für Streicher- und Cello-Ensemble von Gunther Tiedemann, die ebenfalls durch umfangreiches Material und Videos auf CD-ROM ergänzt werden und durch die Einbeziehung von Hinweisen zum freien Umgang mit den Stücken sowie die Kombination der beiden Hefte auch Anregungen für (Live-)Arrangements bieten (Breitkopf). Als neues Grundlagenwerk für den Streicherbereich kann ohne weiteres Barbara Maurers „Saitenweise. Neue Klangphänomene auf Streichinstrumenten und ihre Notation“ gelten (Breitkopf). Mit allgemeinen instrumentalpädagogischen Fragestellungen befassen sich sowohl die Publikation von Ivo Ignaz Berg zum Thema „Musikalische Spannung: Grundlagen und Methoden für den Instrumentalunterricht“ (Die Blaue Eule) als auch der demnächst bei Breitkopf erscheinende umfassende Sammelband „Grundwissen Instrumentalpädagogik. Ein Kompendium für Studium und Beruf“, herausgegeben von Barbara Busch.

Musikvermittlung und Konzertpädagogik

Das Interesse an Materialien zur Musikvermittlung und Konzertpädagogik ist weiterhin ungebrochen. Edition Peters/Ries & Erler bieten zur besseren Orientierung hierfür bereits seit einigen Jahren einen eigenen Katalog an und mit Philipp Matthias Kaufmanns „Wirbel im Orchester“ (Breitkopf), dem dritten Band der Reihe „Listening Lab“ zu Berios „Rendering“ von Constanze Wimmer und Helmut Schmidinger (Universal Edition) und den angekündigten Materialien zu John Cage – „Everything we do is music. John Cage in the Classroom, Bd. 1“ – von Julia Winterson gibt es wieder interessante Neuerscheinungen. Abschließend sei noch auf den von Michaela Schwarzenberg und Julia Hinterberger herausgegebenen Sonderband „Individuum – Collectivum. Musikpädagogische Forschung Öster-reich“ (Universal Edition) verwiesen, der am Beispiel von Vinko Globokars Modellsammlung vielfältige Perspektiven auf ein umfangreiches Forschungs- und Praxisprojekt eröffnet, inklusive eines Beitrags zum Thema Inklusion.

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